Textauszug

Der Essay ist enthalten in dem Buch 

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Der Elfte im Elften

 

 

Der 11. Tag des 11. Monats wird im Rheinland als Auftakt der Karnevalssession gefeiert.

 

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Es entspricht der dezentralisierenden Bedeutung der Zahl 11, wenn die Aktivität der Sonnenflecken in einem Rhythmus von elf Jahren auftritt. Die periodische Sonnenfleckenaktivität bedeutet eine partielle Verdunkelung der Sonnenoberfläche, eine Schwächung des Zentralgestirns. So auch die gewaltigen, ebenfalls in einem elfjährigen Rhythmus auftretenden Sonnenprotuberanzen. Fontänen aus Sonnenmasse, die in den Weltraum geschleudert werden. Sie stellen gewissermaßen die Sonne als Strahlungszentrum infrage. Der Uranus, Planet des Zeichens Wassermann, wird als Kreis mit einem Zentrum, den ein nach oben gerichteter Pfeil verlässt, dargestellt.  

Das Symbol kann, wie die Protuberanzen, als Bild für die Bewegung, die aus der Zentralstellung heraus zur Peripherie drängt, verstanden werden.

 

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Sankt Martin

 

 

 

Allein beruht die Feier des Karnevalsauftakts am Elften im Elften auf einem Irrtum. Dieser hängt mit der Einführung der Kalenderreform des Julius Cäsar zusammen, die unter anderem dazu führte, dass die Senatsversammlung an den Iden des März, während der Cäsar ermordet wurde, nicht an den tatsächlichen Iden stattfand, nämlich an den Vollmondtagen in der Mitte der Mondrunde, sondern drei Wochen vorher. An den tatsächlichen Iden hätte der Mord wegen unpassender Konstellation vermutlich nicht verübt werden können. 

 

Auf diese Weise war es gewissermaßen die Kalenderreformation des Julius Cäsar, mit der die Senats-versammlung auf einen Zeitpunkt rückte, an dem die astrologische Voraussetzung zu seiner Ermordung gegeben war.

 

Entsprechend dem babylonischen lunisolaren Kalender basierte auch die römische Kalenderrechnung zunächst auf dem Frühlingspunkt als Beginn der Monatszählung. Der März, der Mars-Monat, dem Zeichen Widder entsprechend, war der erste Monat. Er begann mit dem ersten Neumond nach dem Frühlingsäquinoktikum.  

 

Die Namen der Monate September, Oktober, November und Dezember gehen noch auf die ursprüngliche Zählung zurück, der Oktober ist der achte Monat, in dem das achte Tierkreiszeichen begann: der Skorpion, dessen Phase nach heutiger Zählung vom 23. Oktober bis zum 20 November dauert, worauf das neunte Zeichen Schütze folgt.

 

 

Der Jahresanfang war jedoch bereits vor Cäsar auf den Wintermonat Januar, der dem doppelgesichtigen Gott Janus geweiht war, verlegt worden, Cäsar setzte ihn, um eine fixe Zählung nach dem Sonnenjahr zu erhalten, einmalig auf den ersten Neumond nach der Wintersonnen-wende des Jahres 49 vor Ch. Fest, was eben in der Folge zu der Verschiebung der Iden führte.

 

Fortan blieben nicht nur die Neumonde als Monatsanfänge unbeachtet, sondern auch die numerischen Namen der Monate hatten sich um zwei verschoben. Auf diese Weise wurde der September als zuvor siebter nun zum neunten Monat, der achte Monat Oktober wurde zum zehnten und der November wurde zum elften.

 

So kommt es, dass sich die dem Uranus entsprechende Elf als numerische Monatsbezeichnung nicht mehr mit der Zeit des elften Zeichens deckt, dem Wassermann, sondern mit der Zeit des Skorpions zusammenfällt. 

 

Damit steht der Wassermann gewissermaßen an falscher Stelle, bezeugend, dass der Uranus vom Pluto okkupiert wurde und die dem Wassermann zugeordnete Unbefangenheit des Ursprungs durch die Vorstellung von der Ausgelassenheit und durch kollektive Zeichen ersetzt wurde, Massenrituale des Ausbrechens aus bürgerlicher Gewohnheit, damit den Gemeinschaftszwang noch bestätigend und zementierend.

 

Geht man davon aus, dass ursprünglich der elfte Tag des elften Tierkreismonats gemeint sein könnte, so würde das auf etwa zehn bis elf Grad Wassermann hinweisen. 

 

Der heutige elfte Tag des elften Monats fällt in der Regel auf den neunzehnten Grad Skorpion. Der Karnevalsauftakt am elften November findet damit quasi auf dem Spiegelpunkt zu elf Grad Wassermann statt.

 

Der Auftakt der Karnevalssession wurde freilich erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts vom Frühjahr auf den elften November verlagert. Dies geschah nicht ohne Grund im Zuge der preußischen Herrschaft über Rheinland und Ruhrgebiet und der damit verbundenen Etablierung des Industriestaates.

Zuvor hatte die Karnevalszeit, als das Fest vor Beginn der Fastenzeit, traditionell nur wenige Tage vor Rosenmontag begonnen. 

