Das Vaterunser in Hebräisch

 

Neben dem Judeo-Aramäischen und dem Griechischen der Küstenregionen gehörte zur Zeit Jesu auch das Hebräische zu den im Innern des Landes gesprochenen Sprachen des Alltags,  ähnlich wie Regionalsprache, Dialekt und Hochsprache im heutigen Sprachgebrauch vielfach nebeneinander existieren.

Entgegen der erst seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gehegten Ansicht vom Aramäischen als Muttersprache Jesu, gehörte das Hebräische zu den lebendigen gesprochenen Sprachen des damaligen Palästinas, besonders im Bereich der religiösen Zentren Jerusalem oder Hebron,

Vor allem aber bildete es die Sprache der Liturgie, des religiösen Dialogs wie ihn Jesus und die Jünger führten, und der religiösen Unterweisung, worauf auch Martin Buber verweist.

Erst in späterer talmudischer Zeit, in den ersten Jahrhnderten  n.Chr., entstand das bis heute auf aramäisch gesprochene Kadisch, das jüdische Totengebet.

Insofern ist auszuschließen, dass jene, bei Mt 6,9–13 und Lukas 11,2–4 berichtete Unterweisung, in der Jesus die Jünger das Vaterunser lehrt, auf Aramäisch stattgefunden hat. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass das Vaterunser ursprünglich auf Hebräisch gesprochen und von Jesus gelehrt wurde.

 

 

 

Literaturhinweis: Guido BaltesHebräisches Evangelium und synoptische Überlieferung /Untersuchungen zum hebräischen Hintergrund der Evangelien


אבינו  /  שבשמים

sche-ba-schamaim   / Awejnu

der Du bist in den Himmeln / Vater unser

 

יתקדש  /  שמך

schim-cha / jitkadesch

Name Deiner / geheiligt werde

 

תבא  / מלכותך

malchut-cha / tawo

Reich Deines / es komme

 

יעשה  / רצונך

rezon-cha / jiassä

Wille Deiner / es geschehe

 

כמו / בשמים  / כן / בארץ

ba'aretz / ken / ba-schamaim / kmo

auf Erden / so auch / in den himmeln / wie

 

את לחם / חקנו  /  תן / לנו / היום

hajom / lanu / ten / chukejnu / lechem et

heute / uns / gib / für uns bestimmtes / das Brot

 

וסלח / לנו / את / חבותיונו

chavutejnu    / et /  lanu / we-sslach

Schuld unsere / die / uns / und vergib

 

כאשר / סלחנו / גם / אנחנו  /  לחיבינו

le-chajawejnu /  anachnu / gam / sslachenu/ ka-ascher

Schuldigern unseren  / wir  /   auch /   vergeben   /   wie

 

ואל / תביאנו /  לידי / נסיונ

nissajon  /  le-jedej   / tewjenu   / we-al

der Versuchung / in die Gewalt / lass uns geraten / und nicht

 

כי אם /  חלצנו / מן / הרה

ha-ra / min  / chalzejnu    / ki im

dem Bösen / von / erlöse uns   / sondern

 

אמן

Amen

 

 

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Awejnu sche-ba-schamaim

Vater unser der-Du-bist- in-(den)-Himmeln
jitkadesch schim-cha,

geheiligt werde Name-Deiner
tawo malchut-cha,

es komme Reich-Deines
jiassä rezon-cha kmo baschamaim ken ba'aretz.

es geschehe Wille-Deiner wie in-(den)-Himmeln so auf-Erden
et lechem chukejnu ten lanu hajom,

das Brot uns bestimmtes gib uns heute
w'sslach lanu et chavutejnu

und-vergib uns die Schuld-unsere

ka'ascher sselachejnu gam anachnu le-chaijavejnu.

wie vergeben auch wir Schuldigern-unseren
w’al tewjenu le-jedäi nissajon,

und-nicht lass uns geraten in die Hand/Gewalt der Versuchung
ki im chalzejnu min ha-ra

sondern befreie uns von dem Bösen.

Amen.

 

 

 

 

 

 

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Papst  Franziskus und das Vaterunser  >>

 

(...)

- Auch ein anderer Satz birgt eine Vielschichtigkeit der Übersetzung. Die mittlere der sieben Anrufungen, die Bitte um das tägliche Brot. Im Hebräischen gibt es die tradierte Wendung lechem chukejnu, die zwar das tägliche Brot meint, aber wörtlich das für uns bestimmte Brot oder das uns zukommende Brot bedeutet. Das Adjektiv kommt von Chuk - Satzung, Gesetz, Bestimmung.

