Der Hase, der Fuchs und das Siebengebirge
Ein Freund erzählte, wie er im Bergischen Land auf einer Anhöhe im Wald saß, an einer jener Stellen, wo man weit über das Rheintal hinausschaut.
Bei klarem Wetter ist auf der anderen Seite des Rheins, in der Ferne der Kölner Dom mit seinen beiden spitzen Türmen zu erkennen. Die Stadt ein dunstiges Band am Horizont.
Wandert der Blick weiter nach links, Richtung Süden, hebt sich nach einer Weile das Siebengebirge im blauen Dunst der Ferne ab. Man gewinnt den Eindruck, es befände sich auf der anderen Seite des Rheins. Dabei liegt es auch rechtsrheinisch, wie das Bergische Land.
Der Eindruck kommt zustande, weil der Strom südlich von Köln einen Bogen macht, so dass beim Blick über das Rheintal das blaue Band am Horizont als eine zusammenhängende Gegend erscheint.
Vor ihm auf der abfallenden Lichtung erstreckte sich eine Wiese, rechts und links von den Büschen und Bäumen des Waldes gesäumt.
Etwa hundert Schritte unterhalb, an der grasbewachsenen Hügelkante, sah er einen einzelnen Hasen, der in der Stille des Abends auf das Siebengebirge am Horizont schaute.
Da löste sich aus dem Dickicht ein Fuchs und schlich sich unbemerkt an den Hasen heran. Als er ihn fast erreicht hatte, gewahrte der Fuchs mit einem Mal, dass er selbst im Blick eines anderen war.
Er drehte den Kopf und sah den Freund an.
Das war der Augenblick, da der Hase ihn bemerkte und sich mit großen Sprüngen davonmachte
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- Der Hase hat in die Ferne geschaut, in der Stille des Abends? Das ist eine Vermenschlichung. Hasen sind Fluchttiere. Er saß dort, um zu sichern. Die Lichtung ist der beste Platz für einen Hasen um Gefahren früh genug zu erkennen und davonrennen zu können.
- Eigentlich ist gerade dies die Vermenschlichung, nämlich die der naturwissenschaftlichen Projektion. Den Hasen, im Sinne Descartes, als zweckbestimmte biologische Maschine der Selbsterhaltung wahrzunehmen. Der blinde Fleck dieser Erklärung ist die Frage nach dem Subjekt des Nutzens. Was will sich selbst erhalten? Etwa nicht der Hase?
Und wenn der Hase sich nur selbst erhalten will, hat er dann Freude am Leben?
Und wenn er Freude am Leben hat, warum soll er dann keine Freude am Anblick des Siebengebirges in der Abendstille haben dürfen?
- Es ist das Leben, was sich selbst erhalten will. Es hat dazu geführt, dass ein Hase entstanden ist und die anderen Tiere wie überhaupt das Leben auf der Erde.
- Also der Hase selber will sich gar nicht erhalten, sondern das Leben?
- Ja, das Leben will leben.
- Der Hase selber ist also gar kein Subjekt, sondern nur eine Funktion, eine Maschine, die dem Zweck der Lebenserhaltung dient, damit eines Lebens, dem nun die Rolle eines quasi übergeordneten metaphysischen Subjekts zugesprochen wird.
- Das Subjekt des Hasen ist auch nur ein Ausdruck der Strategie des Lebens zur Lebenserhaltung. Ähnlich bewerten Neurologen ja auch die Rolle des Ichs des Menschen - als eine Art Projektion der verschiedenen neurologischen Systeme zur optimalen Bündelung und Koordinierung.
- Alles klar - zum Zwecke des Überlebens. Aber was will letztlich überleben? Diese Aussagen schieben die Rolle des Subjekts doch nur immer weiter hinaus - das Subjekt des Hasen ist gar keines, sondern nur Ausdruck eines generalisierten übergeordneten Subjekts der Lebenserhaltung? Hat dieses denn Freude am Leben? Ein kreisender Zirkelschluß. Da beißt sich die Schlange in den Schwanz. Ein Konzept das nicht zuende gedacht ist, ohne jede Konsistenz.
- Ein auf Selbsterhaltung reduziertes Leben hätte seine optimale Form in einem universalen Hefeklumpen gefunden. Allein auch hier fragt sich, was sich denn eigentlich selbst erhalten will. Das Subjekt wird immer wieder vorausgesetzt, aber nie zugelassen, es bleibt der metaphysische Faktor eines mechanistischen Reduktionismus.
- Nach wie vor gilt die Frage, warum der Hase nicht Freude beim Anblick des Siebengebirges in der Abendstille haben sollte?
- Es geht doch gar nicht darum, ob er Freude, oder was auch immer, am Anblick des Siebengebirges am Horizont hat. Es geht darum, dass man es nicht wissen kann.
Weder der Naturwissenschaftler noch ein anderer. Der Philosoph Thomas Nagel hat das in seinem Buch "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?" formuliert. Er sagt, dass wir stets nur die äußeren Anzeichen des Erlebens der Anderheit beschreiben können — Neurologie, Verhalten usw. Wir können nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Oder wie es ist, ein Hase zu sein, der abends auf einer Lichtung sitzt.
- Zu sagen „er sichert“ ist also eine menschliche Deutung. Die Naturwissenschaft kann über das Motiv des Hasen nichts aussagen. Daher lautet ein anderer Titel von Thomas Nagel: "Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist."
- "so gut wie sicher" ist eine witzige Formulierung.
- Zu sagen „ihn mutet das Siebengebirge an“ wäre jedoch eine andere Projektion. Beide Aussagen betreffen eine Sicht des Hasen, von der sie nichts wissen können.
- Nun, wenn das so ist, kann Thomas Nagel aber auch nicht sagen, was ein anderer als er nicht weiß. Etwa Martin Buber. Er spricht über das Erkennen im Blick eines Pferdes. Das Aufscheinen eines Gegenübers in der Beziehung, in der es zugelassen ist: "Meinst Du wirklich mich?" und wie es wieder vergeht. Das geht über Thomas Nagels durchaus zutreffende Erkenntniskritik hinaus.
- Es ist keine Projektion. Und jeder weiß das im Grunde.
Was den Hasen betrifft, der auf das Siebengebirge schaut, so enthält Bubers Büchlein über die "Reden und Gleichnisse des Dschuang Tse" einen Dialog, der herausstellt, warum einer doch wissen kann, ob der Hase sich vom Anblick des Siebengebirges anmuten läßt:
Dschuang Tse stand auf einer Brücke als Hui Tse dazustieß.
Siehst du, wie die Elritzen springen, sagte Dschuang Tse, das ist die Freude der Fische.
Sagt Hui Tse: Du bist kein Fisch. Daher kannst du die Freude der Fische nicht wissen.
Sagt Dschuang Tse: Du bist nicht ich. Wie kannst du also wissen, dass ich nicht die Freude der Fische wisse?
Sagt Hui Tse: Stimmt, Ich bin nicht du und kann nicht wissen, was du weißt. Aber das weiß ich; dass du kein Fisch bist. Und daher kannst du nicht die Freude der Fische wissen.
Sagt Dschuang Tse: In deiner ersten Rede gingst du schon davon aus zu wissen, was ich weiß - und räumtest damit ein, dass ich auch die Freude der Fische wissen könne.
Gleichwohl: Ich weiß es aus meiner eigenen Freude über dem Wasser.
(...)
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(C) Herbert Antonius Weiler, Juli 2025
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