Erasmus, Luther und die Wahlfreiheit

 

Zu Luthers Reformation bemerkte Egon Fridell, diese habe ein autoritäreres Papsttum eingeführt, als es in der katholischen Kirche existiere: Der Papst der Protestanten sei die Bibel. 

Das Thema findet sich schon im Streit zwischen Erasmus und Luther, in dem es um den freien Willen des Menschen geht, den Luther leugnete. Erasmus vertrat zwar reformatorische Ansichten, bestritt eine geistige als auch ethische Überlegenheit des Klerus und hielt mit Spott über den kirchlichen Beamtenstaat nicht zurück; eine Kirchenspaltung betrachtete er jedoch als falschen Weg.

Vor allem aber zu Luthers Erklärungen, der freie Wille des Menschen sei mit dem Sündenfall im Paradies dahin, bezog Erasmus mit seiner Schrift  De libero arbitrio Von der Wahlfreiheit öffentlich Gegenposition.

Luther behauptete, im Allwissen Gottes sei jegliche Entscheidung, auch die zwischen Gut und Böse, vorbestimmt und der freie Wille damit nicht mehr als Ton in der Hand des Töpfers. Der Wille, so Luther, sei wie ein Pferd, das entweder von Gott oder vom Teufel geritten werde.

Ein Satz, der so oder so von der Fremdbestimmtheit ausgeht und zu ihr führt.

Erasmus hielt dagegen, dass Gott in diesem Falle im Menschen nicht anders als in einem Stein wirken würde, und fragte, was der Mensch dann noch wert sei. Vor allem aber, welchen Sinn religiöse und ethische Weisungen noch hätten, schließlich könne, gehe man davon aus, nichts mehr als gut oder böse angerechnet werden.

Luther entgegnete, nur der Glaube und die damit verbundene Gnade können den Menschen zur Erlösung führen, seine Entscheidungen und Werke seien kein Verdienst. Der Glaube aber sei durch die Bibel vermittelt.

Den Einwand des Erasmus, der Text der Bibel bedürfe der Auslegung, beantwortete Luther mit dem Hinweis auf die Autorität des Wortlauts, der freilich der von Luther interpretierte Wortlaut sein sollte. In diesem Sinne Friedells Bemerkung, die Protestanten hätten den strengeren Papst.

Der Schärfe und Stringenz des Erasmus hatte Luther argumentativ wenig entgegenzusetzen und so mündete seine Erwiderung schließlich in die bekannten Beschimpfungen: Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.

 

Die These, im Allwissen Gottes sei zwangsläufig jede Entscheidung des Menschen vorbestimmt und daher auch, ob er der Gnade teilhaftig oder von ihr ausgeschlossen sei, enthält die bereits areligiöse Vorstellung einer vorausgesetzten Zeit und einer damit verbundenen Kausalität, einer Zeit innerhalb der Gottes Allwissen als Determination bestehe. 

Folgerichtig übersetzte Luther auch das erste Wort der Genesis, das hebräische Bereschit- בראשיﬨ -,

welches durch das Präfix be wörtlich Im Anfang  bedeutet und welches bereits in der Septuaginta und auch in der  jüdischen Übersetzungstradition der Thora ins Deutsche in dieser Weise übertragen wird, fälschlich mit Am Anfang

Eine Wesentlichkeit, auf die schon Thomas von Aquin hingewiesen hatte in seiner Schrift über das Wort des Johannesprologs. Es heißt Im Anfang, so Thomas, weil Gott mit dem Anfang auch die Zeit erschaffen habe. Hieße es Am Anfang, hätte sich der Anfang in einer bereits vorausgesetzten Zeit ereignet und sei nicht Anfang.

Die Vorstellung der vorausgesetzten Zeit als Behälter, innerhalb der gleichsam die Ereignisse geschehen, wie von Newton später postuliert, impliziert bereits den naturwissenschaftlichen Determinismus, für den jegliche Bewegung durch vorausgehende Bewegungen bestimmt ist und in dem ein freier Wille ohnehin ausgeschlossen ist.

 

Die Obrigkeits- sowie Wissenschaftsgläubigkeit einerseits und die fundamentalistische Bibelgläubigkeit des protestantischen Spektrums andererseits, etwa in den USA, erweisen sich als zwei Seiten desselben Hangs zum Determinismus. 

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Die Schrift De libero arbitrio , in der er die Wahlfreiheit des Menschen verteidigte, gab Erasmus mit 58 Jahren heraus. 

