Schaphan
An einem diesigen Nachmittag im Jahr 2001 war ich mit Esti auf dem Berg Tabor. Wir fuhren mit dem weißen Opel ihrer Eltern durchs Land – weiß, wie die meisten Autos in Israel zu jener Zeit. Er gehörte zu dem Haus im Norden, das wir für die Dauer unseres Aufenthaltes bewohnten.
Auf dem Berg befindet sich eine Kirche, weil das der Ort der Verklärung Christi ist. Sie wird, wie wir erfuhren, von polnischen Franziskaner-Brüdern betreut. Aus dem Dunkel des Kirchenraums trat ein Mönch an uns heran und fragte, ob er uns von der Kirche und dem Berg erzählen solle. Esti war interessiert, ich weniger. So holte er zwei Stühle heran, einen für sich und einen für sie, setzte sich ihr gegenüber und begann.
Zuerst sprach er von dem Ereignis in den Evangelien (Markus 9,2-10), aufgrund dessen man dort im vierten Jahrhundert eine erste Kirche errichtet hatte. Danach von den Angriffen der Araber zur Zeit der Kreuzritter, von Tonscherben in den Hängen – Resten von Tongranaten, die man schon damals mit Brandsätzen gefüllt hatte.
Und dann erzählte er, dass hier ein merkwürdiges Tier wohne, eine Mischung aus Kaninchen und Katze, das in den Berghängen zuhause sei, auf Bäume klettere und einen von dort aus anschaue. Er formte mit den Fingern Ringe um die Augen, um zu zeigen, wie diese Tiere in den Bäumen sitzen und schauen.
Was ist das für eine Geschichte, dachte ich, und fragte, wie das sein könne, eine Mischung aus Katze und Kaninchen. Aber er beharrte darauf.
Später bin ich dem nachgegangen. Es sind die Klippschliefer. Sie kommen in Israel und in Südafrika vor, sind etwa so groß wie Kaninchen, haben aber kleinere runde Ohren. Sie wohnen in Felsspalten und klettern tatsächlich gerne auf Bäume und schauen einen an – weil sie immer schauen. Und die Tiere haben genau den Blick, den er in seiner eigenen, bildhaften Art der Schilderung zu vermitteln versucht hatte.
Schon im Alten Testament werden sie erwähnt: In den Speisevorschriften steht, dass man sie nicht essen solle. Und in den Sprüchen heißt es: „Die Klippschliefer sind ein schwaches Volk, doch legen sie ihr Haus in den Felsen.“ Obwohl nicht größer als Kaninchen, sind sie mit den Elefanten verwandt. Wie Elefanten – und wie der Mensch – sind sie Sohlengänger. Sie leben nur von Pflanzen. Obwohl sie keine Krallen haben, können sie in den Felsen und auch auf Bäumen gut klettern, weil ihre Fußballen so ausgebildet sind, dass sie sich festhalten können.
Der hebräische, schon von den Phöniziern überlieferte Name lautet Schaphan. Luther übersetzte ihn mit Kaninchen, da in Europa niemand den Klippschliefer kannte. Umgekehrt kannte man im Nahen Osten seinerzeit keine Kaninchen. Als die Phönizier auf der Iberischen Halbinsel landeten und erstmals der Kaninchen ansichtig wurden, bedachten sie diese wegen der vermeintlichen Ähnlichkeit kurzerhand mit dem Namen des Klippschliefers: Schaphan. Daraus entstand der Name Spaniens – das Land des Schaphan. Und diese irrtümliche Benennung führte rückwirkend dazu, dass im heutigen Hebräisch das Kaninchen ebenfalls Schaphan heißt.
Ein Name, der zweimal falsch übertragen wurde und dabei ein Land benannte.
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(C) Herbert Weiler, Juni 2026
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