ואהבת לﬧﬠך כמוך - w'ahavta l'reacha kamocha -

liebe deinen nächsten, er ist wie du 

das  hebräische ahava , das im Griechischen zur Agape wurde,

wird ins Deutsche mit Liebe  übersetzt.

כ מ ו ך - kamocha - wie Du,

bedeutet  die hebräische Wendung wörtlich, 

die in der Weisung der Nächstenliebe 

konventionell mit  ...wie dich (selbst)  übersetzt wird.

 

 

 

kamocha und Kategorischer Imperativ

 

Die Weisung zur Nächstenliebe und die Goldene Regel

 

(Textauszug)

 

Als Goldene Regel  wird die Maßgabe bezeichnet, sich gegenüber seinen Mitmenschen so zu verhalten, wie man wünscht, selber behandelt zu werden.

Die Regel findet sich in den ethischen Lehren etlicher Kulturen und Religionen.

In der Bibel taucht sie in der Tobit-Geschichte auf. Tobit ermahnt dort seinen Sohn Tobijah vor Antritt einer Reise: Was Du verabscheust, das mute auch einem Anderen nicht zu.  Tob.4:15

Auch in den Evangelien wird die Regel einige Male genannt, dort aktiv formuliert:  Alles nun, was ihr wollt, daß die Leute euch tun sollen, das tut auch ihr ihnen ebenso , heißt es bei Matthäus 7:12

 

Die Gültigkeit der Gleichung erscheint unmittelbar einsichtig.  Origenes betrachtete sie als natürliches, von Gott gegebenes, jedem Menschen zugängliches Gebot.

 

Im Deutschen entstand daraus das Reim-Sprichwort: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Auch hier ist die Maßgabe im Unterschied zu  Matthäus 7:12 negativ formuliert: dort geht es darum, dem Anderen Gutes angedeihen zu lassen, so wie man es selber wünscht, hier soll dem Anderen  nichts Böses zugefügt werden, wie man selber auch verschont bleiben will.

 

Theoretiker der modernen Marktwirtschaft wähnen darin das Grundprinzip der Selbstregulation des Marktes und des wirtschaftlichen Prozesses. 

Immanuel Kant propagierte die Zwangsläufigkeit dieser angenommenen Selbstregulation in seiner Staatslehre: Das Problem der Staatserrichtung ist, so hart wie es auch klingt, selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben), auflösbar und lautet so: 'Eine Menge von vernünftigen Wesen, die insgesamt allgemeine Gesetze für ihre Erhaltung verlangen, deren jedes sich aber im Geheimen sich davon auszunehmen geneigt ist, so zu ordnen und ihre Verfassung einzurichten, dass, obgleich sie in ihren Privatgesinnungen einander entgegenstreben, diese einander doch so aufhalten, dass in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg eben derselbe ist, als ob sie keine solche bösen Gesinnungen hätten'  (Zum  ewigen Frieden, 224)

 

Kant griff dabei, dem zeitgenössischen Trend folgend, auf die einige Jahre zuvor von Adam Smith verwendete gleichlautende Metapher zurück: Eine Horde eigennütziger Teufel produziert, ohne es zu wollen und zu wissen, das Gemeinwesen.  (Wealth of Nations)

 

In der Staatslehre des Thomas Hobbes, in der der Mensch, anderthalb Jahrhunderte zuvor, in ähnlicher Meinung, als des Menschen Wolf  bezeichnet wird,  kommt dieser noch zu der Ansicht, nur eine von allen anerkannte absolute Autorität, Hobbes' Leviathan, könne den gesellschaftlichen Frieden garantieren.

Bei Adam Smith und Immanuel Kant ist es nun eine gleichsam mechanisch anmutende Selbstregulation, die die Ordnung garantieren soll.

Die Wendung von den Teufeln, deren böse Gesinnungen in einem quasi-mechanischen Prozess der gegenseitigen Versicherung zum Motiv der Staatserrichtung werden, artikulierte eine grundlegende ideologische Vorbedingung des anbrechenden Industriezeitalters.

Freilich ist diese auch bei Hobbes schon angedeutet, indem er den Staat als die große Maschine  bezeichnet.

 

Die Negativ-Formulierung findet sich indes verkürzt in der ethischen Maxime des Google-Konzerns, Don't be evil - Sei nicht böse,  das  in dieser Form bereits bei  Wilhelm Busch zu finden ist: Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man läßt.  

