Der Einschüsser

 

 

Als das Dorf noch Läden und Schaufenster beheimatete und auf den Straßen und Bürgersteigen noch Fußgänger anzutreffen waren, hatte er beim Frisör eine Lehre begonnen. Damals war das Frisörsgeschäft das einzige seiner Art im Dorf gewesen. Der Frisör hieß Schniggen, so wie eine Nachbargemeinde, die eine halbe Stunde Busfahrt weiter östlich im Bergischen Land liegt. Zugleich schien der Name eine gewisse Sinnfälligkeit zu enthalten: Man ging zum Frisör Schniggen, um sich die Haare schneiden zu lassen, „de Hoor schniggen“ – im rheinischen Dialekt.

 

Auf der linken Seite der Ladenfront, die das gesamte Untergeschoss des Hauses einnahm, befand sich der Frisörsalon, auf der rechten Seite, mit einem weiteren Eingang, das zugehörige Haarpflege- und Kosmetikangebot. Die Frau des Frisörs führte diese Abteilung, in der es auch rosafarbene und hellblaue Negligees und andere, ähnliche Accessoires für Frauen zu kaufen gab.

 

Sie hatten einen Sohn, der auch das Handwerk seines Vaters lernen sollte. Seine Eltern hatten ihm ein Luftgewehr gekauft. Damit übte er im Garten hinter dem Haus. Jedoch kam es vor, dass er hin und wieder auf Leute schoss.

Einmal hatte er den Sohn des Schrotthändlers erwischt, der ihn daraufhin verfolgte und ihm auch nachsetzte, als er in den Kellereingang auf der tiefergelegenen Rückseite des Hauses flüchtete und die Treppen hinaufeilte, um sich im Obergeschoss, in der Küche, hinter seiner Mutter zu verbergen. Der Sohn des Schrotthändlers zog ihn trotz des Gezeters dort hervor und versetzte ihm einige heftige Schläge.

 

Gleichwohl blieb das Luftgewehr eine Attraktion und auch der neue Angestellte durfte damit schießen. Einmal kam der Nachbarsjunge vorbei und der Angestellte überreichte ihm das Gewehr um ihm den Umgang damit nahezubringen. Zunächst schossen sie hinter dem Haus auf Blechbüchsen, dort wo es zu den Wiesen und Gärten ging und wo hinter dem Bach der Waldhang begann.

Dann ging es vor dasDie Frau des Frisörs führte diese Abteilung, in der es auch rosafarbene und hellblaue Negligees und andere, ähnliche Accessoires für Frauen zu kaufen gab. -  Haus und der Angestellte schlug vor, nun auf die Vögel zu schießen, die sich oben auf dem Dachfirst versammelt hatten. Der Nachbarsjunge hatte Skrupel, ihm taten die Vögel leid, aber der Angestellte meinte, es sei angeraten auf sie zu schießen, weil sie Schädlinge seien und die Saat auf dem Felde fressen würden.

So nahm der Nachbarsjunge das Gewehr in die Hand und hielt es unter der Anleitung des Älteren in

Richtung Dachfirst und legte auf einen der Spatzen an. Er schoss, und der Vogel kullerte getroffen über die Schräge der Ziegel hinunter und fiel dann leblos auf die Straße. Dem Nachbarsjungen tat das Herz weh. Er hat nie wieder auf einen Vogel geschossen.

 

Der Angestellte verließ später das Geschäft seines Lehrherrn und zog in die Kreisstadt. Des Frisörhandwerks überdrüssig betätigte er sich nach einigen Jahren in verschiedenen Jobs.

Schließlich fand er eine lukrative Anstellung als Kellner in einer alteingesessenen Gaststätte. Das Lokal war einschlägig bekannt: In einer Ecke des Schankraums und einem angrenzenden Zimmer fand jeden Abend eine Pokerrunde statt, die auch Gäste aus dem Umland anlockte.

Er verdiente dort gut, denn wer gerade eine Glückssträhne hatte, war großzügig mit dem Trinkgeld und schob ihm schon mal einen Hunderter zu.

Allein war das Glück flüchtig und es kam mitunter vor, dass der Trinkgeldspender mit weniger Geld nach Hause ging, als er dem Kellner im Überschwang hatte zukommen lassen. Ein gewisser Verdruss über den Kellner konnte dann aufkommen, der nie am Spiel teilnahm und in der Wahrnehmung einiger aber stets etwas einstrich.

