Wie die Astrologie

von Babylon nach Persien kam

 

 

 

Die astrologische Systematik des Tierkreises mit seiner Einteilung der Sonnenbahn in zwölf Tierkreiszeichen und einer präzisen Berechnung der planetaren Zyklen ist in Mesopotamien entstanden. Auch der Zyklus und die Reihenfolge der Wochentage mit ihrem,  vor allem in den romanischen Sprachen, vernehmbaren Bezug zu den  sieben Planeten  Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn haben dort ihren Ursprung. Noch bis ins 18. Jahrhundert wurden die Planetensymbole in den Kirchenbüchern als Kürzel für die Wochentage verwendet.

Die babylonische oder chaldäische Astrologie wurde später von den Persern und von den Griechen übernommen und weiterentwickelt.  Mit den Alexanderzügen gelangte sie bis nach Indien. Die Bezeichnung Chaldäer stand in der Antike für die babylonischen Astrologen.

 

Das Buch Daniel schildert den historischen Hintergrund des Transfers des babylonischen Wissens in den Iran.

Die Babylonier hatten unter König Nebukadnezar im Jahre 597 vor Chr.  das Reich Juda erobert. Einen Teil der judäischen Bevölkerung, vor allem Angehörige der Oberschicht,  hatten sie in die Babylonische Gefangenschaft  deportiert. Die Söhne der Deportierten, darunter auch Daniel, wurden an den Hof des Königs beordert: 

 

Dann befahl der König seinem Oberkämmerer Aschpenas, einige junge Israeliten an den Hof zu bringen, Söhne von königlicher Abkunft oder wenigstens aus vornehmer Familie; sie sollten frei von jedem Fehler sein, schön an Gestalt, in aller Weisheit unterrichtet und reich an Kenntnissen; sie sollten einsichtig und verständig sein und geeignet, im Palast des Königs Dienst zu tun; Aschpenas sollte sie auch in Schrift und Sprache der Chaldäer unterrichten. (Daniel, 1,3)

 

Auf diese Weise gelangten Daniel und einige seiner Freunde an den Hof des Nebukadnezar. Dort unterwies man sie in den babylonischen Künsten.

Es wird dann weiter geschildert, wie der König Daniel und seine Freunde vom König als überlegen befand, all den Zeichendeutern und Sternsehern in seinem Reich,  (Daniel 1,20 Übers. Zunz), wie es im hebräischen Urtext heißt.

 

Etliche Jahrzehnte nach der Eroberung des judäischen Reiches durch Nebukadnezar wurde, im Jahre 539 vor Chr., auch Babylon durch den persischen Herrscher  Kyros erobert.  Kyros setzte Darius den Meder  als Statthalter des persischen Reiches in Babylon ein.  

Darius, so heißt es, achtete Daniels Weisheit und Kenntnis. Er räumte ihm entsprechend viel Einfluß ein und gab ihm schließlich die Stellung des höchsten Verwalters.  

Das Grab Daniels befindet sich in der Stadt Susa, in der persischen Region Medien. Deren Residenzstadt war das antike Ekbatana, das sich später zum  Zentrum der persischen Sterndeutung entwickelte.

 

In den deutschen Übersetzungen findet sich meist die Rede, Daniel sei in Schrift und Sprache der Chaldäer, der Kasdim, wie sie im Hebräischen genannt werden, unterrichtet  worden. 

Sefer w'laschon  lauten die beiden, als Schrift und Sprache übertragenen Begriffe im Urtext

Das Wort sefer  bedeutet  jedoch Schrift  im Sinne von Geschriebenes  oder Buch,  gleichbedeutend mit Schrifttum. 

Der Satz besagt nicht, Daniel sei nur im Schreiben der babylonischen Schrift unterwiesen worden, zumal sich die Zeichen der in Babylon gebräuchlichen aramäischen Schrift von denen des Althebräischen kaum unterschieden, sondern unterwiesen wurde er im Schrifttum der Chaldäer, was auf jenes spezifische Wissen der Chaldäer hindeutet, welches mit ihrem Namen verbunden wurde und das sich in ihren Büchern studieren ließ - die babylonische Astrologie.  

 

Auch später heißt es, gab ihnen Gott Erkenntnis in jedem Buch und in Weisheit (Daniel 1,17).

Und auch hier wird in den geläufigen, auf Luther zurückgehenden, deutschen Übersetzungen das hebräische Sefer  irrigerweise mit Schrift  übertragen.

 

Ebenfalls findet sich zu der Bemerkung,  Nebukadnezar habe Daniel und seine Kameraden klüger und verständiger gefunden als die Zeichendeuter und Sternseher  in seinem Reich (Daniel1,20)., in den Übersetzungen kaum das Wort Sternseher, mit dem Leopold Zunz in der deutsch-hebräischen Standardausgabe des Tanach das hebräische  Aschferim  überträgt, welches sich auf die Sternbeobachtung bezieht.

In den geläufigen deutschen Bibelübersetzungen wird das Wort meist mit Zauberer oder mit Wahrsager (Einheitsübersetzung)  übersetzt, eine Variante, die den astrologischen Kontext der Chaldäer  nicht erfasst,  dem der Begriff der Sternseher  gerecht zu werden versucht.  Astrologen werden sie auch von Raschi genannt

 

Fast sieht es so aus, als habe man die Astrologie, für die die Chaldäer bekannt waren, und die in der jüdischen Standard-Übersetzung  von Zunz auch eigens genannt wird, aus den Übersetzungen tilgen wollen.

Als habe man ausblenden wollen, dass der Prophet Daniel astrologiekundig war, und er dazu beigetragen haben dürfte, die babylonische Sterndeutung den Persern zu vermitteln.

 

Und dass er möglicherweise die kulturelle Grundlage schuf, aus der heraus die Heiligen Drei Könige, die Sterndeuter aus dem Osten,  zu der Erkenntnis gelangt waren, die sie aufbrechen ließ nach Bethlehem. 

 

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