Wenn ein Ding von dem her benannt wird, was ihm und vielen gemeinsam ist, dann sagt man,

dass ein solcher Name ein Universale bezeichnet,

denn der Name bezeichnet so eine vielen Dingen gemeinsame Natur oder Anlage

Thomas von Aquin In Periherm. I, 10, 4.

 

 

Jedes Universale ist ein Einzelding und daher nur als Bezeichnung ein Universale.

Wilhelm von Ockham.Summa Logicae. I, 14

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

W i e   d i e   U n i v e r s a l i e n   z u r   M a s s e n f e r t i g u n g   w u r d e n

 

 

 

Universalien stellen die  Grundlage der Begriffsbildung dar. Sie beziehen sich auf die universalen Strukturen der Einzeldinge, anhand derer diese erkennbar und benennbar sind, ihr Wesentliches.  Der Begriff der Rose als Universalie stellt das Wesentliche aller Rosen dar, in der  einzelnen Rose anwesend - die Rose als Idee oder Urbild.  

 

Das Wesen oder die Idee der Dinge wurde in der griechischen Philosophie als ein Urgrund begriffen,  in den Dingen oder hinter den Dingen anwesend.

So sprach Platon vom einzelnen Tisch, der mit allen anderen Tischen eine Tischheit gemeinsam habe,  die Idee des Tisches, sein  Urbild, von der der einzelne Tisch  geprägt sei

Einige teilten diese Ansicht nicht.

Diogenes spottete, er kenne zwar Tische, aber eine Tischheit könne er nicht erkennen.

Platon entgegnete, um Tische wahrzunehmen habe er Augen, um eine Tischheit zu erkennen, bedürfe es aber noch des Verstandes. Ein Streit, der beständig blieb.

Die Auseinandersetzung um die Wirklichkeit der Universalien hatte ihren Höhepunkt im Universalienstreit der Scholastik

Jene, die die Idee als etwas Reales  verstanden, nannte man Realisten. 

Die Gegenposition bildeten die Nominalisten, hauptsächlich von England ausgehend.

 

Deren Vertreter waren der Ansicht, Ideen und Begriffe, also die Universalien, hätten von sich aus keine Realität, da sie nur menschliche Interpretationen seien, und daher nur  Namen, Nomina, die sich aus dem Verhältnis  des Menschen zu den Dingen ergäben, die aber den Dingen von alleine nicht zukäme und die somit keine Realität hätten.

So sei etwa der Begriff der Menschheit keine Realie, da der einzelne Mensch nicht von ihr zeuge und der Begriff, insofern er nur die Menge aller Menschen enthalte, mithin keine Realität habe.

 

Ebenso verhalte es sich mit dem Begriff des Guten, dem die Nominalisten, in Widerspruch zu Thomas von Aquin, ebenfalls keine eigene Realität zusprachen, welche aus sich heraus begründbar sei. Aquin betrachtete das Gute als eine Qualität, die dem Seienden zukomme, ebenso wie es wahr ist. Anders die Nominalisten. Das Gute, so die nominalistische Reduktion des Begriffes, sei dasjenige, von dem Gott in den Heiligen Schriften sagt, dass es gut sei.

Das hatte zur Folge, dass mit der Hinterfragung und Auflösung der Autorität der Schriften, sich dann die nominalistische Definition des Guten aus dem gesellschaftlichen Nutzen zu begründen suchte. So im Zuge der französischen Revolution, als man die sogenannten Neuen Tugenden definierte, deren Kriterium die von der Vernunft erkannte Nützlichkeit sein sollte.

 

Auf ähnliche Weise wurde auch die Zeit als menschliche Interpretation, als bloßes Nomen erachtet, da der Stein, der auf einer Wiese läge, nichts von der Zeit wisse.

 

Es war der Nominalismus, von dem das Wissenschaftsdenken ausging.

Ein  anderer Wahrheitsbegriff als bisher etablierte sich.

Zuvor bezog sich das Erkennbare auf die Erfassung des Wesentlichen des einzelnen Gegenstandes. Das,  was ein Stuhl mit allen anderen Stühlen gemeinsam hat, das Wesen des Stuhles.

Das Erkennen des Wesens gleicht dem Erkennen der Beweiskraft eines logischen Schlusses.  Oder der, des Witzes in einem Witz.

Es ist die Gewissheit,  ein Wiedererkennen des Sinns oder des Prinzips. Ein Stuhl hat einen Ausdruck.

Die Anwendung auf einzelne Fälle betraf nur die Darstellung und war erkenntnistheoretisch sekundär.

 

Die Behauptung: "Auf einem Stuhl kann man sitzen", galt deswegen als wahr, weil das Prinzip des Stuhles, sein Wesenhaftes, als Gestalt im einzelnen Stuhl begriffen werden konnte. Das Sitzen gehörte zur Gestalt des Stuhles.

Dass er zu Sitzen anbietet, ist sein unmittelbarer Ausdruck. 

Das änderte sich, als das Wesen des Stuhles als Wirklichkeit  verneint und nurmehr nominal der menschlichen Begriffsbildung zugeordnet wurde.

Der Witz eines Stuhles wurde nicht mehr verstanden...

 

 

 


 

 

Dies ist Textauszug.

Der gesamte Essay findet sich in dem, im Februar 2017 erscheinenden Buch: 

Warum Moses das versprochene Land nicht betreten durfte / Essays und Betrachtungen