Benedikts Regensburger Rede

 

 

 

 

Der Papst hatte in Regensburg eine Rede gehalten. Darin hatte er auf den Begriff des Logos in der griechischen Überlieferung des Johannesevangeliums hingewiesen, der in deutschen Übersetzungen mit Wort übertragen wird. Der Papst hatte Logos mit Vernunft gleichgesetzt:

 

Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt „σὺν λόγω”, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft. Johannes hat uns damit das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt, in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden. Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist.

aus: Ansprache von Benedikt XVI,  Universität Regensburg, 12.9.2006

 

 

 

In der Rede wird der Vernunft die Bedeutung der Verständigkeit zugewiesen. Weil Gott sich mit dem Menschen verständigt und der Mensch zur Einsicht und Verständigkeit fähig ist, könne eine Bekehrung sich nur durch Dialog und Einsicht verbreiten, nicht aber durch Gewalt, so die Intention der Rede Benedikts. Er bezog sich auf eine Kontroverse, die sich im Jahre 1391 zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II und einem muslimischen Gelehrten im türkischen Heerlager zugetragen hatte. Es war dies die Argumentation des Kaisers gegen den islamischen Anspruch auf politische Herrschaft.

Benedikts Rede war verbunden mit einer grundlegenden Kritik, zitiert aus der Rede des Kaisers, die zu heftigen Reaktionen in den islamischen Ländern führte.

 

Allein entspricht die Gleichsetzung von Vernunft  und Logos nicht den Begriffen, die das Judentum und die frühen Christen mit dem Anfang der Schöpfung verbanden, als welcher der Logos im griechischen Text des Prologs ausgewiesen wird.

Es ist vielmehr die Weisheit, die im Alten Testament mit dem Wirken Gottes verbunden wird. In Weisheit hast Du alles gemacht, heißt es. Psalm 104:24

 

Die Weisheit selber spricht von sich und bekennt sich als erstes Prinzip, vor allen Anfängen im

Lied der WeisheitSprüche 8,22-31

Der Ewige hat mich geeignet als Anfang seines Weges, als Erstling von jeher.

Von Ewigkeit her wurde ich gesalbt, von Anfang an, vor den Uranfängen der Erde.

Als es noch keine Fluten gab, ward ich gezeugt, als noch keine Quellen waren, wasserbeschwert...

Als er den Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog, über der Fläche der Tiefe. Als er dem Meere stellte das Gesetz und dass das Wasser nicht überschreite seine Ufer, als er einfügte die Grundpfeiler der Erde. Da war ich ein Schoßkind bei ihm , und war seine Wonne Tag für Tag, spielend vor ihm allezeit.

Spielend auf dem weiten Rund seiner Erde, und habe meine Wonne mit den Menschenkindern.

 

Das betreffende hebräische Wort lautet Chochmah -  חוכמה.

Es wird seit der Septuaginta, der Übertragung der hebräischen Bibel ins Griechische um 200 vor Chr., mit Sophia übersetzt, das ins Deutsche als Weisheit  übertragen wird. 

 

Chochmah wird in der rabbinischen Auslegung mit dem Anfang zu Beginn der Genesis identifiziert: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde - In Chochmah - In Weisheit schuf Gott Himmel und Erde...

 

 

Weisheit kann freilich mit Vernunft nicht gleichgesetzt werden.

So kann die Vernunft kaum spielerisch genannt werden.

Vernünftig kann es sein, der Weisheit Gehör zu schenken.

Aber vernünftig ist nicht gleich weise.

Aber auch mit dem Begriff der Weisheit wird nicht verbunden, dass sie spielerisch sei.

 

Tatsächlich wird weder Vernunft noch Weisheit der hebräischen Bedeutung von Chochmah  gerecht. 

Denn Chochmah  enthält noch einen aktiven, schöpferischen Sinn, der in dem Begriff der Weisheit, und auch in der griechischen Sophia nicht aufscheint.

