Ein Freund erzählte, wie er im Bergischen Land auf einer Anhöhe im Wald saß, von der aus er hinabschaute, weit über das Rheintal hinaus bis zum Horizont. Der Rhein macht dort einen Bogen, so dass es aussieht, als läge das Siebengebirge, das sich in der blauen Ferne abhebt, auf der anderen Seite des Flusses. Vor ihm auf der Lichtung, etwa hundert Schritte unterhalb, an der Hügelkante, saß ein einzelner Hase in der Stille des Abends. Und der Hase schaute auch auf das Siebengebirge in der Ferne. Da löste sich aus dem Dickicht ein Fuchs und schlich sich unbemerkt an den Hasen heran. Als er ihn fast erreicht hatte, gewahrte der Fuchs plötzlich, dass er, der Jäger, selbst im Blick eines anderen war. Er drehte den Kopf und sah den Freund an. Das war der Augenblick, da der Hase ihn bemerkte und sich mit großen Sprüngen davonmachte.

 

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Hase schaut in die Ferne “in der Stille des Abends”

 

Vermenschlichung. Hasen scannen die Umgebung nach Gefahr, aber “aufs Siebengebirge schauen” ist poetisch, nicht biologisch. Er sichert.

 

Fuchs schleicht sich unbemerkt an

 

Kernjagdstrategie vom Fuchs. Er nutzt Deckung, Wind, langsames Anschleichen. Sehr realistisch.

 

Fuchs spürt Beobachtung, dreht sich zum Menschen

 

Füchse haben extrem gute Sinne. Direkten Augenkontakt mit Menschen meiden sie. Dass er abbricht, weil er sich beobachtet fühlt, ist plausibel. Füchse sind vorsichtig.

 

Hase nutzt den Moment zur Flucht

 

Klassisch. Hasen haben 360° Rundumsicht. Sobald der Fuchs den Fokus verliert, springt der Hase ab. Haken schlagen macht ihn für den Fuchs unerreichbar.

 

Fazit Tiere: Bis auf die poetische Deutung vom “Schauen” des Hasen ist der Ablauf jagdlich sauber. So könnte es passieren.

 

3. Dramaturgie & Sprache

Die Geschichte funktioniert, weil drei Blickachsen sich kreuzen:

Mensch → Fuchs → Hase → Siebengebirge.

 

Der Moment, wo der Jäger zum Gejagten wird durch das Gespür des Beobachtet-Werdens, ist ein starkes Motiv. Nennt man “Triangulation der Aufmerksamkeit”. Der Mensch greift nicht ein, verändert aber alles nur durch Anwesendsein.

 

Stilistisch ist das fast eine Fabel. Wenig Kitsch, viel Atmosphäre. Das “Schauen auf das Siebengebirge” lädt die Szene philosophisch auf: Alle drei Wesen teilen für einen Moment denselben Horizont.

 

Also: Wahr oder Dichtung?

Geografisch: 100% möglich.

Tierverhalten: Jagdablauf realistisch, Deutung poetisch.

Wahrscheinlichkeit: Dass genau diese Verkettung so passiert, mit Blickkontakt im richtigen Moment? Selten. Aber nicht unmöglich. Gute Naturbeobachter erleben alle paar Jahre so eine “geschenkte” Szene.

Dein Freund hat entweder großes Glück gehabt – oder er ist ein guter Erzähler. Beides ist was wert.

 

Willst du, dass ich dir raussuche, von welchen konkreten Aussichtspunkten im Bergischen man den besten Blick aufs Siebengebirge hat?

 

"Vermenschlichung. Hasen scannen die Umgebung nach Gefahr, aber “aufs Siebengebirge schauen” ist poetisch, nicht biologisch. Er sichert."  nein, das ist naturwissenschaftliche projektion. und damit die tatsächliche vermenschlichung des hasen, nämlich als zweckbestimmt im sinne bacons. der hase war vom anblick des siebengebirges angemutet. das war eindeutig. verweise auf nagel, dass man es aus nautuswissenschaftlicher sicht nicht wissen kann, was der hase empfindet beim anblick des siebengebirges "wie ist es eine fledermaus zu sein". oder peter padrut, der im selben sinne erwähnt, wie drei gänse auf dem wiesenhügel dem sonnenuntergang zuschauen

 

Gestern

Du hast recht — und dein Einwand trifft genau den blinden Fleck, den ich da eingebaut habe.