 

 

 

Ein häufiger Gast der Pokerrunde war ein Mann, der aus dem selben Dorf stammte, in dem der Kellner einst seine Frisörlehre absolviert hatte. Man kannte sich. Dieser hatte sich beim Pokerspiel etabliert und bestritt seine Existenz damit.

Er hatte die Angewohnheit, stets eine kleine geladene Pistole bei sich zu tragen, einen Einschüsser. Einige wussten davon, andere nicht. Ihm gab es das Gefühl einer Sicherheit und einer Durchsetzungskraft, die er nicht missen mochte.

 

Einmal, als bereits einige tausend Mark auf dem Tisch lagen, war ihm plötzlich der Gedanke

gekommen, man habe ihm ein Betäubungsmittel ins Glas getan. Die Stimmung war fiebrig, und es war ihm nicht auszureden. Er verdächtigte den Kellner der Ausführung des Komplotts. Er stellte das Getränk vor ihn hin und fuhr ihn an, es auszutrinken. Der Kellner weigerte sich, worauf der andere den Einschüsser aus der Tasche zog, auf den Kellner richtete und ihn ultimativ aufforderte, das Glas auf der Stelle zu leeren. Der weigerte sich weiterhin. Es kam zum Tumult und der Einschüsser ging los.

Die Kugel traf den Kellner so, dass er starb. 

 

Später vor Gericht ging es um die Frage, ob der Schuss unbeabsichtigt im Gerangel losgegangen

sei, oder ob er den Kellner willentlich erschossen habe. Es gab die übereinstimmende Aussage von

fünf Zeugen, die schilderten, der Schuss sei in freier Handhabung der Waffe erfolgt und keinesfalls

unbeabsichtigt.

Jedoch schienen diese Aussagen bei näherer Erörterung verdächtig und hielten der Befragung seines

Anwalts und auch der des Richters nicht stand. Es wurde offenbar, dass man sich abgesprochen und

eine Darstellung zu seinen Ungunsten zurechtgelegt hatte. Die Auffassung, nach der sich der Schuss im Handgemenge gelöst habe, erschien nun als die wahrscheinlichere. Auf diese Weise blieb ihm eine Verurteilung wegen Mordes oder Totschlags erspart und er erhielt eine Freiheitsstrafe die zu einer vierjährigen Bewährung ausgesetzt wurde. So verließ er nach der Untersuchungshaft das Gericht als freier Mann.

Offenbar wurde die Sicht in der Stadt geteilt, da man ihn auch sonst wegen des Kellners Tod unbehelligt ließ.

Der Sohn des Frisörs erzählte später, wenn die Rede darauf kam, von der Zeit, als der Kellner noch im Laden seines Vaters gearbeitet hatte.

 

 

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Der Mann, der stets einen geladenen Einschüsser in der Tasche mit sich führte, wurde geboren am Folgetag des Wechsels der Sonne vom Zeichen Steinbock in den Wassermann. Im Mittagshoroskop hat er einen Sonnenstand auf 0, 9 Grad Wassermann, damit auf der Janus-Achse, der Scheide der beiden Saturn-Zeichen Wassermann und Steinbock.

Das ist die Teilung des Tierkreises in die Abend- und die Morgenhälfte mit den jeweiligen Parallelzeichen, an deren Ausgang der doppelköpfige Janus steht, den doppelten Saturn veranschaulichend, die "Quelle des still dahingleitenden Jahres", wie Ovid schreibt.      Die Janus-Achse >>

Der Punkt trägt die Charakteristik der Verbindung von Saturn und Uranus, die dem Schuss entspricht, dem gestauten Uranus gleich dem Sprengstoff, eingeschlossen in der Stahlkammer der Waffe. Er entlädt sich, wenn der Mars akut wird.

Mars steht in Konjunktion mit Saturn auf  21 Grad Schütze, ein Grad, der in der Münchner Rhythmenlehre einer Pluto-Uranus-Verbindung entspricht. Mithin werden an dieser Stelle Pluto, Uranus, Mars und Saturn fällig.

