Hannah Arendt an Karl Jaspers ,

New York, den 4. Juli 1966                                                                            

...Bevor ich es vergesse: Ich schulde Dir noch eine Antwort auf Deine Anfrage bezüglich Adorno. Sein misslungener Gleichschaltungsversuch im Jahre 1933 wurde von der Frankfurter Studentenzeitung „Diskus“(1) aufgedeckt. Er antwortete in einem unbeschreiblich kläglichen Brief, der aber auf die Deutschen großen Eindruck gemacht hat. Die eigentliche Infamie bestand darin, dass er, halbjüdisch unter lauter Juden, diesen Schritt natürlich ohne Informierung seiner Freunde getan hat. Er hatte gehofft, mit der mütterlich-italienischen Seite (Adorno versus Wiesengrund) durchzukommen.

Fußnote zum Brief: 

 

Der Student Claus Schroeder schrieb in der genannten Nummer des „Diskus“ einen offenen Brief an Adorno, ob er der Verfasser einer Rezension gewesen sei, die im Juni 1934 in der Monatsschrift „Die Musik“, dem „Amtlichen Mitteilungsblatt der Reichsjugendführung“, erschienen war. Theodor Wiesengrund-Adorno hatte dort einige neue Werke für Männerchor besprochen. Unter ihnen hatte er besonders den Zyklus von Herbert  Müntzel „Die Fahne der Verfolgten“ gerühmt. Es waren Vertonungen nach dem gleichnamigen Gedichtband von Baldur von Schirach, den der „Dichter“ „Adolf Hitler, dem Führer“ gewidmet hatte.

Die Besprechung enthielt Nebensätze, die auch heute nur als Bücklinge vor den Nazis gelesen werden können: Der Zyklus Müntzels sei besonders hervorzuheben, „nicht bloß, weil er durch die Wahl der Gedichte als besonders nationalsozialistisch markiert ist...“. In dieser Musik werde „dem Bild einer neuen Romantik nachgefragt; vielleicht von der Art, die Goebbels als ‚romantischen Realismus’ bestimmt hat“. Dass es da auch Gedichte gab, die zum Massenmord aufriefen, schien Adorno offenbar unerheblich zu sein.

Im offenen Brief fragte Schroeder Adorno, wie der Satz (Adornos), dass  nach Auschwitz kein deutsches Gedicht mehr geschrieben werden könne, mit dem Faktum vereinbar sei, „dass Sie vor Auschwitz derart ungeheuerliche Gesänge gutgeheißen haben." Woher er denn die Legitimation nehme, „die deutsche Jugend über die unmenschlichen Pogrome des Nazi-Antisemitismus aufzuklären“? Er, Adorno, habe nach dem Krieg „all jene verurteilt, die sich seit 1934 und in der Folge mitschuldig an der Entwicklung in Deutschland gemacht haben. Zu verweisen ist beispielsweise auf Ihre Ausführungen über Heidegger.“ Und zugleich habe er die Autorenschaft für jenen Artikel verschwiegen.

 

Adornos Antwort wurde in der gleichen Nummer des „Diskus“ abgedruckt. Adorno bekannte sich zur Autorenschaft. „Dass ich jene Kritik damals schrieb, bedaure ich aufs Tiefste.“  Vor allem, weil es sich „um Gedichte von Schirach handelt" und weil er „jenen Goebbelschen Begriff " in den Mund genommen habe.

Aber...“.Dann folgen die Erklärungen: Jedem vernünftigen Leser müsse in der damaligen Situation von 1934 klar gewesen sein, dass die „dumm-taktischen“ Sätze als „captationes benevolentia“ zu verstehen seien, um „die neue Musik zu verteidigen“ und ihr zum „Überwintern im Dritten Reich zu verhelfen“.... „Den Gedichtband selbst kannte oder kenne ich nicht.“ Er habe damals geglaubt, „dass das Dritte Reich nicht lange dauern könne“, dass man hinüberretten müsse, „was nur möglich war.“– In Anbetracht all dessen, was zuvor und danach seine Philosophie gewesen sei, „möchte ich es doch der Gerechtigkeit anheim stellen, ob die inkriminierten Sätze gegen mein oevre und mein Leben ins Gewicht fallen.“

„Wer die Kontinuität meiner Arbeit überblickt, dürfte mich nicht mit Heidegger vergleichen, dessen Philosophie bis in die innersten Zeilen faschistisch ist.“ Oder ob er, Schroeder. gar meine, dass die einmal begangene Dummheit „mich dazu verurteilen sollte, für den Rest meines Lebens zu schweigen?“

Für Hannah Arendt war es vermutlich die Taktik der Unwahrhaftigkeit, die sie tief verärgerte: sich in Nebensätzen freiwillig anzubiedern, um dann in Hauptsätzen darzulegen, dass es so nicht gemeint gewesen sei. Und schließlich auf einen Schuldigeren zu verweisen, um sich selbst zu entlasten. Alles aber in einer Logik der Ausrede, die den Brief wirklich zu einem „unbeschreiblich kläglichen“ Dokument macht.


