Der Leviathan in einer Bibelillustration

aus dem dreizehnten Jahrhundert

Leviathan

 

In der Staubwelt ähnelt keines ihm Hiob

 

(Textauszug)

Eine der Weichenstellungen die zum  naturwissenschaftlichen Denkens führten, besteht in jener Definition, nach der Erkenntnis nur die Erkenntnis eines Nutzens sein könne. Im sechzehnten Jahrhundert wurde sie von Francis Bacon geprägt. 

 

In der Konsequenz lassen Bacons Erkenntniskriterien auch den Menschen, das Subjekt des Nutzens, als vom Nutzen bestimmt erscheinen, dem eine Wirklichkeit ausser der des Zwecks nicht zugestanden werden kann.

 

Der Zweck ist sich darin selbst zum Zweck geworden, in sich selbst kreisend, sein Subjekt verschlingend.

Das Subjektivistische des Nutzdenkens erscheint entpersonalisiert als Absolutum, das Universum als Descartes Ideale Maschine.

Das Zweckhafte, das sich selbst Zweck ist, sich selbst begründend, ist der in sich selbst kreisende ontologische Zirkelschluss schlechthin. Das Bild des Leviathan. 

  

Das ist der  Schwanzbeisser, den man in  allen Kulturen seit der Antike kannte,

der Ouroboros, die Schlange, der Lindwurm oder der Drache, der, sich um die Welt windend, in den eigenen Schwanz beisst.

Die Midgardschlange bei den Germanen.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                       

Im Judentum wird er Leviathan  genannt.

Die Bibel erwähnt ihn in der Hiob-Geschichte und in den Psalmen.

Hiob hadert mit Gott, wegen seines Schicksals. Gott antwortet ihm schließlich aus dem Wetter. Im folgenden Zwiegespräch fragt Gott den Hiob:

Willst du den Leviathan am Haken ziehen, ihm mit dem Seil die Zunge senken? ... In der Staubwelt ähnelt keines ihm. Alles Hohe besieht er sich (verachtet er). Er ist König allen Söhnen des Stolzes.                   Hiob  40:25/41:34Buber / Rosenzweig

Das hebräische Wort  aphar  -  עפר - bedeutet wörtlich: Staub, Boden. 

Daher übertragen Martin Buber und Franz Rosenzweig den Hinweis auf das Reich des Leviathan mit der Wendung in der Staubwelt. 

Die Übersetzung Luthers,  Auf Erden... vom lateinischen Terram, so auch die deutsche Einheitsübersetzung, ist irreführend und verfehlt den Sinn des hebräischen Urtextes, da hier unterschieden wird und es eben nicht  al aretz -auf Erden ...  heißt, sondern al aphar -  vom Staub, mithin die Materie, die Staubwelt gemeint ist.

Der Begriff bezieht sich auf den materiellen, den ersten der astrologischen Quadranten, die Causa Materialis der vier Kausalitäten.  Der Leviathan ist der Herr der Titanen. Nicht der Herr der Erde und nicht der Menschen.

(...)

   

Der Staat als Drache 

Ein anderer, ebenfalls aus dem angelsächsischen Nominalismus hervorgehender Philosoph war Bacons Schüler und zeitweiliger Sekretär Thomas Hobbes. Auch er setzte Erkenntnis mit Benutzbarkeit gleich und benannte, im Sinne der Zweckbestimmtheit folgerichtig, den starken Staat als Leviathan.

Dieser absolute Staat, der Leviathan des Thomas Hobbes, sollte ein Ordnungs- und Friedensgarant sein, dem, weil ihm die größte Macht überantwortet wird, sich alle zu fügen haben. 

Hobbes' Leviathan wurde zum Inbegriff der vermeintlichen Befriedung, die von einer starken Zentralmacht ausgeht. Dem entspricht es, wenn das Bild des Drachen in China mit der Etablierung der ersten Zentralmacht zum Staatssymbol wurde. Der Herrscher von Qin, welcher die Streitenden Reiche unterwarf und China unter eine Herrschaft zwangsvereinigte, führte das Bild des Drachen als Staatswappen ein. 

Der Drache gilt hier, wie nahezu im gesamten ostasiatischen Raum, als Frühlingsbringer und Glückszeichen. Als Tierkreisphase entspricht er der Zeit des Widders, beginnend mit dem Frühling. Das nachfolgende Zeichen Schlange, im westlichen Tierkreis Stier, wird dort mitunter auch Kleiner Drache genannt.                                        

In der Münchner Rhythmenlehre ist dies der Beginn des Verbundes der titanischen Tierkreiszeichen, Widder, Stier, Zwilling.   