 

Bei den beiden biblischen Zitaten zur Goldenen Regel aus dem Buch Tobit und aus dem Matthäus-Evangelium fällt auf, dass sie sich auf das Verhalten des Einzelnen gegenüber den Leuten, als Plural, beziehen. Es geht um das Verhalten  gegenüber der Gemeinschaft.

 

Nicht so die Weisung zur Nächstenliebe. Sie bezieht sich auf den Einzelnen: Du sollst Deinen Nächsten lieben -  Dir gleich / wie Dich selbst. 

So lautet die konventionelle Übersetzung, die auf diese Weise zunächst dem reflektierenden Pragmatismus der Goldenen Regel zu entsprechen scheint, den Nächsten gut zu behandeln, weil man selber gut behandelt werden möchte.

Allein ist der Wortlaut und auch der Hintergrund des Satzes ein anderer, als im Falle der Mahnungen, in die die Goldene Regel eingebunden ist.

 

Der Weisung zur Nächstenliebe im Evangelium, geht eine Frage voraus. Ein Schriftgelehrter stellt sie Jesus. Er fragt ihn nach der Essenz der gesamten Thora: Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz?

Jesus nennt daraufhin zwei Weisungen aus der Thora, die er gleichsetzt.

Es ist die der Liebe zu Gott  5.mos.6:5  und die, der Liebe zum Mitmenschen 3.mos.19:18:

"Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüt." Das ist das erste und größte Gebot. Ein anderes aber ist ihm gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."  An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Matt. 22, 36-40

 

Die Beziehung zu Gott wird von Jesus gleichgesetzt der Beziehung zum Mitmenschen.

Die an die Goldene Regel angelehnte Übersetzung ... wie Dich selbst  wird in ihrer reflektierenden Maßgabe dieser Beziehung nicht gerecht.

 

Der Hebraist Naphtali Herz Wessely ist anhand von  entsprechenden Textvergleichen zu einer sinnträchtigeren Übersetzung der betreffenden Wendung  – כ מ ו ך  - kamocha -  gekommen: Liebe Deinen Nächsten -  er ist wie Du.

"Die Begründung [zu dem Gebot] »Du sollst deinen Nächsten lieben« [lautet]: Denn er ist wie du, er gleicht dir, er ist dir ähnlich; denn auch er wurde erschaffen im Bilde Gottes , und so ist er ein Mensch wie du. Und dies schließt alle Menschenkinder ein, denn sie alle wurden im Bilde [Gottes] erschaffen". 

 

 

(...)

 

Die jüdisch-christliche Weisung zur Nächstenliebe hebt sich von der Goldenen Regel ab. Sie stellt keine Handlungsmaxime dar.

Sie ist weder Kodex einer sozialen Verhaltensökonomie noch befolgbare Regel. Sie bezieht sich nicht auf ein Verhalten, sondern auf ein Sein. Ein In-Beziehung-Sein. Das Erkennen des Anderen, unabhängig von den eigenen Notwendigkeiten.

 

Kants Kategorischer Imperativ gilt als die philosophisch stringente Fassung der Goldenen Regel: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten)

 

Tatsächlich geht Kants Imperativ in einer möglichen Konsequenz darüber hinaus.

Kant generalisierte die Forderung, den anderen so zu behandeln, wie man selber von ihm behandelt werden möchte, zu einer kollektiven Norm: Jedermann solle stets so handeln, dass die Maxime seines Willens als sittliche Maßgabe für alle anderen, als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung, gelten könne.

 

Ist bereits in der Goldenen Regel, sofern man sie für sich, ohne das Gebot der Nächstenliebe auffasst, die Möglichkeit enthalten, ihr auch ohne Zuneigung, aus den rein sozial-ökonomischen Motiven eines antizipierenden Egoismus nach-zukommen, so erscheint im Kategorischen Imperativ das Motiv der Zuneigung zum anderen Menschen ausgeschlossen zugunsten der Pflicht, die dem Kollektiv gilt.

Folgerichtig erscheint bei Kant ein Handeln aus Pflichterfüllung als die höchste Tugend, während er dem Handeln aus Liebe die Tugend eher abspricht.

Schiller verfasste dazu den Spottvers: Gerne dien' ich den Freunden, doch tu ich's leider mit Neigung, und so wurmt mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin.

Schiller, Xenie, Gewissensskrupel.

 

(...)                     

 

(C) Herbert Antonius Weiler,  2016

  


 

Der vollständige Essay findet sich in dem Buch:

Warum Moses das versprochene Land nicht betreten durfte

Essays und Betrachtungen

 

 

 

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