 

aus: Hannah Arendt / Karl Jaspers Briefwechsel 1926 – 1969, Serie Piper, Brief 399

 

 

 

Hannah Arendt und Theodor Adorno

 

 

Theodor W. Adorno, der am 11. Sepember 1903 in Frankfurt am Main geboren wurde, ist dem Opportunismus seines Versuchs einer Andienung bei den Exponenten der herrschenden Ideologie treu geblieben – nach dem Kriege und seiner Rückkehr nach Deutschland avancierte er zu einem führenden Vertreter der nunmehr aufgekommenen Sozialwissenschaften. Er galt als Orientierungsfigur und ideologischer Wegbereiter der 68er-Revolution. Allerdings wurde er später angegriffen, da er nicht bereit war, sich einzureihen, um die sozialen Umstrukturierungen, zu denen er die Theorie geliefert hatte, konkret werden zu lassen.

 

Der Brief Hannah Arendts an Karl Jaspers war Teil einer Korrespondenz über das Verhalten ihres gemeinsamen Freundes Martin Heidegger während der Nazi-Zeit und danach.

Dabei kam auch Theodor Adornos Verhältnis zum NS-Staat zur Sprache.

Sein Gleichschaltungversuch Arendt als Musikkritiker im Amtlichen Mitteilungblatt der Reichsjugendführung  hat ihm wenig genutzt; 1938, vier Jahre später, musste er emigrieren, erst 1953 kehrte er nach Deutschland zurück. Im amerikanischen Exil hatte er neben anderen Schriften die Aphorismensammlung Minima Moralia verfasst. Etliche darin enthaltenen Sätze wurden zu Schlagwörtern der späteren Jahrzehnte. Etwa der Ausspruch Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Aus einer Festschrift stammt der ebenfalls bekannte Satz, es könne nach Auschwitz kein Gedicht mehr geschrieben werden, auf den sich der Autor des von Hannah Arendt erwähnten offenen Briefs angesichts der Sentenzen von 1934 bezieht.

 

Zum Thema wurde Adornos Ablehnung Martin Heideggers, dessen sprachphilosophische Begriffsbildung er als Jargon der Eigentlichkeit bezeichnete. Eine Schmähung, die er auch Martin Buber angedeihen ließ. Die Aversion gegen Buber ist bekannt, Religionstiroler nannte er ihn mündlich. 

 

Adorno verneinte den Gedanken einer Verbindlichkeit der Worte, die sich in der Beziehung zum Angespochenen erweise und aus dieser geschöpft sei. Seine Negative Dialektik ist dem entgegengesetzt. Er beschreibt sie so: Es handelt sich um den Entwurf einer Philosophie, die nicht den Begriff der Identität von Sein und Denken voraussetzt, sondern die gerade das Gegenteil, also das Auseinanderweisen von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt und ihre Unversöhntheit artikulieren will.

Der angestrebte Relativismus wird schon in der Formulierung des ersten Teils des Satzes offenkundig; nicht etwa von einer Philosophie  ist die Rede, sondern festlegungsfrei umschreibend vom Entwurf einer Philosophie.   

Es ist das bedeutungsvoll lavierende Sowohl-Als-Auch, das Adorno zelebiert, indem zunächst die Voraussetzung einer Identität von Sein und Denken abgelehnt wird, die im dargestellten Sinne einer Identität von Sache und Begriff gar nicht bestehen kann, um dann die Selbstverständlichkeit der Polarität von Begriff und Sache, Subjekt und Objekt herauszustellen und daraus seine Negative Dialektik abzuleiten.

Die fremdwortbeladene, rhizomartige Rhetorik Adornos scheint insofern eine direkte Umsetzung des Gedankens einer Sprache, die das verbindliche Wort zu vermeiden sucht.

 

Er gilt als schwer zu lesender und nicht leicht verständlicher Autor. Der sinnigerweise im Zeichen Löwe geborene Karl Popper wirft ihm intellektuelle Hochstapelei vor - gewürzt mit paradoxem Unsinn - und nimmt Adornos Sätze zur Hand, um sie als umständlich fomulierte, aber triviale oder tautologische Aussagen zu entblößen -

Adorno: Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht.   -

dazu Poppers "Übersetzung": Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.  -   >>

 

In der Tradition Kants verneint Adorno die Gewissheit der Gegenwart, die Entität eines absolut Ersten als des zweifelfrei gewissen Ausgangspunktes der Philosophie. Er beharrt auf der Vermitteltheit eines jeglichen Unmittelbaren und behauptet, dass die Beschaffenheiten der Erkenntnisobjekte immer nur durch das reflektierende Subjekt hindurch zu haben sind.

