Die Wohnmaschine


 

 

Das Colonia-Haus befindet sich im Norden Kölns. Ein 147 Meter hoher, weithin sichtbarer Wohnturm am Rheinufer aus den 1970er Jahren.

Mit dem Slogan "Wohnen am Strom" betitelten die Immobilienhändler ihre Prospekte. Etwa 1000 Menschen bewohnen heute den Komplex. Ein vertikales Dorf. Das Konstrukt galt nach seiner Fertigstellung für einige Jahre als das höchste Hochhaus Deutschlands, zugleich als höchstes Wohnhaus Europas. In Auftrag gegeben hatte das Projekt die Kölner Colonia-Versicherung. Heute gehört es einer anderen Gesellschaft.

Der Grundstein des Colonia-Hauses wurde am 24,11.1970 gelegt.

 

 

Grundsteinlegung Colonia Hochhaus, 24.11.1970, Mittagshoroskop

 

  

Das Tageshoroskop zeigt auf der Himmelsmitte Sonne und Neptun in Konjunktion. Der Sonnenstand im Zeichen Schütze auf 1,8 Grad entspricht, nach der Münchner Rhythmenlehre, einer Merkur-Pluto-Charakteristik. Damit das Identitätslose einer Hörigkeit gegenüber den Regelungen und Funktionszwängen des Kollektivs anzeigend. Ein Termitenbau, wo der Einzelne in Tarnung lebt.

 

Der Jupiter als Herrscher des Zeichens Schütze steht in Haus Neun, was zwar einem weiten Blick auf die sich fernhin erstreckende Rheinlandschaft entspricht, im Skorpion zugleich aber auf eine gezwungene Fügung hinweist, entsprechend der Verbunddeutung mit der Jupiter als Verbundsherrscher im Skorpion als Jupiter-Pluto-Verbindung zur werten ist, als falsche Fügung. Bestätigt wird die Neigung zu Vereinheitlichung von Jupiter-Pluto durch die Venus im Spiegel und den Saturn gegenüber im Stier, den Gemeinschaftszwang des Betonkomplexes anzeigend.

Die Saturn-Uranus-Verbindung, die von einer Unvereinbarkeit zeugt, ist hier als Lücke, Jupiter-Pluto, und als Rückseite, Venus-Saturn, Merkur-Uranus, gegeben, und damit chronisch.

 

Sie wird in konkreter Weise offensichtlich, wenn man in den oberen Stockwerken auf den Balkon tritt - ohne die Prothese des Konstrukts der Wohnmaschine wäre in dieser Höhe kein Aufenthalt möglich. Ein permanentes Spannungsverhältnis zwischen Wohnung und Außenwelt, nur möglich aufrechtzuerhalten, indem der Mensch Teil des Vorgangs der Wohnmaschine wird.

Der Slogan "Wohnen am Strom" entblößt sich als Euphemismus, denn der Strom der Identität der Gestalt zur Gegenwart ist im Konstrukt des Wohnturms gestockt.

 

 

Ähnlich wie im Falle des deutschen Antarktis-Forschungslabors, der Neumayer-Station >>, bei der dieses Spannungsverhältnis der Unvereinbarkeit zwischen Wohnsituation und Außenwelt in einem Temperaturgefälle besteht, das beim Ausfall der technischen Prothese ein Überleben unmöglich machen würde, ist es beim Hochhaus die Spannung eines Wohnens in einer Höhe, in der beim Wegfall der technischen Konstruktion ein weiterer Verbleib nicht möglich wäre. 

Dort schützt die technische Prothese vor der Kälte, hier vor dem Absturz.

 

Systematik und Punkte nach der Münchner Rhythmenlehre

 

 ---

 

 

- der neptun am medium coeli kommt aus haus zwei und betrifft damit das revier. die auflösung des reviers ist bestimmend. 

 

- es ist ja auch eine permanente beunruhigung. mal abgesehen von der uniformität des wohnens, bewirkt der höhenunterschied eine stetige, mehr oder weniger unterschwellige beunruhigung. das ist die revierunsicherheit schlechthin. ein spannungsgefälle ist immer beunruhigend. vermutlich daher gehört die höhenangst zur symptomatik der saturn-uranus-verbindung, es ist die angst vor der entladung des spannungsgefälles des höhenunterschiedes. 

 

- neben einer gasflasche, die unter druck steht, ist auch nicht gut ruhen. so etwas zehrt. 

 

- neptun steht mit der sonne am höchsten. und so ist es gerade die höhe, die das revier unsicher macht.

 

- das konzept der wohnmaschine stammt von le corbusier, sagt man.

 

- er nannte es "unites d'habitation" - wohneinheit oder einheitswohnung.  das wurde dann, freilich nicht zu unrecht, als "wohnmaschine" interpretiert. es ging ihm um eine serielle massenherstellung von wohnraum. daher der vereinheitlichungszwang, der von den wohnmaschinen ausgeht. es ist das modell des insektenstaats.

 

- aber beim colonia-haus ging es um die höhe. der wassermann am ac möchte sich mit mond-uranus aus den  niederungen des dualen erheben.

 

- es hat etwas von den griechischen säulenheiligen. so gesehen ein ähnliches motiv.