Es enthält im biblischen Zusammenhang die Konnotation des Unvergänglichen.

Peter Jentzmik übersetzt in diesem Sinne Gib uns heute die uns verheißene Speise. Es ist das Brot der Verheißung gemeint. Daher findet sich in einigen frühen Übersetzungsvarianten auch das Wort vom himmlischen oder geistigen  Brot. Joachim Jeremias beruft sich auf das Nazaräerevangelium, in dem es auf aramäisch heißt: Das Brot für morgen gib uns heute. 

Der morgige Tag gilt im Judentum als Begriff für die zukünftige Welt, die erlöste Welt. Im Deutschen erschließt sich hier die Bedeutung von Zukunft als das Zukommende. Die Bitte eröffnet damit einen Sinn, der nicht nur über die existenzielle Versorgung hinausgeht, sondern diese als Gestaltwerdung des Himmels im Alltag  begreift.

 

- Der Begriff des griechischen Urtextes, der hier als Adjektiv verwendet wird, epiousion, ist ein einzigartiges Wort, das nur im Vaterunser vorkommt. Es ist abgeleitet von ousia, das Wesen oder das Sein.

Das Wort epiousion, das bei Luther als täglich erscheint, wäre demnach mit  überseiendlich oder überweltlich zu übersetzen. Hieronymus überträgt daher ins Lateinische panem nostrum supersubstantialem - Unser übersubstanzielles oder übernatürliches Brot. 

Er bezieht sich dabei auf den Sinn des des Satzes im Nazaräerevangelium: In dem sogenannten Hebräerevangelium . . . habe ich gefunden: ,matar', das heißt, ,für morgen', so daß der Sinn ist: Unser morgiges, das heißt zukünftiges Brot gib uns heute.

 

Eine hebräische Fassung des Gebets, die im Jahre 1555 in Paris gedruckt wurde und die -  wie der jüdische Bibelforscher Hugh Schonfield angibt - auf das vierte Jahrhundert zurückgeht, enthält an dieser Stelle das Wort temidi - תמידי - immerwährend. So dass dort die vierte Anrufung lautet Et lachméjnu temidí tén lanu hajóm - Unser immerwährendes Brot gib uns heute

 

- Wie konnte es angesichts dieser Vorgaben aus der frühesten Übersetzungstradition zu der Reduzierung des Sinns der Brotbitte auf die existenzielle Versorgung, auf das tägliche Brot, kommen? 

 

- Zumal Jesus doch an anderer Stelle mahnt, der Sorge um das tägliche Wohlergehen nicht allzu großen Raum zu geben. Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des alles bedürfet. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.

Matt 6,25 -34

Oder: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes gehtMatt. 4,4  

 

- Hier nun die Bitte um das tägliche Brot an zentraler Stelle, als die vierte und mittlere der sieben Anrufungen des Vaterunsers?

 

- Drei himmlische Bitten, drei irdische Bitten, diese in der Mitte. Dort kommen das Untere und das Obere zusammen. Es ist die Bitte um die Gegenwart. 


 

 

 

 

Die im Jahre 1555 in Paris gedruckte hebräische Fassung des Vaterunsers, die von dem britisch-jüdischen Bibelforscher Hugh Schonfield auf das 4. Jahrhundert datiert wird, enthält im Unterschied zur obenstehenden als vierte Bitte die Formulierung 

et lechmejnu temidi ten lanu hajom - את לחמנו תמידי תן לנו היום - unser immerwährendes Brot gib uns heute.

Eine Wiedergabe dieser Übersetzung findet sich in dem Buch  Das Vaterunser, von K.H. Althoff, Auszüge daraus hier>>

 

zur Aussprache:

Die Silbenbetonung ist durch Unterstrich des betreffenden Vokals gekennzeichnet.

Das ch als Transkription des chet ח oder chaf  כ wird stets, auch bei hellen Vokalen, als Hintergaumenlaut gesprochen, wie im deutschen bei den Worten Bach, Buch oder Nachtwache. 

Die Richtung der hebräischen Schrift geht von rechts nach links. Die Transkription ins Deutsche folgt der hebräischen Schreibrichtung in der Reihung der Wortblöcke. Die darin transkribierten Worte geben von links nach rechts geschrieben die darüber befindlichen hebräischen Buchstaben in der Lautfolge von rechts nach links wieder.