Chochmah steht an weiteren Stellen in einem Zusammenhang, der die Übertragung mit Kunst  nahelegt, die entsprechend in einigen Bibelübersetzungen auftaucht. So bei der Berufung des Bildhauers Bezalel  zur Gestaltung  des  Stiftzeltes: Der Ewige hat mit Namen berufen Bezalel ... und hat ihn erfüllt mit dem Geist Gottes, mit Kunst - chochmah -, Erfindung, Einsicht und an aller handwerklichen Begabung. Ex. 35,31

 

Dies mag der Grund sein, warum die Weisheit  nicht in der christlichen Übersetzungstradition des Johannesprologs auftaucht, obwohl in den alttestamentarischen Texten Chochmah mit dem Anfang der Schöpfung verbunden ist.   

 

Hier wird  das Wort  genannt.

In der lateinischen Übersetzung des Prologs ist das griechische Logos mit Verbum  - Wort  übertragen. Dem folgt die deutsche Übersetzung, sofern sie nicht den griechischen Begriff beibehält: Im Anfang war das  Wort .... heißt es in der Einheitsübersetzung.

Im Sprachgebrauch kann der Logos dem Sinn, entsprechen etwa wenn wir etwas logisch  nennen, weil es uns sinnfällig ist oder uns sinnvoll erscheint. 

 

Als entsprechender Begriff für die Bedeutung Wort hätte dem griechischen Übersetzer, sofern nicht Johannes selber der Autor der griechischen Fassung ist, anstelle des Logos auch der Begriff des Mythos zur Verfügung gestanden, der im Griechischen ebenfalls Wort bedeutet.

 

Hierzu hob der Philologe W. F. Otto einen unterschiedlichen Inhalt der Begriffe Mythos und Logos hervor:

Logos meint die bedachte, also richtige Rede. Die Richtigkeit ist immer nur in einem Zusammenhang und un­ter bestimmten Voraussetzungen richtig, im Gegensatz zu der Wahrheit, die an und für sich gültig ist, ohne Voraus­setzung und Zusammenhang. Mit Mythos ist ursprünglich das wahre Wort, die unbedingt gültige Rede gemeint, die Rede von dem, was ist. Daher gilt Mythos hauptsächlich von den göttlichen Dingen, die keines Beweises bedürfen, son­dern unmittelbar gegeben oder geoffenbart sind. ...

Sie (die Sprache) entspringt keinem Ich und seinen Äußerungsbedürfnissen, sondern dem göttlichen Rhythmus aller Dinge, dem das gottverwandte höhere Sein des Menschen begegnet. Ist sie ursprünglich Anrede, dann ist sie nicht eine Anrede an den Nebenmenschen, sondern eine Zwiesprache des höheren Seins des Menschen mit dem Göttlichen der Welt. Sagen wir ruhig: die Zwiesprache des Menschen mit Gott.  aus: "Sprache als Mythos", in "Sprache und Wirklichkeit Essays" , Walter. f. Otto

 

Sofern tatsächlich gemeint ist, der Mythos sei das Wort zwischen dem Menschen und dem Göttlichen, der Logos  hingegen das Wort zwischen den Menschen, so wird diese Zuordnung dem Mythos nicht gerecht, da es der Mythos  ist, der Mensch geworden ist und der den Menschen weist, den Himmel im anderen Menschen zu erkennen und anzusprechen.

 

Es ist die Begegnung zwischen den Menschen, die nach jüdisch-christlichem Verständnis angelegt ist, den Mythos im anderen Menschen zu erblicken. Die Identität, das Du  im Anderen zu erkennen, so Martin Buber, bedeutet gleichermaßen Begegnung und Individuation.

In den Evangelien nennt Jesus, als er nach dem wichtigsten Gebot in der Thora gefragt wird, derer zwei: zunächst das der Beziehung zu Gott. Dann das der Beziehung zum Mitmenschen. Dies ist das als Nächstenliebegebot bekannte Zitat aus 3 Moses 19,18.  Halte lieb deinen Genossen- er ist wie Du. Ich bin's.  

Jesus stellt es ausdrücklich der Beziehung zu Gott gleich.  Die Weisung gilt als Essenz der jüdisch-christlichen Ethik. 

 

Papst Benedikt als auch F.W. Otto setzen Logos  mit Nous gleich, mit der Vernunft. Darin kommt bereits die spätere sophistische, mit der Abwertung des Mythos verbundene Kontrastierung der beiden Begriffe zum Ausdruck, die das Logische als das Begründbare, mittels der Vernunft überprüfbare, dem Mythischen als das Unbegründbare, vorzieht. 