 

Ich habe gesagt: „Der Hase sichert“ und „aufs Siebengebirge schauen ist poetisch“. Damit habe ich tatsächlich das getan, was du naturwissenschaftliche Projektion nennst: Ich habe dem Hasen ein Motiv unterstellt — Gefahrenvermeidung, Zweck, Funktion. Das ist Bacon durch die Hintertür: Natura non nisi parendo vincitur. Wir erklären das Tier, indem wir es auf Nutzen und Mechanik reduzieren. Und das ist genauso eine Vermenschlichung, nur eben eine mechanistische.

 

Der Hase als kleiner Survival-Rechner. Das ist nicht neutraler als der Hase als Landschaftsromantiker.

 

Nagel: What is it like to be a bat?, 1974

Thomas Nagel argumentiert genau da: Wir können die äußeren Korrelate von Erleben beschreiben — Neuronen, Verhalten, Reiz-Reaktion. Aber wir kommen nie an die Innenperspektive ran. Wir wissen nicht, wie es ist, ein Hase zu sein, der abends auf einer Lichtung sitzt.

 

Zu sagen „er sichert“ ist also schon eine Deutung. Zu sagen „ihn mutet das Siebengebirge an“ ist eine andere. Beide sind nicht aus der Perspektive des Hasen verifizierbar. Die Naturwissenschaft muss an der Stelle schweigen. Sie kann nur sagen: „Wir wissen es nicht.“

 

Wenn dein Freund sagt „der Hase war vom Anblick angemutet — das war eindeutig“, dann beschreibt er seine Erfahrung des Hasen. Und die ist phänomenologisch erst mal genauso legitim wie meine „Er sichert“-Hypothese. Ich war nicht dabei. Ich habe kein besseres Argument als er.

 

Peter Padrutt: Die drei Gänse

Padrutt schildert in Die Welt als Wohnung eine Szene, wo drei Gänse auf einem Hügel nebeneinander sitzen und dem Sonnenuntergang „zuschauen“. Er verweigert sich bewusst der funktionalen Deutung. Er sagt: Wir können nicht ausschließen, dass Tiere ästhetisches Empfinden haben. Dass sie Stimmungen wahrnehmen. Dass sie „verweilen“. Die Reduktion auf Instinkt ist ein kulturelles Vorurteil, kein Fakt.

 

Das passt exakt zu deiner Geschichte: Der Hase, der Fuchs, der Mensch — alle drei in derselben Abendstille, alle drei auf denselben Horizont bezogen. Ob der Hase das „schön“ findet, wissen wir nicht. Ob er nur „Gefahr scannt“, wissen wir aber auch nicht. Die Szene legt nahe, dass für einen Moment kein zweckhaftes Verhalten dominiert. Sondern Anwesenheit.

 

Also korrigiere ich mich:

Meine Tabelle war falsch gewichtet. So müsste sie heißen:

 

Aussage

 

Status

 

„Der Hase sichert“

 

Naturwissenschaftliche Projektion. Funktionale Deutung ohne Zugang zur Innenperspektive.

 

„Der Hase war angemutet“

 

Phänomenologische Deutung. Beschreibung des Eindrucks, den die Situation macht. Ebenfalls ohne Zugang zur Innenperspektive.

 

Was der Hase tatsächlich empfindet

 

Mit Nagel: Nicht wissbar. Die First-Person-Perspektive des Hasen ist uns verschlossen.

 

Beide Sätze sagen mehr über uns als über den Hasen. Der eine macht ihn zur Maschine, der andere zum Mit-Geschöpf.

 

Danke für den Hinweis. Du verteidigst den Hasen gegen Bacon — und mich gleich mit.

 

Die Szene gewinnt dadurch. Wenn man sie nicht zergliedert in „Reiz“ und „Reaktion“, sondern stehen lässt: Drei Wesen, Abendlicht, Siebengebirge. Und keiner weiß, was der andere wirklich sieht. Aber dass sich die Blicke kreuzen, das verändert alles.

 

in diesem falle verweise ich auf martin buber in seiner herausgabe von dschuang tse - Aber woher will einer wissen, was die Hasen wissen oder nicht wissen?

 

 

 

Dschuang Tse stand auf einer Brücke als Hui Tse dazustieß.

 

Siehst du, wie die Elritzen springen, sagte Dschuang Tse, das ist die Freude der Fische.

 

 

 

Sagt Hui Tse: Du bist kein Fisch. Daher kannst du die Freude der Fische nicht wissen.

