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Die Wohnmaschine 

 

Essays und Betrachtungen

 

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Textauszug


Die Wohnmaschine


 

 

 

Das Colonia-Haus befindet sich im Norden Kölns. Ein 147 Meter hoher, weithin sichtbarer Wohnturm am Rheinufer aus den 1970er Jahren.

Etwa 1000 Menschen bewohnen heute den Komplex. Das Konstrukt, gedacht als vertikales Dorf, galt nach seiner Fertigstellung für einige Jahre als das höchste Hochhaus Deutschlands, zugleich als höchstes Wohnhaus Europas. Bauherr war die Kölner Colonia-Versicherung. So kam der Wohnturm zu seinem Namen. Heute gehört er einer anderen Gesellschaft. Längst finden sich andere markante Hochhäuser in der Stadt, obgleich keines seiner exponierten Stellung am Rheinufer gleichkommt. Wie  kein anderes erscheint das Colonia-Hochhaus als ein Turm am Ufer des Flusses. Mit dem Slogan "Wohnen am Strom" warben die Immobilienhändler in ihren Prospekten.  

 

- Eine poetische Beschönigung angesichts des Konstrukts, das zwar am Strom errichtet wurde, selber aber einem Termitenbau ähnelt und dessen Stapelhöhe und monotone Wiederholung kastenförmiger Wohneinheiten neben dem Fluss wie dahingestellt anmutet.

 

- Heidegger sprach vom Gestell.

 

- Zumal das Wohnen in diesem Turm nur mithilfe des massiven technischen Aufwandes der Stahlbaukonstruktion und der Aufzüge und Versorgungsleitungen gewährleistet werden kann. Ohne diese wäre ein Aufenthalt, geschweige ein Wohnen in dieser Höhe nicht möglich.

 

- Eine unterschwellig lebensbedrohliche Unvereinbarkeit zwischen Innen und Außen.

 

- Sie wird in konkreter Weise offensichtlich, wenn man in den oberen Stockwerken auf den Balkon tritt - ohne die Prothese des Konstrukts der Wohnmaschine wäre in dieser Höhe kein Aufenthalt möglich. Ein permanentes Spannungsverhältnis zwischen Wohnung und Außenwelt, nur möglich aufrechtzuerhalten, indem der Mensch Teil des Vorgangs der Wohnmaschine wird.

 

- Ähnlich wie im Falle des deutschen Antarktis-Forschungslabors Antarktischer Hirnschwund >>, bei der dieses Spannungsverhältnis der Unvereinbarkeit zwischen Wohnsituation und Außenwelt in einem Temperaturgefälle besteht, das beim Ausfall der technischen Prothese das Leben aufheben würde, ist es beim Hochhaus die Spannung eines Wohnens in einer Höhe, in der beim Wegfall der technischen Konstruktion ein Verweilen kaum möglich wäre. 

 

- Das Konzept der Wohnmaschine soll von Le Corbusier stammen, sagt man.

 

- Er nannte es "unites d'habitation" - Wohneinheit oder Einheitswohnung.  Das wurde, freilich nicht zu Unrecht, als "Wohnmaschine" interpretiert. Es ging ihm  dabei um eine serielle Massenherstellung von Wohnraum. Daher der Vereinheitlichungszwang, der von den Wohnmaschinen ausgeht. Es ist das Modell des Insektenstaats.

 

- Der Einzelne hat hier kein eigenes Reich, sein Revier hat keine Gestalt und ist dem Wohnkollektiv unterworfen. In der Anonymität der Masse und der seriellen Gleichförmigkeit. Letztlich eine Hotelsituation. Nicht Wenige suchen diese Situation des Vorübergehenden und der Anonymität.

 

- Hin und wieder trifft man auf Bekannte, die im Hochhaus eine Wohnung bezogen haben. Einen, der als Architekt an verschiedenen, dem Wohnturm ähnlichen Bauprojekten mitgewirkt hatte. Ein anderer, er jobbte als Komparse, hatte unerwartet ein kleines Vermögen geerbt, gerade soviel, dass er auf die Idee kam, dort zwei Appartments zu erwerben, eines um es zu vermieten und das andere, um es selbst zu bewohnen. Seitdem lebt er im Colonia-Haus. Ein weiterer, Angestellter eines Marktforschungsinstituts, hatte vor längerer Zeit eine Dachgeschosswohnung in einem Altbau in der Südstadt erworben. Nach zwölf Jahren war er enge Treppen und Südstadtmilieu leid. Er wollte Veränderung. So zog er in den Wohnturm ein. Das war das Kontrastprogramm. Statt enger Treppen gab es nun geräumige Aufzüge, dafür aber enge Flure. Mittlerweile lebt er in Berlin.

 

Der Grundstein des Colonia-Hauses wurde am 24.11.1970 gelegt.

 

Grundsteinlegung Colonia Hochhaus, 24.11.1970, Mittagshoroskop

 

  

 Das Tageshoroskop zeigt auf der Himmelsmitte Sonne und Neptun in Konjunktion im Zeichen Schütze. Das deutet auf ein Milieu hin, in dem der unmittelbare Lebens-ausdruck, das Potenzial des Einzelnen, König seines Lebens zu sein, verhindert ist. Merkur in Haus zehn  weist dabei auf eine Situation, in der die Bestimmung  des Lebens durch die Regelung und die Einzigkeit der Gestalt durch die Vervielfältigung verdrängt werden.   Ergänzt wird diese Aussage durch den Sonnenstand auf 2 Grad  Schütze, einem Punkt, der nach der Münchner Rhythmenlehre einer Merkur-Pluto-Charakteristik ent-spricht. Damit die Identitätslosigkeit und Hörigkeit gegenüber den Regelungen und Funktionszwängen des Kollektivs anzeigend. Ein Termitenbau, in dem der Einzelne in Tarnung lebt.