Die ursprüngliche Bedeutung des Mythos als das wahre Wort, das Wort der Gewissheit, weist jedoch auch auf eine ursprüngliche an den Mythos gebundene Bedeutung des Logos hin, die gegolten hat, bevor er der Vernunft gleichgesetzt wurde.

Es ist die Auswirkung des im Zeichen Wassermann zum Ursprung gekommenen Gegensatzes, der im Zeichen Steinbock zur Begrenzung und damit zum Urteil (von Ur-Teilung)  wird.

Philon von Alexandrien, der auf den biblischen Bezug der griechischen Philosophie und ihrer Begriffsbildungen hinwies,  nannte den Logos den Teiler, der das Jahr in die vier Jahreszeiten und in die 12 Tierkreisabschnitte teilt. An anderer Stelle nennt er ihn einen Fluß, der aus der Quelle der Weisheit entspringt. 

Im Lied der Weisheit wird die aus der Polarität von Land und Wasser, von Himmel und Erde sich ergebende Begrenzung artikuliert, wenn Chochmah von den Ufern spricht,  Als er dem Meere stellte das Gesetz und dass das Wasser nicht überschreite seine Ufer,  und von Horizont und Ekliptik, Als er die Himmel feststellte, war ich dabei. Als er einen Kreis abmaß über der Fläche der Tiefe, 

 

Aristoteles bezeichnet in seiner Poetik den Mythos als das Zusammenwirken verschiedener darstellender Handlungen oder Geschehnisse im Sinne einer ihnen immanenten fügenden Komposition (sýnthesis tōn pragmátōn). Der Mythos als das verborgen Wirkende, dessen Gestalt sich erst mit der Vollendung offenbart. 

Es ist die Causa Finalis, die vierte der vier aristotelischen Kausalitäten, Ausgang und Ziel.  

Es erschließt sich hierin die Herkunft des griechischen Begriffs Mythos  aus dem

hebräischen musthar - מוסתﬧ -verborgen, geheim.

 

Gleichwohl steht der Begriff des Mythos  dem der biblischen Weisheit  näher, zumal es auch im Hebräischen ein Begriffspaar gibt, dessen Unterscheidung der von Mythos  und Logos nahekommt: Chochmah  und Binah – Weisheit  und Verstand

Chochmah - חוכמה und  Binah  - בינה - werden in der jüdischen Mystik als die beiden ersten Äußerungen Gottes aufgefasst, aus Kether - כתר - der Krone, fließend, welches im Sohar, dem Hauptwerk der jüdischen Mystik, das Verborgenste allen Verborgenen  genannt wird.

Die beiden Prinzipien stellen die Polarität dar. Chochmah wird dem männlichen Prinzip zugeordnet, Binah dem weiblichen.

 

Die beiden polaren Prinzipien Chochmah - Weisheit und Binah - Verstand, Klugheit,

die aus dem Geheimnis Kether - der Krone, hervorgehen.

Ausschnitt aus einer Darstellung der Zehn Sephiroth, der zehn Urkräfte,

die in der jüdischen Mystik von der ungeteilten Gottheit ausgehen.

 

 

In den biblischen Texten die sich dem Begriffspaar widmen, wird Chochmah, die Weisheit, als Voraussetzung angegeben, der Binah, derVerstand folgt.

So artikuliert in Sprüche 4,7: Erwirb dir Weisheit - Chochmah - und mit allem, was du erworben hast, erwirb dir Verstand – Binah. 

In Sprüche 24,3 dann eine nähere Erklärung: Durch Chochmah - Weisheit wird ein Haus erbaut, durch Binah - Verstand wird es begründet.  Der Verstand kann begründen, aber Weisheit ist ihm vorausgesetzt.

