Sinn und Machen

 

 

(Textauszug)

  

Eine Bank wirbt mit dem Spruch: Wissen was Sinn macht.

 

Seit einigen Jahren ist es im deutschen Sprachgebrauch möglich, zu sagen, etwas mache  Sinn.

In seiner Bedeutung ist das vergleichbar der Aussage, etwas mache Wahrheit.

Nicht ohne Grund ist die Floskel in der Banken- und Werbebranche häufiger anzutreffen, da man hier, sachbedingt, eher dazu neigt, Wahrheit oder Sinn als machbar anzusehen.

Wie kommt es zu diesem Bedeutungswandel?

 

Die Aussage, etwas mache Sinn stellt sich als eine Übertragung der englischen Wendung making sense dar. Das englische sense wird hier wegen der etymologischen Ähnlichkeit mit Sinn übersetzt.

 

Das Wort hat jedoch im Englischen eine andere Bedeutung, es bezieht sich auf den Sinneseindruck, abgeleitet von sensation, und meint, in diesem Sinne übertragen, dass etwas vernünftig klingt, einleuchtend erscheint, sich sinnvoll anhört.

Wörtlich übersetzbar ist hier etwa sense of humor, als Sinn für Humor, weil es sich auf die Eigenschaft des Subjekts bezieht, Humor zu erkennen, zu schätzen oder zu entwickeln.

 

Freilich kann  in the sense of the theme  auch bedeuten im Sinne des Themas.

Allein hier ergibt sich eine Nähe zur deutschen Sprache,  welche  einen vom Subjekt unabhängigen Sinn kennt, von Subjekt und Objekt gleichermaßen ausgehend. Dieser ist nicht durch die Wahrnehmung des Subjekts bestimmt,  sondern er ergibt sich in der Erkenntnis, gleichermaßen die Erkenntnis ergebend.

 

Dieser Sinn,  der Sinn schlechthin, wird mitunter als  Synonym für den griechischen Begriff des Logos  verwendet. Etwa wenn wir sagen, etwas erscheine uns logisch, und damit meinen, dass es sinnvoll oder sinnfällig  sei.

Vergleichbar auch das chinesische Tao, zu dessen Übertragung Richard Wilhelm das Wort Sinn  in seiner Übersetzung des Buch vom Sinn und Leben  heranzieht, des Tao Te King.

 

Für die singuläre Bedeutung die im Deutschen das Wort Sinn  enthält, existiert im Englischen kein entsprechender Begriff.

Die Gründe dafür liegen in einem unterschiedlichen Verlauf der englischen und deutschen Geistesgeschichte, ausgehend von der Scholastik, als sich in England der Nominalismus zur vorherrschenden Philosophie entwickelte, der eine reale Sinnhaftigkeit der Begriffe in Bezug zur Wirklichkeit des Genannten bestritt und Begriffe als allein vom Menschen ausgehende Nomina wertete.

 

George Orwell polemisierte dazu  1941 in seiner Schrift England Your England  mit der Bemerkung: Die Engländer haben einen Horror vor abstrakten Gedanken, sie empfinden keine Notwendigkeit für irgendeine philosophische oder systematische 'Welt-Sicht'.

 

In ihren, teils angloamerikanischen  Ausläufern führte diese philosophische Prägung zu Erkenntnistheorien,  nach denen, jede Art von geistiger Struktur, bzw. Logik, letzthin auch die mathematische Logik, als sprachliche Übereinkunft aufgefasst wird, und allein die Konsensfähigkeit, die wiederum nur pragmatisch sein könne, den Wahrheitsgehalt definiere.  

So ist nachvollziehbar, dass es im us-amerikanischen Bundestaat Indiana einst zu einer Vorlage für eine Kongressabstimmung über den Wert der Kreiszahl Pi  kommen konnte, der  Indiana Pi Bill  von 1897, in der die Zahl Pi  per Gesetzesbeschluss fürderhin als gleich 4  gelten sollte.

 

Eine Sicht,  nach der eine mathematische oder philosophische Aussage einen  Sinn enthält, der aufgehen und nachvollziehbar sein kann, also strukturell ableitbar und  beweisbar, ist darin nicht enthalten.

 

Die Bedeutung von Sinn, als etwas Wirkliches,  zu Erschließendes, sich in der Erkenntnis Erweisendes oder Ergebendes konnte im angelsächsischen Sprachgebrauch nicht mehr aufkommen.

 

Das Wortfeld, welches diese Bedeutung hergegeben hätte, reduzierte sich auf die Aussagemöglichkeit des Eindrucks der Sinne. Zwar kommt dem deutschen Sinn das englische meaning  nahe, jedoch bezieht es sich mehr auf Bedeutung, in Anlehnung an mean, für Meinung , auch Mitte, eigentlich Mittlung, so auch in the meantime für mittlerweile. 

 

Während sich in der englischen Sprache der Nominalismus auswirkte, waren es im Deutschen die deutschen Mystiker, die eine Orientierung der Sprachentwicklung bewirkten, welche in der Lage war, ein Spektrum von Worten für seelische und geistige Abstrakta zu bilden, Begriffe wie Gemüt, Gegenwart, Wesentlichkeit, Wirklichkeit  oder Empfinden.

 

Die Einführung der falsch übertragenen Wendung vom Sinn machen  findet seine Erklärung jedoch nicht allein in der Neigung zu Anglizismen, sondern vor allem in der Etablierung einer utiliaristischen Grundauffassung der Machbarkeit von Inhalten.

Inhalten, die freilich aus der Bedeutung der Sprache heraus keiner Machbarkeit unterworfen sein können.

 

Jemand könnte einwenden, das Wort machen sei beliebig und daher in Bezug auf Sinn  ebenso gerechtfertigt, wie im Falle von Kuchen machen.  Darin wäre aber die im Deutschen wertende Bedeutung von machen und gemacht  ignoriert, der im Englischen das Wort fake, abgeleitet aus dem lateinischen facere - machen,  entspricht.

 

Der Einwand, das Verb machen  sei auf jedweden Begriff anzuwenden, der mit menschlicher Mit- oder Einwirkung verknüpft ist, nimmt diese Bedeutung nicht zu Kenntnis, nach der bei einer ganzen Reihe von Begriffen nicht von machen gesprochen werden kann.

 

So ist es nicht möglich zu sagen, man mache eine Freundschaft. Warum das sprachlich nicht geht, liegt in der Sache begründet, nach der dazu zwei gehören und nach der das Objekt der Beziehung, nämlich der Andere, nicht dem Kalkül und der Machbarkeit oder Absicht des Einen unterliegt.

 

Selbst wenn sich zwei darin übereinkommen, Freunde zu sein, können auch diese nicht sagen, sie machten nun eine Freundschaft, weil auch das Dritte, nämlich das Verhältnis der Beiden, im Sinne einer tatsächlichen Freundschaft nicht der Machbarkeit unterliegt, sondern nur etwas Gewachsenes sein kann.

Von einer Freundschaft kann man sagen, dass sie wächst, dass man sie findet, man sie eingeht oder zuläßt oder sich eine solche ergibt.

Von machen kann im Zusammenhang mit Freundschaft nur dann die Rede sein, wenn sie vorgegeben wird, aber nicht besteht. Dann kann es heißen: sie machen (auf) Freundschaft, eine eindeutige Wertung im Sinne des Unechten, Gemachten. Ein fake,  also Mache. Daher auch die Unterscheidung von Machwerk und Kunstwerk....

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(c) herbert weiler 2004 / 2014