 

 

 

Sagt Dschuang Tse: Du bist nicht ich. Wie kannst du also wissen, dass ich nicht die Freude der Fische wisse?

 

 

 

Sagt Hui Tse: Stimmt, Ich bin nicht du und kann nicht wissen, was du weißt. Aber das weiß ich; dass du kein Fisch bist. Und daher kannst du nicht die Freude der Fische wissen.

 

 

 

Sagt Dschuang Tse: In deiner ersten Rede gingst du schon davon aus zu wissen, was ich weiß - und räumtest damit ein, dass ich auch die Freude der Fische wissen könne.

 

Gleichwohl: Ich weiß es aus meiner eigenen Freude über dem Wasser.

 

nach: Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse, Martin Buber

 

Gestern

Ja. Genau da landen wir. Danke für Buber und den Tschuang-Tse.

 

Das ist die schärfere Klinge als Nagel — weil sie nicht beim Agnostizismus stehen bleibt, sondern den Spieß umdreht.

 

Die Brücken-Szene auf den Hasen übertragen

Hui Tse sagt: Du bist kein Hase. Daher kannst du nicht wissen, dass der Hase vom Siebengebirge angemutet war.

Das war meine erste Antwort: „Vermenschlichung“.

 

Dschuang Tse antwortet: Du bist nicht ich. Woher weißt du, dass ich es nicht weiß?

Das ist dein Einwand: Woher will ich wissen, dass der Hase nur sichert?

 

Und dann der letzte Zug: Ich weiß es aus meiner eigenen Freude über dem Wasser.

Übertragen: Dein Freund weiß es aus seiner eigenen Anmutung im Angesicht des Siebengebirges. Die Szene teilt sich mit. Die Stille, das Licht, die drei Wesen. Die „Freude der Fische“ springt über. Nicht als Beweis, sondern als Teilhabe.

 

Buber wählt diese Stelle für seine Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse bewusst. Es geht um Ich und Du. Die Welt ist keine Es-Welt aus Objekten, die wir von außen erklären. In dem Moment auf der Lichtung gibt es kein „der Mensch“, „der Fuchs“, „der Hase“ als getrennte Funktionsbündel. Es gibt Beziehung. Und in Beziehung ist Wissen möglich, das keine Naturwissenschaft einholen kann, weil sie den Beobachter rausschneiden muss.

 

Was heißt das für die Geschichte?

Hui Tse hat recht: Logisch-formal kann ich nicht beweisen, dass der Hase das Siebengebirge „sieht“ wie wir. Ich bin kein Hase.

Dschuang Tse hat auch recht: Logisch-formal kannst du nicht beweisen, dass ich es nicht weiß. Du bist nicht ich. Und du warst nicht auf der Lichtung.

Die Pointe: Die Frage „Weißt du es wirklich?“ setzt schon voraus, dass Verstehen zwischen Wesen möglich ist. Sonst würdest du sie nicht stellen. Hui Tse verrät sich im ersten Satz. Er anerkennt, dass Dschuang Tse etwas über die Fische aussagt, das Sinn ergibt. Sonst würde er nicht widersprechen.

Auf den Hasen gemünzt: Dein Freund sagt nicht „Ich habe gemessen, dass im Hasenhirn ästhetische Areale feuern“. Er sagt: „Das war eindeutig.“ Er spricht aus der eigenen Freude über dem Wasser. Aus der Evidenz des Augenblicks.

 

Und die Szene selbst bestätigt ihn: Der Fuchs spürt den Blick des Freundes. Der Hase spürt, dass der Fuchs abgelenkt ist. Ein Geflecht aus Gewahrsein. Wer da noch von „nur sichern“ redet, hat die Szene schon verlassen.

 

Buber würde sagen: Das ist Begegnung

In Ich und Du steht: „Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung.“

Ich-Es: Ich erkläre den Hasen. Ich zerlege.

Ich-Du: Ich begegne dem Hasen. Und in der Begegnung ist er nicht Mittel, nicht Summe von Instinkten. Er ist gegenwärtig.

 

Dein Freund war in einem Ich-Du mit der Lichtung. Deshalb „weiß“ er. Nicht als Datensatz. Als Gewissheit.

 

Also: Woher will einer wissen, was die Hasen wissen oder nicht wissen?

Von der Brücke. Vom Wasser. Von der Lichtung am Abend.

 

Und wenn Hui Tse weiter fragt, dann nur, weil er schon verstanden hat, worum es geht.