Ukraina - Grenzland

 

 

 

- Im Blick auf den Krieg um die Ukraine verweisen einige auf die Schweiz, die als neutraler Staat zwischen den europäischen Nationen Deutschland, Frankreich und Italien als Beispiel für eine künftige Neutralität der Ukraine zwischen der Nato als westlicher Macht und Russland gelten könne.

 

- Ähnlich wie die Ukraine stellt sich auch die Schweiz zusammen mit Luxemburg, Belgien und Elsass-Lothringen als Teil einer Grenzregion zwischen den Mächten dar. Eine Sphäre zwischen dem romanischen und dem germanischen Sprachraum, die sich wie ein Band von den Alpen bis zur Nordsee erstreckt. In diesen Ländern existiert eine gemischtsprachige Bevölkerung mit romanischen und germanischen Anteilen. in Belgien die französischsprachigen Wallonen und die niederländischsprachigen Flamen, in Luxemburg wird Französisch, Deutsch und Letzeburgisch gesprochen und in der Schweiz existieren gar, wenn man neben Deutsch, Italienisch, Französisch und Räteromanisch das Schwyzerdütsch einbezieht, fünf Sprachgruppen nebeneinander.

 

- Es sind föderative Gemeinwesen, die hier eher gedeihen als andernorts. Vermutlich entstand in der Schweiz daher auch eine der ersten demokratisch organisierten Gesellschaften Europas. Es ist das Gebiet des alten fränkischen Mittelreichs, das sich, anders als Frankreich im Westen und Deutschland im Osten, als ein einheitliches Reich nicht weiter herausbilden und halten konnte. Besonders im Falle Elsass-Lothringens, eines Grenzlandes im Wechselspiel der Mächte, mal deutsch, mal französisch. Andererseits die Schweiz, die sich zu ungebrochener, föderativer Eigenständigkeit und wirtschaftlicher Bedeutung entwickelte. Auch als Begegnungsort. Der Hang zur Neutralität erklärt sich aus der Zwischensituation.

 

- Im Unterschied zu diesen Ländern war die Ukraine jedoch lange Zeit ein kaum bewohntes Niemandsland zwischen den Mächten. Die unendlich erscheinende Steppe erschien wie ein Meer, an den Rändern Städte und Gemeinden. Ukraina bedeutet Steppengrenze oder Grenzland. Das Steppenmeer selber blieb Jahrhunderte mehr oder weniger ein Durchzugsgebiet, nomadisierende Gemeinschaften lebten hier. Das Wilde Feld  wurde die Gegend genannt. Das unendliche flache Grasland bot kaum natürliche Möglichkeiten zur Errichtung von Befestigungen. Es ist der westliche Ausläufer einer Steppe, die von der ungarischen Pußta über die Ukraine bis nach Ostasien reicht.

 

-Tatarische Heere von der Krim suchten regelmäßig die polnischen oder russischen Dörfer am Rande des Niemandslandes heim, um sie auszurauben und die Bewohner als Sklaven zu verschleppen. Abnehmer war das Osmanische Reich, unter dessen Protektion die Krim stand. Aus der Weite der Steppe tauchten die Reiterheere auf und verschwanden wieder.

 

- Zugleich bot der riesige rechtsfreie Raum ein Refugium für entflohene Leibeigene oder verschuldete Adlige aus dem Zarenreich. 

So soll es schließlich zu kleineren Ansiedlungen gekommen sein, ihre Bewohner verstanden sich als Wehrbauern. Auch Juden, die Jahrhunderte zuvor im Zuge der Pestpogrome in den Osten Europas geflüchtet waren, siedelten sich an. Eine erste Befestigung, Sitsch genannt, wurde auf einer Insel im Dnepr errichtet, sie gilt als Beginn des Gemeinwesens der Kosaken, in deren Kontinuität sich die heutige Ukraine versteht. Als Sitsch wurde künftig die Ratsitzung und der Gerichtshof der Kosaken bezeichnet. Man übernahm die Reitkultur der Tataren sowie ihre Taktik des schnellen Angriffs und Rückzugs.  Die Kosaken waren der Reiterei der tatarischen Raubzügler ebenbürtig und vermochten sie abzuwehren. Sie verfolgten die Angreifer auf langen Ritten und führten ihrerseits Angriffe durch. Das führte allmählich zum Ende der Tatarenraubzüge. Das wilde Land war sicherer geworden und die Bevölkerung nahm zu. Die Bezeichnung Kosak soll aus dem Turkmenischen kommen und bedeutet Unabhängiger oder freier Steppenreiter . So auch im Namen Kasachstans.