Wenn der Anfang des Tierkreisjahres. da die Sonne den Frühlingspunkt erreicht und in das Marszeichen Widder eintritt, als Drache erscheint, so bedeutet dies, dass sich der Mars im Bauch des Leviathan befindet. Er ist zum Pluto geworden.  

 

Das ist der Zwang des Kollektivs, in welchem der eigene Anfang des Individuums verdrängt wird. So auch der Drache des Hobbes, bei dem es die Gemeinschaft ist, die als einheitlicher Block den Leviathan bilden soll. Ähnlich wie auf der Titelblatt-Illustration von Hobbes' Manifest ist es beim Ritual des Drachentanzes am chinesischen Neujahrsfest die Menschenmasse, die sich zum Drachen formt. 

Geboren wurde Thomas Hobbes, laut eigener Angabe, am 5. April 1588, (gregorianisch 15.04.1588), zwischen vier und sechs Uhr morgens in Malmesbury. 

 

  

So ergibt sich ein Sonnenstand von 25, 3° Widder. 

Es fällt auf, dass alle Planeten des Verbundes Widder, Stier, Zwilling, Ausgang, Durchführung und Ziel sowie der Saturn als Herrscher des MC im Stier im ersten Haus versammelt sind.  

Am Aufgang steht 14° Widder. 

Es ist der Pluto im zwölften Haus, der den Leviathan anzeigt, der die Wasser umschlungen hält und über den besetzten Mars im ersten Haus im Stier die Gemeinschaft erzwingen und das Individuum dem Leviathan einverleiben soll. Veröffentlicht hat Hobbes sein Werk Leviathan mit 63 Jahren, im Zuge der Pluto-Auslösung über den Mond im neunten Haus, nachdem er im Jahre 1651 aus dem französischen Exil nach England zurückgekehrt war und sich Cromwell angedient hatte, den er wohl als faktischen Souverän im Sinne seiner kollektivistischen Gesellschaftstheorie betrachtete.

Dies, statt im Sinne des Mars' den Gemeinschaftszwang zu kennzeichnen und bloßzustellen.

 

 

Cromwell, geboren am 25. April 1599,  gregorianisches Datum  5. Mai 1599,  hat einen Sonnenstand von 14° Stier,  auf dem Merkur des  Hobbes.

 

 

Das Manifest des Leviathan kann als eine programmatische Beschreibung der Cromwellschen Diktatur gelten.  

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- Wie kam es zu jener Weichenstellung des  naturwissenschaftlichen Denkens durch Bacons Definition, Erkenntnis könne nur die Erkenntnis eines Nutzens sein. Welche geistesgeschichtliche Entwicklung macht es möglich, Erkenntnis auf Nutzen zu reduzieren?

 

- Sie ergab sich aus der Philosophie des englischen Nominalismus. Dieser verneinte im Universalienstreit eine Wirklichkeit der Ideen, der Universalien, und betrachtete jegliche Begriffsbildung als eine vom Menschen ausgehende Namensgebung. 

So sei Rose der Name der realen Pflanze, die als Rose benannt ist, aber der Begriff, die Idee der Rose, ein Rosenhaftes oder eine Rosenheit als Wesentliches aller Rosen habe keine Realität, sondern betreffe nur die Merkmale der Menge aller realen Rosen.

Die Zuordnung der einzelnen Rose zu einem Rosenhaften als Universalie aller Rosen aber gehe vom Menschen aus.

Da die einzelne Rose nichts von ihr wisse, sei die Idee der Rose als ein über die Realität der einzelnen Pflanze hinaus gültiger Begriff nur eine menschliche Benennung.

Ein Rosenhaftes, welches in den einzelnen Rosen anwesend wird, ist darin verneint.

 

- Die Erkenntnis der Rose als ein Entgegenkommendes, im Erkennen als Gestalt gegenwärtig werdend, ist hier verweigert.

 

- In einer Erkenntnislehre, die ein eigenes Wesen der Dinge verneint, welches im Erkennen anwesend wird, kann Erkenntnis folgerichtig nur noch als Erkenntnis des Nutzens bestehen.

So kam es zu Bacons Erkenntnistheorie.

 

- Letztlich ist darin jedoch auch das Subjekt des Nutzens, der Mensch, als Wirklichkeit aufgehoben, da er denselben Erkenntniskriterien unterworfen, auch nur noch durch Nutzen bestimmt ist und ihm eine Wirklichkeit unabhängig von der Benutzbarkeit nicht zugestanden werden kann.