Die Fastnacht wurde damals allgemein inoffizieller und formloser gefeiert, auch einen großen Karnevalszug hatte es früher nicht gegeben. Dieser stellte mehr oder weniger eine Aneignung durch die preußische Obrigkeit dar, mit der man das informelle Karnevalstreiben in den Straßen bündeln und unter Kontrolle bringen wollte. Erst mit der Industriegesellschaft entwickelte sich der Karneval zur durchorganisierten Massenveranstaltung. In diesem Sinne der Venus-Pluto-Verbindung, der Rückseite von Uranus-Pluto entsprechend.

 

 

Der elfte November ist jedoch noch mit einem anderen, älteren Fest verbunden, das, wie sich zeigt, der Zeit des Skorpions eher entspricht als der Karnevalsauftakt. Es ist das Fest des heiligen Martin.

 

Martin lebte von 316 bis 397 und war ein Reiter in der römischen Armee. Er trat zum Christentum über und wirkte später als Bischof in der Gegend von Tours.

 

Der Name Martinus leitet sich vom römischen Kriegsgott Mars ab. Als Planet wird der Mars dem Frühlingszeichen Widder zugeordnet. Hier steht er für das Aufkeimen der Erscheinung, für die Teilung des Ungeteilten. Als Mars des Abends war er früher auch für das Parallelzeichen Skorpion zuständig, bevor diesem der Pluto zugeordnet wurde. Auch hier steht der Mars für eine Entscheidung.

 

Martin von Tours soll sich nach seiner Taufe geweigert haben, weiterhin am Krieg teilzunehmen. Dennoch musste er seine vierzigjährige Militärzeit ableisten. An einem kalten Wintertag, so heißt es, begegnete ihm ein armer, kaum bekleideter Mann vor den Toren der Stadt. Als Martin dessen Not sah, nahm er sein Schwert, teilte seinen großen Reitermantel in der Mitte und gab die eine Hälfte dem Mann, damit er nicht erfriere. In der Nacht erschien ihm Christus im Traum, angetan mit der anderen Hälfte des Mantels.

 

Der Laternenumzug der Kinder am elften November erinnert alljährlich an Martin, der seinen, meist rot dargestellten Mantel mit dem Schwert teilte, um dem Frierenden die andere Hälfte zu geben.

  

Es offenbart sich darin der Mars-Charakter des Datums im Sinne der Begegnung. Denn im Herbstverbund Waage, Skorpion, Schütze, dem astrologischen Dritten Quadranten, geht es um die Beziehung und das Erkennen der Anderheit. In der Erkenntnis der Bedürftigkeit des anderen Menschen wird der Mars zum Mitleid und zur Entscheidung,  die den Mantel teilt, den eigenen Besitz, um die Not zu heilen. 

 

Der mit dem Schwert geteilte Mantel gibt das Bild der Entschiedenheit, nicht im Sinne der Durchsetzung eigener Belange, sondern um der Bedürftigkeit des anderen willen.

 

Es wird deutlich, warum der Mars des Abends früher dem Zeichen Skorpion zugeordnet wurde: Der Mars des Skorpions steht für die Nächstenliebe, für das Erkennen der Bedürftigkeit des Anderen. Wird er vom Subjekt okkupiert, wandelt er sich zum Sozial-Mars und erscheint als Kollektivzwang.  Darin wird die christliche Haltung, die nicht sozial, sondern durch Nächstenliebe geprägt ist, zugunsten einer Kollektivhaltung aufgehoben.  Wolfgang Döbereiner: Ist die Haltung des Papst Franziskus katholisch?  >>

 

 

Darin liegt die Infragestellung des Bestandes bzw. der Hinweis auf einen falschen Bestand. Nicht ohne Grund vollzieht sich das deutsche Wirtschaftswunder der 1960er Jahre unter der Konjunktion von Pluto und Uranus.

Der Erwerb von Besitz sollte ursprünglich an der Bedürftigkeit orientiert sein. Ein Besitz um des Besitzes willen, der nicht die Bedürftigkeit als Maß hat und die Bedürftigkeit des anderen nicht kennt, ist bereits ein falscher Bestand, dem die Infragestellung innewohnt, Venus-Pluto entsprechend, der Rückseite der Uranus-Pluto-Verbindung. Hierin liegt der eigentliche Grund, warum sich mit der Etablierung der Industriegesellschaft der Auftakt des Karnevals in den Skorpion und auf den Tag des heiligen Martin verlagerte.

 

Es ist die kollektive Bestätigung einer rheinischen Mentalität, die jedoch im Zuge der preußischen Okkupation und der mit ihr verbundenen Industrialisierung des Rheinlands ursprunglos und formalisiert wurde. So konnte der traditionell informelle Straßenkarneval in Form eines pompösen Rosenmontagszugs quasi übernommen und kontrolliert werden. 

Und die vom Zeichen Skorpion und vom Fest des heiligen Martin ausgehende Infragestellung eines manisch subjektivistischen Besitzstrebens, um der Erkenntnis des Gegenübers im anderen Menschen willen, wurde im Zeichen der Industrialisierung und einer Ideologie der Heiligung eines Besitzes-an-sich verdrängt.

                                             

 

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(C) Herbert Antonius Weiler, 2020