 

- dort zu wohnen entspricht, entsprechend merkur-uranus, einer hotelsituation. kein reich, keine niederlassung, die bewohner sind mehr oder weniger gäste. sie sind im permanenten zwischenzustand. und es wird sich um alles gekümmert. der turm der nicht vollzogenen entscheidungen.

 

- man kann schon recht weit schauen von den oberen etagen. unten der rhein, im süden in der ferne das siebengebirge, im osten, auf der anderen seite des flusses, das bergische land. auch das starten und landen auf dem flughafen köln-bonn ist zu verfolgen.

 

- bei heftigem wind schwankt das gebäude merklich.

 

- man gewöhnt sich daran.

 

 

 

der nachtfahrer

 

- immer wieder gab es bekannte oder freunde, die sich im hochhaus eine wohnung gemietet hatten. oder gekauft. einer, er jobte als komparse, hatte unerwartet ein kleines vermögen geerbt, gerade soviel, dass er auf die idee kam, dort zwei appartments zu erwerben, eines um es zu vermieten und das andere für ihn selbst. seitdem wohnt er im colonia-haus.

ein anderer hatte vor längerer zeit eine altbaudachgeschosswohnung in der südstadt erworben. nach zwölf jahren war er enge treppen und südstadtmilieu leid. es verlangte ihn nach einer veränderung. so zog er in den wohnturm ein. das war das kontrastprogramm.

 

- statt enger treppen gab es nun geräumige aufzüge, dafür aber enge flure.

 

- mittlerweile lebt er in berlin.

 

- in den 80er jahren stellte der vater eines freundes einen nachtfahrer für sein taxi ein. der herr knaad. 

ein echter taxiprofi, schnell effizient und wortkarg. "steigen sie ein!" sagte er den rauch seiner zigarette ausatmend bevor er sie aus dem fenster schnippte .

der fahrgast gab das ziel an und wenn er dann  aus redseligkeit oder sorge noch nähere angaben machte, hieß es : "alles klar, keiner weiß bescheid ......"

darauf brauste er los und sprach kein wort mehr.

der freund in seiner taxifahrerzeit musste ihn hin und wieder vertreten und bat den knaad ihn in diesen nachtfahrbetrieb einzuführen. 

das war nämlich nicht "ohne" und bedurfte der unterweisung.

so saß er auf der rückbank als lehrling; das ging ganz gut. nachts gab's natürlich feierfreudige kundschaft die zu den einschlägigen läden wollte. das schwitzbad in der heinsbergstrasse, das römerbad und andere animierbetriebe. die kunden, vielfach messegäste, fragten wo man denn hingehen könnte und der knaad kassierte dann in den jeweiligen betrieben eine provision. 

ich lernte ihn einmal im hause des freundes kennen. akkurat frisiert messerhaarschnitt von kölns fußballclub- und  prominentenfriseur, immer in gutem rodier jersey, hosen mit bügelfalten, teure college schuhe mit tröddelchen.

das gesicht aschfahl, sah wohl kaum das tageslicht.

wie er da so im taxi saß mit dem grünlichen widerschein  der armaturenbrettbeleuchtung auf seinem gesicht - hätte gut aus einem vampirfilm sein können. 

einmal bemerkte er auf einer dieser lehrtouren nach längerem schweigen: " jürjen, et jibt krieg " . wie?  "wenn isch dir dat sage!". er sagte: "...kriesch".

zwischen den vordersitzen lag immer die quick und der express. 

ich sah ihn einmal morgens in einem cafe in der pfeilstrasse in gesellschaft einiger typen aus dem kölner nachtleben ein schinkenbaguette verspeisen. die andern am schwadronieren und er mit teilnahmslosen blick. er strich sich so mit der rückhand die krümmel vom rodierpullover und sagte ein, zwei mal sowas wie " logisch, normal."

ja, und dieser knaad wohnte nämlich im colonia hochhaus. 

wir mussten ihm einmal was vorbeibringen, papierkram. seine frau hatte gerade ein töchterchen zur welt gebracht. man wohnte in einem der oberen stockwerke.

der knaad öffnete die türe, bleich, die frisur einwandfrei, mit einem dreiviertel-langen schwarzen seidenkimono bekleidet.

er bat herein in die stuben, mit chrom und schwarzem leder ausgestattet. teppichboden. fast beiläufig wurde der nachwuchs präsentiert, mit ein paar unbeholfenen zärtlichkeitsgesten, um dann sogleich zu der eindrucksvollen aussicht überzugehen. das siebengebirge und vor allem der flughafen.

"da siehst du flieger starten und landen". das untermalte er mit ein paar knappen bewegungen zum fenster hin gerichtet.

sonst sah ich den turm immer nur von weitem. es ist ja auch die ganze gegend um dieses bauwerk herum trostlos und öde.

 

- aber es liegt doch am rheinufer.

 

- schon, aber es ist eingerahmt von betonwegen und anlagen, auf der anderen seite die stadtautobahn und andere kleinere langweilige gebäude. da geht man ungern hin. so war dieses hochhaus eigentlich für mich immer nur ein abstraktes hintergrundgebilde, allerdings durch diesen knaad hat es dann einen menschlichen bezug bekommen.

 

 

 

 

 

 

***

 

 

 

(C) Herbert Antonius Weiler /   "Der Nachtfahrer" von Peter John