 

Das Wort, von dem der Prolog des Johannes spricht, ist der Ausgang der Polarität. Aus dem Wort, hebräisch mila, erwächst das Gegenüber. Zum Wortfeld gehört mul - gegenüber. Das Wort -mila  bildet das Zwischen und damit die Beziehung von Sprecher und Angesprochenem, aus ihm entsteht Innen und Außen,  Ich und Du

Ich bin die Tür, sagt Jesus,

und: Wer nicht durch die Tür eingeht zu den Schafen, ist ein Dieb und Mörder Joh. 10,9 - wer nicht den Weg vom Zeichen Fische über Wassermann und Steinbock geht, sondern die Vereinzelung von Uranus und Saturn verweigert.  

Das Thema der Jupiter-Neptun-Verbindung, bei der die Gestaltwerdung verweigert ist, indem der Himmel ohne den Weg über Ursprung und Bestimmung zur Anschaung gemacht wird. Wolfgang Döbereiner

 

Der hebräisch/aramäische Begriff mila  findet sich in einer aramäischen Bibelfassung im Johannesprolog anstelle des griechischen Logos. Peschita, Miltha

In seiner Wurzel ist das Bedeutungsspektrum von Begrenzung, Zwischenraum, Gegenüber, Füllung, Wort  und Beziehung  enthalten. Martin Bubers Schrift Urdistanz und Beziehung  widmet sich diesem Thema.  

Auch in der Berufung des Bezalel, in der es heißt, Gott habe ihn erfüllt ...   steht das Wort mila für die Erfüllung.  

 

mila - mythos, logos >>

 

 

                                                                                                  ---

 

 

 

Zur Zeit Manuells II, der von 1350 bis 1425 lebte, war das byzantinische Reich infolge der osmanischen Eroberungen bereits zu einem Kleinstaat geschrumpft, der dem Sultan zu militärischer Unterstützung verpflichtet war.

Manuell, zu jener Zeit noch Statthalter von Thessaloniki, befand sich in der Heersfolge im Winterlager des osmanischen Heeres bei Ankara, als es dort, im Jahre 1391, zu dem Gespräch mit einem persischen Gelehrten aus dem Lager des Sultans kam, aus dem Papst Benedikt in seiner Regensburger Rede zitierte:

Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von ‚Schriftbesitzern‘ und ‚Ungläubigen‘ einzulassen, wendet er (der Kaiser) sich in erstaunlich schroffer, uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: ‚Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten‘. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. ‚Gott hat kein Gefallen am Blut‘, sagt er, ‚und nicht vernunftgemäß, nicht σὺν λόγω zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider‘. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann.

 

Die Rede stellt eine Zäsur dar. Sie führte zu heftigem Widerspruch seitens islamischer Religionsvertreter wie auch einiger westlicher Theologen. Es kam zu Unruhen und Protestdemonstationen in den islamischen Ländern.

 

Der Aufgang liegt beim Ende der Rede auf 10° Wassermann (Mond-Pluto, Münchner Rhythmenlehre) , was anzeigt, dass es hier zu einem Durchbruch von bisher öffentlich Ungesagtem kam, durchaus im Sinne einer Befreiung.

Dazu passt, dass der zitierte Manuel II noch im selben Jahr aus dem Heerlager des Sultans floh und danach in Konstantinopel zum Kaiser gekürt wurde. Unter seiner Herrschaft erlangte Byzanz noch einmal eine befristete Unabhängigkeit.

Das Ziel des Verbunds, mit dem Merkur auf 0° Waage in Haus sieben, in Konjunktion zum Mars, der im Spiegel zum Pluto in Haus elf steht, macht die Zäsur und die Heftigkeit der ausglösten Kontroverse deutlich und zeigt, mit der Sonne in der Jungfrau, dass es hier um die Bewusstmachung einer Bedrohung geht, die bislang nicht ausgesprochen wurde.

Einer Bedrohung, die zugleich die Spiegelung einer Haltung ist, in der die Bestimmung mit der Vernunft verwechselt wird.

 

Laut der Auskunft des Archivs der Universität Regensburg begann um 16:45 h das Treffen des Papstes mit den Vertretern der Wissenschaft in der Aula Magna. Danach folgte die Ansprache. Das Ende der Veranstaltung war für  18:00 Uhr vorgesehen, da sich dann die Fahrt von der Universität zum Dom anschließen sollte. Die Rede dauerte 32 Minuten.  Dies ist das Horoskop des Endes der Veranstaltung.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               (C) Herbert Antonius Weiler, 2016