Dies ist, über die lavierende Form der Artikulation hinaus, die Formulierung der Wahrnehmung als das Bestimmende.

Damit der Regelbarkeit des Schicksals über die Bedingungen

und damit der Verneinung der Bestimmung des Einzelnen durch die soziale Regelung.

Für diese steht Adorno, mit Jungfrau-Sonne im ersten Haus, schließlich als Person.

Und so macht sich an seiner Person der Konflikt fest, als er diese Präsenz nicht einsetzt und sich nicht bei der '68er-Revolte einreihen will.

 

Von Bedeutung ist, dass der Merkur in Haus Zwei nicht nur Herrscher der Sonne ist, sondern durch das Parallelzeichen Zwillinge am MC auch den Pluto im zehnten Haus mitbringt, der damit, in Quadrat zur Sonne in Haus Eins, das Diktat der Verrichtung des Sozialen anzeigt - der Staat als Bestimmendes, bei dem das Ur-Teil des Einzelnen nicht mehr zugelassen ist.

Dem entspricht der 1934 veröffentlichte Satz Adornos vom Bild einer neuen Romantik, vielleicht von der Art, die Goebbels als ‚romantischen Realismus’ bestimmt hat.

Die Unterwerfung in der Aussage, Goebbels habe eine Begriffsbildung bestimmt, fällt im Juni 1934 unter die Auslösung von Neptun-Pluto im zehnten Haus, mit 30,8 Jahren, 2,8 Jahre nach Beginn der fünften Siebener-Phase, beherrscht von Zeichen Stier, ausgelöst über Venus im Spiegel.  

Von solcher Haltung geht die spätere Ablehnung jeder Form von inhaltlich bestimmbarer Begriffsbildung aus.

 

Der Verbundsherrscher Krebs, von Zehn nach Elf gehend, mit dem Mond im Stier im neunten Haus gibt die "revolutionäre" Fügung der sozialen Vereinheitlichung an, durchgeführt in der Präsenz seiner Person mit dem Ergebnis des Regelungszwangs.

 

 

Der Zorn Hannah Arendts richtete sich auch auf die verklausulierte Erklärung Ardonos, seine Wohlwollen heischende Anbiederung von 1934 habe nur den Zweck gehabt, hinüberzuretten was nur möglich war, denn er sei davon ausgegangen, das Dritte Reich werde nicht lange andauern. Tatsächlich bildete diese Art von kalkulierter Unterwürfigkeit eine der Faktoren, die dem Dritten Reich zu seiner zwölfjährigen Dauer verhalfen.

Insofern zeigte sich in der Erklärung Adornos über dreißig Jahre später eine Kontinuität.

 

                                                                          

                                                                                          ***

 

- Adornos Erkenntnistheorie, nach der die Beschaffenheiten der Erkenntnisobjekte immer nur durch das reflektierende Subjekt hindurch zu haben sind, ist die Wiederholung von Kants Ding-an-sich, das der Erkenntnis nicht zugänglich sei, weil es stets nur durch die Wahrnehmung des Subjekts erfahren werden könne.

 

- So als sei das Objekt nicht etwa das Objekt des Subjekts, sondern als gebe es darüber hinaus noch ein transzendentes Objekt ohne Subjekt. Ein Erkenntnisobjekt-an-sich.

Es gibt kein Ding-an-sich, genau so wenig wie es ein Subjekt-an-sich gibt. Die Wirklichkeit der Dinge erweist sich in der Begegnung, in ihrer Gestaltwerdung.

Mit der Vorstellung, die Wahrnehmung ginge vom Subjekt aus - und nicht etwa von Subjekt und Objekt gleichermaßen - wird die Gegenwart der Begegnung verweigert. Die tautologische Relativierung der Begegnung, in dem diese nur durch das reflektierende Subjekt hindurch zu haben sei, entwirklicht die Begegnung und führt in die Spiegelung, Denn die Reflexionen des reflektierenden Subjekts sind in der Konsequenz den selben Kriterien ausgesetzt: auch ihre Beschaffenheit wäre immer nur durch das reflektierende Subjekt zu haben und so fort.

 

- Es ist letztendlich das Relativierende, die Leugnung der Wirklichkeit der Begegnung und der Sprache, die die im Zeichen Waage geborene Hannah Arendt gegen Adorno aufbringt.

 (...)                                

 

 

 

 

 

(C) Herbert Antonius Weiler 2018