Das Thema ist, wie bei Libet, auch im Horoskop des Erasmus gekennzeichnet durch die Merkur-Pluto-Verbindung, die Konstellation der Gefangenschaft und Besetzung durch die Fremdbestimmtheit und der möglichen Herauslösung.

Drei Jahre zuvor, im Jahre 1521, als Erasmus 55 Jahre alt ist, erscheint Luthers Schrift  Grund und Ursache aller Artikel D. Martin Luthers, in der dieser den freien Willen bestreitet.

Zu diesem Zeitpunkt, mit 55 Jahren wird im Horoskop des Erasmus pro Jahr/ ein Grad der Pluto überlaufen,  der mit der Sonne in Haus Eins im Skorpion, die vom dem MC mit 9,5 Grad Löwe herkommt, die Freiheit des Einzelnen zum Thema werden lässt, sie gegen eine Vorbestimmtheit und damit letztlich gegen die Ideologie einer äußeren Autorität verteidigt und die Entscheidung des Einzelnen in der Wahlfreiheit als Bestimmung artikuliert. 

Bestätigend steht Saturn in Haus Fünf, dem es - ähnlich wie bei Löwe-Aszendent mit Steinbock in Fünf- um die Bestimmung der eigenständigen Bewegung geht. Bei Erasmus steht er in den Fischen. damit das Prinzip angebend.

 

Dies ist die Beziehung von Skorpion-Sonne in Haus Eins, vom MC im Löwen kommend, und Pluto in Haus Zehn. Das MC auf dem Punkt des Schrittes in die eigene Impulsation, Mond-Pluto, nach der Münchner Rhythmenlehre.

Mit Aszendent Waage und Jupiter als Verbundsführer in Haus Sieben war die Aufforderung zum Dialog das eigentliche Thema des Erasmus. Er warnte vor dem sich abzeichnenden Krieg als Folge der unverständigen Konfrontation.

Mit Mars als Herrscher des Deszendenten in Haus Zwölf wurde zu seiner Zeit nicht auf ihn gehört.

 

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- Der freie Wille wird seit einigen Jahren auch von den Neurowissenschaften bestritten. Deren Vertreter wähnen durch Versuchsanordnungen wie dem Libet-Experiment, in denen entsprechende neurologische Aktivität der angeblichen Willensentscheidung vorauszugehen scheint, eine ohnehin determinierte naturwissenschaftliche Kausalität bestätigt.

 

- Eine moderne Form der lutheranischen Lehre? Hier stehe ich und kann nicht anders?

 

- Luther vertrat seine Thesen zur Negierung des freien Willens weniger nachdrücklich als der schweizerische Reformator Calvin, der die Lehre von der doppelten Prädestination formulierte, hierin dem Islam ähnlich (Allah lässt  in die Irre gehen wen er will und führt recht wen er will, Sure 14,4). Sie führte bei Calvin zu der Ansicht, dass Wohlstand ein Zeichen göttlicher Gnade sei und Armut von deren Ferne zeuge. Vor diesem Hintergrund der calvinistischen Lehre wurde das Streben nach Geld zur Tugend erklärt. 

 

- Der ebenfalls im Zeichen Skorpion geborene Augustinus hatte zwölfhundert Jahre zuvor die Lehre von der doppelten Vorbestimmheit angerissen und darüber einen ähnlichen Streit mit Pelagius geführt, der den augustinischen Thesen manichäistische Strukturen attestierte. Ähnlich nimmt sich Luthers Vergleich aus, mit dem menschlichen Willen verhalte es sich wie mit einem Pferd, das entweder von Gott oder vom Teufel geritten werde.

Die Kirche hatte - trotz der Verehrung des Augustinus - die Lehre von der Vorbestimmtheit und die Leugnung des freien Willens schon zum Ende der Spätantike verworfen. Die Frage blieb jedoch bis zu Thomas von Aquin argumentativ ungeklärt. Die Leugnung der Willensfreiheit ist auf ein irriges Verständnis der Zeit zurückzuführen.

 

- Auch das Surviving of the Fittest in Darwins Evolutionslehre war die naturwissenschaftliche Umsetzung einer Entsprechung der calvinistisch-protestantischen Gesellschaftslehre .  

Darwin hatte, wie er in seiner Schrift Entstehung der Arten bezeugt, die Soziallehre des Thomas Malthus auf die gesamte Tier- und Pflanzenwelt angewendet.