 

- Ein Prozess, der im restlichen Europa rund ein Jahrtausend zuvor im Zuge der Völkerwanderung stattgefunden hatte, vollzog sich hier im 16. Jahrhundert: Die Bevölkerung eines Raumes und die Entwicklung eines neuen Gemeinwesens. Das ist das Erstaunliche.

  

- Die Freiheitsliebe der Kosaken war bekannt und ausgeprägt. Sie bildeten föderative, zeitweise demokratische Gemeinwesen, geleitet von einem gewählten Anführer, dem Hetman. Ihre religiöse Ausrichtung war zunächst entsprechend liberal, wenngleich die Mehrheit dem orthodoxen Christentum zugeneigt war.

 

- Die Ukraine  bildet einen Grenz- und Begegnungsraum der Mentalitäten.  Katholisches Christentum im Westen  und  orthodoxes Christentum im Osten treffen hier aufeinander. Heute vielleicht repräsentiert durch die Nato-Staaten und Russland. Was damals Rom war, ist heute die Nato.

 

- Die wirtschaftliche und vor allem die militärische Bedeutung des Kosakenlandes führte zu Bestrebungen, die Kosaken den bestehenden Herrschaftsbereichen zuzuführen und sie zu assimilieren. 

 

- Im 16. Jahrhundert war Polen-Litauen das mächtigste Reich Osteuropas, das sich zeitweise von der Ostsee bis zur Krim erstreckte. Der polnische König führte zunächst ein System der Registrierung ein, die sogenannten Registerkosaken. Ein weiterer Schritt war der Versuch, die orthodoxe  Anbindung der Kosaken mit dem polnischen Katholizismus zu vereinen. Es kam zur Union von Brest-Litowsk, einem Vertrag*, der am 18.10.1596 zwischen Vertretern der orthodoxen ukrainischen Kirche und dem katholischen Klerus Polens ausgehandelt wurde. Eine unierte griechisch-orthodoxe Kirche wurde konstituiert, die zwar ihren Glaubenssätzen und dem orthodoxen Ritus treu bleiben, aber künftig zu Rom gehören sollte. 

 

- Der Großteil der Kosaken billigte diese Union nicht, zudem waren in der Folge die bislang freien kosakischen Bauern nun im polnischen Einflussbereich der teils brutalen Willkürherrschaft des polnischen Adels ausgeliefert.

Dies führte zu etlichen Aufständen, die zunächst niedergeschlagen wurden, bis es  52 Jahre später zum großen Kosakenaufstand von 1648 bis 1657 unter dem Hetman Bohdan Chmelnyzkyj kam. 

 

- Chmelnyzkyj hatte sich zunächst an den Zaren in Moskau gewandt. Sein Appell, er möge den orthodoxen Glaubensbrüdern helfen, blieb jedoch ungehört. Der Zar lehnte ab, da er sich einen Krieg mit Polen-Litauen nicht leisten wollte. Chmelnyzkyi bat daraufhin den Khan der Krim um Waffenhilfe. Dieser schickte ihm zehntausend Reiter. Eine Schwächung Polen-Litauens lag in seinem Interesse. Mit der Verstärkung besiegten die Truppen Chmelnyzkyjs vielerorts die Heere des polnischen Adels und drangen bis tief nach Westen vor.

Dabei kam es zu zahlreichen Massakern an der katholischen Bevölkerung und dem Klerus, vor allem aber an den polnischen und ukrainischen Juden. Ganze jüdische Dörfer wurden ausgelöscht, Siedlungen entvölkert, mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung soll umgekommen sein. Bis zum Holocaust waren die Chmelnyzkyj-Pogrome in der jüngeren jüdischen Geschichte das erschreckendste Ereignis. Ein Fasttag im jüdischen Kalender wurde eigens eingeführt, an dem der Opfer gedacht werden soll.