Das Geschehen während der Pokerrunde mit der anschließenden Untersuchungshaft trug sich zu, als der Mann mit dem Einschüsser im Alter von 31 Jahren, mit der Bewegung der Sonne von einem Grad pro Jahr, über den Kardinalpunkt Null-Grad-Steinbock lief. Damit wurde der Saturn akut und die Mars-Saturn-Konjunktion auf 21 Grad Schütze ausgelöst.

Der Gang über den Kardinalpunkt ist häufig mit einem Wohnungs- oder Milieuwechsel verbunden, hier im Sinne der einschränkenden Stellung des Saturns mit einer einjährigen Untersuchungshaft.

 

Zwar sprechen Saturn und Mars auf 21 Grad Schütze hinsichtlich des Ereignisses am Pokertisch für einen explodierenden Zorn, zugleich weist die Stellung im siebten Haus sowie die Spiegelung zum Merkur in Haus acht auf ein nötigendes Handgemenge und auf ein Zutun von außen hin.

 

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- Gleichwohl trägt eine geladene Pistole in der Tasche,  das Potential in sich, irgendwann losgehen zu wollen, zumal wenn sie nur einen Schuss hat.

 

- Warum? Ist eine Pistole etwa nicht nur ein Werkzeug und kommt es nicht auf den Einsatz durch den Benutzer an? So ein Ding kann jahrzehntelang ungenutzt in der Schublade liegen, ohne dass es Schaden anrichtet. Erst durch den Menschen, der damit schießt, wird eine Pistole gefährlich. "Guns don't kill people, people kill people" lautet ein entsprechendes Diktum in der US-amerikanischen Waffendebatte.

 

 

- Zu etwas anderem als zum Schießen taugt eine Pistole ja wohl nicht. Und sie wurde auch gemacht, damit man damit schießt und nicht etwa, um einen Nagel in die Wand zu schlagen, was zwar möglich wäre, wovon aber, zumindest bei geladener Waffe, abzuraten ist.

 

- Das bedeutet nach wie vor aber nicht, dass von der Pistole ein Zwang ausgeht, mit ihr zu schießen.

 

- Eigentlich bedeutet es genau das. Der in der Patrone eingesperrte Sprengsatz stellt ein gestautes Ausdehnungspotential dar. Eine Spannung, die sich, wie jede Spannung, entladen will. Das ist ein gesetzter Inhalt. Etwas ist eingesperrt, das, so still es auch in einer Schublade die Jahrzehnte verharren mag, irgendwann frei werden muss.

 

- Wobei die Pistole selber nicht der Inhalt ist, sondern nur ein Zeichen. Möglicherweise der gesellschaftliche Druck, unter dem der Büchsenmacher stand. Und der ihn, anstatt sich zu emanzipieren und im Bruch mit dem angestammten Milieu zur Eigenständigkeit zu finden, dazu verleitete, sein Eingesperrtsein in einer Pistole zu manifestieren. Der spätere Besitzer der Pistole mag in einer ähnlichen Situation sein, sonst hätte er sich das Ding nicht angeschafft. Und so harrt es in der Tasche des Pokerspielers der Entladung im Schuss.

 

- Aber was wäre, wenn der Besitzer der Pistole keine solche Waffe hätte? Weder in der Tasche noch in der Schublade?

 

- Nun, ohne Pistole könnte er nicht danach greifen und wäre eher angewiesen, sich seelisch dem Konflikt zu stellen. Wie gesagt: Von einer Pistole geht ein Zwang an sich aus, ein Stau, der zu ihrer Herstellung führte, der in dem Ding gewissermaßen konzentriert und materiell wurde und der im Konflikt einen permanenten Sog bildet, es abzuschießen. Jedem Stau wohnt die Neigung inne, sich zu entladen.

 

- Der Besitzer des Einschüssers war ein professioneller Spieler. Der Erwerb in Form des Spielerglücks ist abhängig vom Unglück der anderen.

 

- Das Geld ist Mittel des wirtschaftlichen Kreislaufs. Bei Lotto oder anderem Glücksspiel entsteht keine eigene wirtschaftliche Bewegung. Der Sprung in die Eigenständigkeit wird immer wieder hinausgeschoben auf den Tag des einen großen Gewinns, der nie kommen kann.

 

- Das ist wie eine permanente Bluttransfusion.

 

 

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Begriff und Thematik der Janus-Achse gehören nicht

zum System der Münchner  Rhythmenlehre.

 

(C) Herbert Antonius Weiler, Juni 2026