aus: Astrologiezeitung für die Münchner Rhythmenlehre 

Nr. 6, 1988, herausgegeben von Verena Franke

 

 

 

 

 

 

 

WELCHER KUNST GEHEN KÜNSTLER NACH ?

 

Seit ein paar Jahren gibt es für  Dichter, Maler und Musiker und dergleichen eine neue Pflicht - die Versicherungspflicht.

Die eigens hierzu ins Leben gerufene Institution heißt, weil es sich bei dem genann­tem Personenkreis um Leute handelt, die  "Künstler" genannt werden, "Künstlersozialkasse".

Hat man bei der  Künstlersozialkasse vernommen, daß sich jemand künstlerisch betätigt, und damit seine Existenz bestreitet, ohne versichert zu sein, so wird dieser per Post auf seine Versiche­rungspflicht hingewiesen. Er bekommt einen Fragebogen mit einem kleinen Merkheft, welches ihm seine Situation vor Augen führt.

Den Umschlag des Merkheftes ziert, wohl weil es sich an Künstler wendet, ein cartoonartiges Aquarell, auf dem Käfer in Gräsern turnen, und ein Gedicht, das geht:

"Jetzt, wenn der Künstler mal verletzt, fängt ihn das soziale Netz"

Einer der Käfer ist abgestürzt, aber dann in einem Netz gelandet

 

Dann muß der Adressat sein Einkommen schätzen, und sollte dies zu gering sein, so ist er keineswegs von der Versicherungspflicht entbunden, sondern das Sozial­system zahlt die Beiträge.

 

Künstler scheint somit ein richtiger, staatlich kategorisierter Beruf geworden zu sein. Wie ein Tischler Tische macht, ein Schuhmacher Schuhe und ein Geschäftemacher Geschäfte, so stellt man sich den Künstler als einen vor, der Kunst macht.  Manche Künstler nennen sich deshalb auch Kunstmacher.

 

Obwohl es weder ein Berufsbild des Künstlers, noch ein Bild seines Produktes, der Kunst, gibt, ist dies eine Vorstellung, die allgemein geteilt wird.

Nun wäre es, bevor man begann, die Sprache nur noch als Informationsvermittlung zu betrachten, nicht möglich gewesen, vom  Kunstmachen  zu sprechen, weil man einer Kunst nur nachgehen kann und sie vielleicht erreichen kann.

Es kann dann jemand so malen oder so tischlern, daß es eine Kunst ist.

Aber es kann niemand Kunst machen, weil es seiner Macht nicht unterliegt, ob es Kunst wird.

Und es kann deshalb niemand "Künstler" als Beruf wählen, weil das nur etwas sein kann, das einem zuteil wird wie eine Gnade, im Moment der Hingabe, da man von den eigenen Zwecken und Belangen nicht bestimmt ist.

Nur aus dieser Freiheit heraus kann etwas Gestalt werden. Das, was in einem Tisch, Tisch geworden ist, konnte nur durch den zur Anwesenheit kommen, der ihm dies nicht durch Zwecke, die ja immer die Zwecke der eigenen Person sind, verwehrte.

Dies war als ein christliches Grundmotiv des Mittelalters in der Sprache noch bis zur Barockzeit lebendig. Da hatte man das Wort "Kunst" von Können abge­leitet, welches nicht, wie später, die Fähigkeit zu einer Leistung bzw. einer Fer­tigkeit bedeutete, sondern die Fähigkeit, aus jener Freiheit heraus Gestalten zu erschaffen.

Der Künstler ist so dem König verwandt, der auch nicht in Diensten stehen darf, und dessen Königtum nur in dieser Freiheit eines "von Gottes Gnaden" ist. Darum ist der Könner, da er nicht mehr im Dienste seiner Person steht, ein Keiner.

Das von ihm Hervorgebrachte ist sein Kind.

Das Gekonnte als das Kunstwerk muß als Gestaltgewordenes etwas sein, das, wie ein Kind, neu ist, während das Gemachte als das Machwerk nur etwas neu Zusammengesetztes sein kann, in dem die Erscheinungsformen der  Gestalten nachgeahmt und verbraucht werden.