 

- Das Kriegsglück Chmelnyzkyjs wendete sich, als der Khan der Krim ihm weitere Unterstützung versagte. Es kam zu etlichen empfindlichen Niederlagen. Chmelnyzkyi wandte sich nun abermals an den Zaren und machte ihm das Angebot eines Treue-Eids der Kosaken, wenn dieser sich zum Krieg gegen Polen-Litauen entschlösse.

So kam es zum Vertrag von Perejaslaw >>  vom 18. Januar 1654, bei dem die Kosaken eine Allianz mit dem Zaren eingingen. Von russischer Seite wurde das Ereignis als eine Anerkennung der zaristischen Herrschaft und als Eingliederung in das russische Reich betrachtet, während die Kosaken es als als Beistandspakt unter Gleichwertigen verstanden wissen wollten.

Das Datum entspricht einem Sonnenstand von 28 Grad Steinbock, auf dem im Frühjahr 2022, im Zuge des Ukraine-Krieges, der Pluto stationär ist.

 

Zugleich war im Verlauf der Chmelnyzkyj-Kriege und zuletzt mit dem Vertrag von Perejaslaw erstmals eine Statuierung des kosakischen Gemeinwesens entstanden  - das Hetmanat, dessen Ausdehnung sich weitgehend mit der heutigen Ukraine deckt.

Die Autonomie und eigenständige politische Struktur des Hetmanats erwies sich allerdings nicht als dauerhaft. Es ging mehr und mehr im Zarenreich auf und endete formal im Jahre 1764.

 

- Hinsichtlich der Geschichte des Kosakenstaats, seines Verhältnisses zu Russland und des Schicksals der ukrainischen Bevölkerung wird der Vertrag von Perejaslaw von beiden Seiten als entscheidendes Datum gewertet. 

  

- Jedoch war es in Anbetracht der gesamten Lage der Ukraine als freier Begegnungsraum zwischen den Religionen und Völkern die 58 Jahre zuvor beschlossene Union von Brest, die den Beginn einer fatalen Entwicklung abbildet. Denn hierbei wurde erstmals der Versuch unternommen, das Niemandsland und seine Bevölkerung einem Reich bzw. einer Interessensphäre einzuverleiben. Der Grenzlandcharakter der Region wurde damit in seiner Eigenentwicklung verhindert.

 

 

Union von Brest, 18.10.1596, Brest-Litowsk, Mittagshoroskop*

Mit dem Zeichen Schütze als Herrscher des Herbstverbundes am AC und dem Jupiter im vierten Haus im Stier geht es um Weltanschaungsfragen, die das Leben und die seelische Befindlichkeit einer Gemeinschaft betreffen. Der Schütze schließt das zwölfte Haus ein und zeigt damit an, dass das Ereignis 

nicht für sich steht, sondern in einen übergeordneten Prozess eingebunden  ist.

 

Durchgeführt wird mit Skorpion, der von Haus elf nach zehn geht und dessen Planet Pluto in Konjunktion mit Uranus im dritten Haus steht, beherrscht vom Mars in Konjunktion mit der Sonne am MC, damit auf einen Zwang und auf eine Zerstörung des Lebens hindeutend.

Dies ist mit der Sonne am MC das Ergebnis des Tages. Die Venus als Herrscherin des MC in Haus neun, führt Mars-Pluto-Uranus-Sonne-Merkur mit und zeigt einen falschen Frieden an, als Versklavung in einer gezwungenen Vereinheitlichung.

 

Bemerkenswert ist, dass die Venus sonst keinerlei Aspekte aufweist, aber sämtliche in Spannung stehenden Planetenverbindungen mitführt. 

 

Aufschlussreich ist hier der Rhythmus der 49 Jahre pro Haus. Die zweite 49-Jahres-Phase wird in der Bewegung gegen den Uhrzeigersinn vom Wassermann beherrscht und steht unter der Auslösung der Uranus-Pluto-Verbindung. Die in Opposition stehende Sonne-Mars-Verbindung am MC wird kurz nach Beginn der Phase akut.