Malthus hatte behauptet, im Sinne der Auslese komme einem Menschen, dessen Arbeit die Gesellschaft nicht benötige, auch keine Lebenserhaltung zu und die Natur ihm gebiete abzutreten.

 

- Luthers Devise, dem Volk aufs Maul zu schauen und damit beim Übersetzen das Geläufige zum Maßstab sprachlicher Präzision zu machen, ließ ihn zu der Formulierung Am Anfang  anstelle des wörtlich übersetzten Im Anfang greifen.  Das Geheimnis des ersten Wortes der Genesis ist darin nicht mehr enthalten. 

 

- Im Anfang - En Arche - heißt es bereits in der ersten Übersetzung der Thora, der griechischen Septuaginta. Sie wurde der Überlieferung nach in Alexandrien von zweiundsiebzig jüdischen Schriftkundigen erarbeitet. Daher der Name. Sie waren übereingekommen, dass ein jeder sich in Klausur begebe um alleine zu übersetzen. Aber am Ende sollen alle Texte übereingestimmt haben.

 

- Luther, der weder Hebräisch noch Griechisch konnte, griff auf die lateinischen Übertragungen des Erasmus sowie auf die Vulgata zurück. Aber auch in dieser heißt es In Principio - Im Anfang.

  

- Ein am ..., wie im Deutschen, kommt im Hebräischen nicht mit zeitlichem, sondern nur mit räumlichem Bezug vor - das Pferd steht am Baum - lejad haEtz .

Zeitangaben hingegen werden stets mit  be - im /in  präpositioniert - baErev - wörtlich im Abend .

Allein wäre das zwar eine wörtliche, aber nicht geläufige Übersetzung.  Und so wird baErev gewöhnlich mit am Abend übersetzt.

 

- Damit verhält es sich ähnlich, wie mit dem besitzanzeigenden Wort haben. Es gibt im Hebräischen kein entsprechendes Wort. Anstelle von haben, wird die Seins-Kopula jesch - ist  verwendet. Bei der Frage Hast Du einen Hut?  - jesch lecha kowa?  würde eine wörtliche Übersetzung ins Deutsche demnach lauten Ist Dir ein Hut?. Das Verhältnis bleibt im Fluß , es wird statisch. 

 

- Eine umgangssprachlich durchaus mögliche Wendung.

 

- In dieser Eigentümlichkeit des Hebräischen drückt sich das Primat der Beziehung zu den Dingen aus. Sie sind auf den Menschen hin und ihm zum Gegenüber. Er soll sie ansprechen, ihnen Namen geben.

So auch das Verhältnis zur Zeit. Es kann nur ein in der Zeit geben. Ein Zeitpunkt ist eine Beziehung, in der der Mensch steht. In jedem Augenblick ein Anfang. Wann, wenn nicht jetzt, sagt Hillel.

 

- Im täglichen Sprachgebrauch mag daher die mangelnde Präzision, die jeder Übersetzung anhaftet, zulässig sein. Nicht aber, wenn es um grundsätzliche oder ontologische Aussagen geht.

Der Anfang, von dem in der Genesis gesprochen wird, ist nicht ein geläufiger Beginn.

Das BeReschit der Genesis enthält einen prinzipiellen Anfang. Es ist ein besonderes Wort. Resch  bedeutet auch Haupt

 

- Die anthroposophische, dem Griechischen En Arche angepasste Übertragung Im Urbeginne versucht das Prinzipielle dieses Anfangs zu erfassen.

 

- In der Tat könnte es nicht Am Urbeginne heißen. So heißt es auch nicht An der Gegenwart sondern In der Gegenwart und Im Augenblick . 

 

- Auch im Deutschen sind etliche Zeitangaben mit im und in bedacht. Auffällig ist, dass es zwar am Tag, aber in der Nacht heißt. Bei Zeitspannen heißt es in dieser Stunde, im Frühling, im Mittelalter, in der Dauer.

Im Anfang aber bedeutet, dass die Zeit selber erschaffen wird.

 

- Es kann auch nicht heißen an der Ewigkeit, sondern nur in der Ewigkeit.  Denn in ihr ist alles zugleich und alles beisammen. Thomas von Aquin Der Anfang ist wie der Blitz.

Indem der Anfang von der Ewigkeit ausgeht, heißt es im Anfang.