Anschaulich wird dies an der Architektur, wie sie sich nach der Aufklärung entwickelte.

 

Wenn man die Kunst heute als etwas Machbares ansieht, so ist der Begriff zu einer aussagelosen Übereinkunft geworden. In diesem Sinne wird auch das Neue, da man keine Gestalten mehr erkennt, als das nur "Unerwartete" verstan­den. Die meisten Aussagen über Kunst, die heute Gültigkeit haben, beziehen sich nur auf diese Übereinkunft.

 

Sätze, wie zum Beispiel: "Wenn jemand sagt, es ist Kunst, dann ist es Kunst" (M arcel Duchamp), "Kunst ist Definition von Kunst" (Joseph  Kosuth), "Kunst ist Medium" (B.azon Brock), "Kunst ist es, das zu sein, was man nicht von ihr erwartet" (Seth Siegelaub), beschreiben nur eine Haltung, bei der die Worte "Kunst" und "Künstler" wie Eti­ketten benutzt werden.

 

Gleichzeitig ist heute aber die Kunst des Tischlers  nicht mehr zu finden. Dieser ist dazu übergegangen, einen Tisch zu fertigen, ihn zu produzieren im Hinblick auf seine Verwertbarkeit, anstatt ihm Gestalt zu geben.

Offenbar sieht man heute jedes Tun als Zweck.

Hatte man vordem das Waschen als Erlebnis hingenommen, so sah man es nach der Aufklärung mehr als Methode zur Erlangung sauberer Wäsche an, die bei­zeiten durch eine zweckdienlichere Methode ersetzt wurde, letztlich durch die Maschine.

Der Vorgang des Waschens als Gestalt ist also nahezu ausgestorben.

So sind die methodisch gefertigten Dinge unserer Zeit, da sie inhaltlich nicht gewachsen sind und sich ihre Realität nicht aus einem Gestaltwerden ergibt, ei­gentlich keine richtigen Dinge mehr, sondern es sind Wucherungen des im Zweckdenken anonymisierten Geizes, der sich verselbständigt hat und sich wie ein Virus gestaltlos an Gestalten anhaftet, um sie im Nachahmen zu zerstören.

Die gewonnene Zeit nennt man Freizeit, so als gäbe es noch eine freie Zeit, nachdem man sich den Zwecken verkauft hat.

Jene Freiheit, aus der heraus man gestalten konnte, ist  einem Ra­tionalismus geopfert worden, welcher den Menschen derart in den Dienst der Zwecke stellt, so daß auf eine anonyme und deshalb unbegriffene Weise eine Leibeigenschaft entstand, die alles Vorherige dieser Art in den Schatten stellt.

 

Der Kunst, die vorher in jedem menschlichen Tun als Möglichkeit gegeben war, konnte nicht mehr nachgegangen werden. Da man sie nicht mehr als etwas zu Erreichendes, in der Bewegung von sich weg, betrachtete, sondern als etwas aus sich heraus Bestimmbares, das somit machbar ist, - wie ein König, der sich selbst krönt ~, hat der Begriff nur noch in einem bestimmten konkreten Bezugsbereich Bedeutung: in der "Kunst" - als Kultur.

 

Dieser neue Kunstbegriff ist wie ein separater Bereich, in dem aus der gewon­nenen bürgerlichen Sicherheit heraus der Geschmack des verlorengegangenen Erlebnisses konsumiert wird.

In der Sprache der Prospekte und Zeitungen hat sich dies niedergeschlagen, indem man heute vom "Erlebnisbereich Museum" spricht oder vom "Erlebnisbe­reich Freizeit", oder vom Erlebnisbereich "Natur". Vielleicht liegen deshalb die größten Museen und Naturschutzgebiete in dem Land, in dem das Fließband erfunden wurde.

 

Es mag so das Unbehagen zu erklären sein, dessen Einige sich nicht erwehren können, wenn sie, nach ihrem Beruf gefragt, "Künstler" angeben.

Das ist fast so, als würde man angeben: "Heiliger".

Das gäbe dann eine "Heiligensozialkasse".

 

 

(c) herbert weiler, 1988