 

- Der Zweck ist sich darin selbst zum Zweck geworden und verschlingt, in sich selbst kreisend, sein Subjekt.

 

- Die Frage ist dann nicht mehr: Was dient dem Zweck und wem dient der Zweck? - sondern Subjekt und Objekt werden gleichermaßen mit Zweck identifiziert und als Zweck-an-sich aufgefasst.

 

- Der Zweck wird allgemein. Zur Universalie schlechthin.

 

- Der Subjekt- und Objektbezug des Zwecks erscheint in der Naturwissenschaft neutralisiert und generalisiert. Der Zweck wurde damit apersonal. Gemäß Bacons Definition, nach der jegliche Erkenntnis nur die des Zwecks sein könne, trat der Zweck dem Menschen nun anstelle des Objekts entgegen, so dass in der Wissenschaft jedes Ding, jedes Geschehen als Zweck-an-sich begriffen wird.        

 

- Die Folge war, dass bei Descartes Pflanzen, Tiere und menschliche Physis zu Maschinen erklärt werden. Eine Sicht, die zur Grundhaltung wissenschaftlichen Naturverständnisses wurde.

 

- Die vorgebliche Objektivität der Wissen-schaft stellt sich darin tatsächlich als die Generalisierung des Zweckdenkens dar, welches subjekt- und objektlos geworden ist. Seine Neutralität oder Apersonalität wird mit Objektivität verwechselt.

 

- Das Subjektivistische des Nutzdenkens erscheint entpersonalisiert als Absolutum, das Universum als Descartes Ideale Maschine.

 

 - Hobbes hatte schon diese Vorstellung. Er bezeichnete den Staat, auf den er die Metapher des Leviathan anwandte, auch als Maschine.

 

- Das Symbol des Drachen als Bild des Staats scheint sich unter ähnlichen Vorzeichen zu wiederholen.

Die Streitenden Reiche im alten China wurden unter der Herrschaft des späteren Kaisers Qin vereinigt. Er war es, der das Bild des Drachen als Staatswappen festlegte. 

Auch der im Zeichen Widder geborene Hobbes proklamierte den Drachen, den Leviathan, als zentrale Ordungsmacht angesichts der Wirren des englischen Bürgerkriegs von 1642 bis 1649 zwischen König und Parlament.

 

- Das Frühlingszeichen Drache des chinesischen Tierkreises hat offenbar einen Bezug zum Frühlingszeichen Widder.

 

- Auch die anderen Bilder des chinesischen Reigens entsprechen in ihrer Stellung im Jahreslauf den adäquaten Phasen des westlichen Tierkreises. Der babylonische Einfluss ist offensichtlich.

 

- Die Bildhaftigkeit der chinesischen Zeichen  kann ungewohnte Einsichten zum griechischen Tierkreis vermitteln; so erscheint der Stier als Schlange, auch Kleiner Drache genannt. Das Tier der Wege, das Pferd deckt sich mit dem Zeichen Zwillinge. Die Ziege mit dem launischen Krebs, der angeberische Affe mit dem Löwen, der Hahn mit der Jungfrau, die Waage mit dem Hund, Skorpion mit dem Schwein, der aktualitäts-beflissene Schütze mit der Ratte, der Steinbock mit dem Fischschwanz entspricht dem Wasserbüffel, der Wassermann der Katze, das Zeichen Fische dem flüchtigen Hasen. 

Die Katze gibt die Spannung des Wassermann zum Gegenzeichen Löwe wieder. Und der Affe, das menschenähnliche Tier, die Spannung des Löwen zum Gegenzeichen Wassermann.

 

- Vom Affen gibt es die Geschichte, in der der Kaiser mit seinem Gefolge auf einem Schiff den Strom hinab fuhr. Sie kamen an einer Insel vorbei. Auf dem Felsen stand ein Affe, schaute neugierig auf den Kaiser und warf sich in die Brust. Da befahl der Kaiser einen Pfeil auf den Affen abzuschießen.

Dieser aber war so geschickt, dass er den Pfeil mühelos auffing, ihn hin und her schwenkte und den Bogenschützen verspottete. Darauf befahl der Kaiser zehn Pfeile auf den Affen zu schießen.

Aber auch diese fing der Affe in seiner Geschicklichkeit auf.

Da befahl der Kaiser hundert Pfeile auf den Affen abzuschießen.

Das war der Tod des Affen.

 

- Was will das besagen?

 

- Die Unabhängigkeit der Eigenbewegung. Bei den Kollektiven und ihren Repräsentanten sollten Löwe und Wassermann keine Bestätigung suchen. 

 

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(C) Herbert Antonius Weiler / לגL. 2016