 

- In Wirklichkeit geht jeder Anfang von der Ewigkeit aus. Sonst wäre es kein Anfang.

 

- Die  jüdischen Übersetzungen des Bereschit mit Im Anfang, so bei Martin Buber, Leopold Zunz, bei Mendelsohn und den meisten christlichen Übertragungen, übersetzen die Präposition be wörtlich, da es sich um das Prinzip handelt - den Anfang der Teilung in Himmel und Erde. So bedeutet das griechische En Arche - der Bedeutung des beReschit im Hebräischen folgend - eben zugleich Im Urbeginn, Im Prinzip. Denn es ist der Urbeginn, da nichts anderes war. Und so kann es nur heißen Im Anfang.

und nicht am.

Raschi weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es sich nicht um eine zeitliche Abfolge handelt, sondern um eine hierarchische - der Anfang von Himmel und Erde ist stets gegenwärtig. Ein permanentes Ereignis. Und nicht etwa ein geschichtliches Geschehen.

Das erste Wort der Genesis, Im Anfang, macht somit deutlich, dass das Ereignis die Zeit zeugt und nicht etwa die Zeit vorausgesetzt ist. Dass der Anfang aus dem Alle-Zeit wirkt und die Zeit bewirkt.  Insofern ist die wörtliche Übersetzung Im Anfang die zutreffende, dem hebräischen Sinn gerecht werdende und auch, wie Thomas von Aquin nachweist,  die inhaltlich und theologisch sinnvolle.

 

- Zur Frage des Willens äußert Thomas:

Die erste Regung des Willens und jeglicher Begehrungskraft ist: Liebe  -

Naturnotwendig will der Mensch das Gute -

Dem Menschen und aller geistbgabten Natur ist es wesenseigentümlich, kraft ihres Willens zu wirken und Herr ihres Wirkens zu sein. - 

Gott heiligt uns nicht ohne uns. - 

Der Wille gehorcht in bestimmtem Sinne immer sich selbst, dass nämlich der Mensch, auf welche Weise auch immer, das will, was er wollen will.

In bestimmtem Sinne aber gehorcht er nicht immer sich selbst, sofern nämlich einer nicht vollkommen und wirksam will, was er vollkommen und wirksam wollen möchte. zitiert aus: Thomas von Aquin, Joseph Piper

 

- Das Letztere griff Schopenhauer auf. Er hielt dagegen: Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will.

Wenn der Wille durch den Willen begründet sei, setze sich die Begründung fort.

Freilich hebt sich der Begriff des Willens auf, wenn der Mensch nicht wollen kann, was er will. Wille wird entweder zum kausalen Vorgang oder, im Sinne Calvins und Luthers, zur doppelten Vorbestimmung, und wäre nichts anderes als Ton in der Hand des Töpfers.

Thomas hingegen leitet den Willen aus der Erkenntnis ab, die ihm vorangestellt sei.

Denn nur aufgrund des Erkennens und der Urteilskraft kann der Mensch entscheiden - und kann wollen, was er will.

 

- Indes bleibt gültig: der Wille  gehorcht in bestimmtem Sinne immer sich selbst. Eine Tautologie besteht hier nur scheinbar.

Der Wille als Ausdruck der Identität, nämlich dessen, was sich selbst das Selbe ist Heidegger, welches im brennenden Dornbusch zu Moses spricht, Ich bin der Ich bin, aus dem Nichts und durch nichts begründbar, kann nur auf diese Weise artikuliert werden: der Mensch kann wollen, was er will.

 

 

- Gegen Augustinus, der im Sinne seiner Negierung des freien Willens auch Zwang als legitimes Mittel ansah, - wie auch gegen Luther und Calvin - steht der Satz seines Zeitgenossen Gregor von Nyssa:

Mehr als alles andere ist wichtig, dass wir keinerlei Notwendigkeit unterworfen und keiner Macht in Hörigkeit untergeben sind; sondern es steht bei uns, zu tun nach eigenem Ratschluss und Belieben. Denn die Tugend ist eine Sache der Freiwilligkeit und keiner Herrschaft untertan. Was aus Zwang und Gewalt erwächst, ist ebendeshalb keine Tugend. Gregor von Nyssa, de hominis opificio

Gregor von Nyssa wird besonders in den Orthodoxen Kirchen geschätzt.

 

 

 

 

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(C) Herbert Antonius Weiler / לאה גּפ׳