Die Gegenwart der Dinge 

 

Ist ein Stuhl bestimmt durch seinen Zweck oder ist er bestimmt durch etwas anderes, ihm Eigenes?

Ein Unterschied liegt darin, ob wir sagen, der Stuhl sei ein Zweck oder ob wir sagen, der Stuhl diene einem Zweck.

Neigen wir dazu, den Stuhl nur als Zweck zu sehen, so erkennen wir ihn letzthin nicht an als etwas, welches ein anderes ist, uns gegenüber, sondern wir nehmen ihn nur wahr als Sättigung unseres Bedürfnisses zu sitzen, als Nutzen für unsere Belange.

 

Letztlich negieren wir darin seine Existenz als Gegenstand.

Und schließlich können wir in der Konsequenz uns selbst auch nur als eine Mechanik von Zwecken begreifen, als Zweck von Zwecken, die von Zwecken bestimmt sind, wie im Leviathan des naturwissenschaftlichen Denkens angelegt, der sich  kreisend in den eigenen Schwanz beißt.

 

Sagen wir nun, der Stuhl diene uns zum Zweck, so bekennen wir, dass der Stuhl ein Eigenes ist, welches uns freundlicherweise zum Zweck dient. Er ist uns ein Gegenüber, wir erkennen in ihm etwas, das zur Gestalt kommen will.

 

Was ist es, was die Dinge wollen? Was ist ihr Wesen?

Zu den Dingen in Beziehung treten, ihr Wesen erkennen, heißt, ihnen Namen zu geben. 

In der Schöpfungsgeschichte wird der Mensch von Gott berufen den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels ihren Namen zu geben.

 

Im Universalienstreit machte Abelard geltend, der Name der Rose, die Beziehung zu ihrem Wesen, sei auch dann noch gegeben, wenn keine Rose mehr da sei.

 

Was aber ist das Eigene des Stuhls über seinen Zweck hinaus? Wie erkennen wir das Eigene oder Eigentliche des Stuhls, anwesend im einzelnen Stuhl?

Es ist sein Witz. 

Die Welle kommt aus dem Wasser - und geht wieder zurück ins Wasser. 

Der Witz kommt ebenfalls, wie die Welle, aus dem Wasser, aber er wird ein Einziges und fliegt.

 

Die Erkenntnis dieses Eigentlichen angesichts des Stuhls ist die Erkenntnis seiner Identität: Der Stuhl ist uns deshalb ein Stuhl, weil wir in ihm das Wesentliche eines Stuhls erkennen. 

Eine Eigenschaft dieses Wesens ist, dass es auch in allen anderen Stühlen erkennbar ist. Daher der Begriff der Universalie in der Scholastik.

 

Nun sagen einige, das Wesen eines Stuhls gebe es gar nicht, weil dasjenige, was allen Stühlen gemeinsam sei, doch nur in der Wahrnehmung des Menschen bestehe.

Der Stuhl, so die Meinung, wisse nichts davon, dass er etwas Wesentliches mit allen anderen Stühlen gemeinsam habe. Geschweige denn, dass ihm ein Wesen innewohne, welches das Wesen des Stuhls zu nennen wäre. 

Einen Witz hat der Stuhl unter dieser Sichtweise nicht.

 

Ohnehin bleibt dabei ungeklärt, wie der Mensch zu der Erkenntnis einer Gemeinsamkeit aller Stühle kommen kann, auch wenn sie nur bei ihm liegt, also nominalistisch ist.

 

Aber woher will einer wissen, was die Stühle wissen oder nicht wissen?

 

Dschuang Tse stand auf einer Brücke als Hui Tse dazustieß.* 

Siehst du, wie die Elritzen springen, sagte Dschuang Tse, das ist die Freude der Fische.

 

Sagt Hui Tse: Du bist kein Fisch. Daher kannst du die Freude der Fische nicht kennen.

 

Sagt Dschuang Tse: Du bist nicht ich. Wie kannst du also erkennen, dass ich nicht die Freude der Fische erkenne?

 

Sagt Hui Tse: Stimmt, Ich bin nicht du und kann deine Erkenntnis nicht erkennen. Aber das erkenne ich; dass du kein Fisch bist. Und daher kannst du nicht die Freude der Fische erkennen.

 

Sagt Dschuang Tse: In deiner ersten Rede gingst du schon davon aus zu wissen, was ich erkennen kann - und räumtest damit ein, dass ich auch die Freude der Fische wissen könne.

Gleichwohl. Ich weiß es aus meiner eigenen Freude über dem Wasser.

 

 

Das ist die Gegenwart der Dinge.

 

                                                         

 

                                                             ***

 

*frei nach: Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse, Martin Buber