Es ist mit dem Saturn im Spiegel das Thema der Knechtschaft und der Revolution mit der Vorstellung von der Freiheit unter der 1648 der Chmelnyzkyj-Aufstand begann, der nach sechs Jahren des Krieges und der Massaker schließlich in der Unterwerfung unter das Zarenreich mündete und ein Jahrhundert später zur Liquidation eines eigenständigen kosakischen Gemeinwesens führte. 

 

 

 

Das Ende des Hetmanats und die endgültige Eingliederung in die russische Verwaltung vollzog sich in den Jahren nach 1764 während der vierten 49-Jahres-Phase bei Überlauf über die Venus in Haus neun , etwa  170 Jahre nach dem Zustandekommen der Union von Brest. Die Venus enthält als Herrscherin der Waage nicht nur die Konstellation von Pluto-Uranus-Sonne-Mars auf der vertikalen Achse, mit Saturn im Spiegel, sie transportiert über den Stier im fünften Haus auch noch die Verbindung von Jupiter-Mond und Neptun, damit eine Konkurrenzunterlegenheit im falschen Verband anzeigend - dies 

als Folge der einstigen Suche nach dem starken Partner und der Unterwerfung unter den Zaren im Zuge des Chmelnyzkyj-Aufstandes.

 

Beim gegenläufigen 49-Jahres-Rhythmus wird die Venus im neunten Haus mit etwa 406 Jahren angetroffen. Im Zuge dieser Auslösung kam es im Jahr 2002 zum Gas-Vertrag zwischen Russland und der Ukraine. Dieser entwickelte sich zum Russisch-Ukrainischen-Gasstreit, der bis heute andauert und der praktisch die zeitgenössische Thematisierung der Frage der ukrainischen Abhängigkeit darstellt.

 

Der russische Angriff auf die Ukraine vom Februar 2022 erfolgt mit Überlauf über 16-17 Grad Waage,  eine Saturn-Uranus-Charakteristik nach der Münchner Rhythmenlehre, und in Opposition zum Uranus auf 16 Grad Widder.

Hier findet sich auch Putins Sonnenstand vom 7. Oktober 1952  und gegenüber der Sonnenstand der Nato vom 4. April 1949.

 

Der russische Einmarsch stellt sich hier als Neuauflage eines Geschehens dar, das mit dem Versuch der westlichen Vereinnahmung durch Polen-Litauen in der Union von Brest begann, im Zuge des Chmelnyzkyj-Aufstandes in eine Unterwerfung unter den starken Partner  des Zarenreiches mündete und schließlich mit der Eingliederung und der Auflösung des kosakischen Gemeinwesens im Zarenreich endete.

 

 

 

Das Hetmanat gilt in der Ukraine als Vorläufer des ukrainischen Staates und Chmelnyzkyj wird als Nationalheld, gleichsam als Staatsgründer gefeiert. Vielleicht sollte die Ukraine sich nicht auf ihn berufen, sondern ihre Wurzeln im föderativen Gemeinwesen suchen. Und die Anlehnung an starke Partner vermeiden und die Schwäche aushalten.

 

 

 

* Die Zusammenkunft begann am 16.10.1596, das Ergebnis der Union wurde am 18.10.1596 verkündet.

                                                                               

 

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Zu erwähnen ist die Epoche, die der amerikanische Historiker Timothy Snyder in seinem Buch Bloodlands >>  beschreibt. Jene Zeit, in der, beginnend mit dem Holodomor, dem stalinistischen Hunger-Genozid an den Ukrainern, beginnend etwa 1930, über den Holocaust und die Ausrottungsstrategien der Nazis bis zu den stalinistischen Säuberungen in Polen gegen Ende des zweiten Weltkrieges in dieser Region über 14 Millionen Menschen systematisch ermordet wurden. 

Im 49-Jahres-Rhythmus wird zum Ende der 1920er Jahre über das Zeichen Zwillinge im sechsten Haus der Merkur in Konjunktion mit Mars und Sonne am MC und in Opposition zu Pluto-Uranus am IC ausgelöst. Im Unterschied zu den Pogromen, Kriegen und Aufständen der vorherigen Auslösungen dieser Gruppe ergibt sich hier mit dem Merkur erstmals ein mit Kalkül geplanter und methodisch industriell durchgeführter Massenmord.

 

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 (C) Herbert Antonius Weiler, März 2022