... macht es Sinn ...?

Phoenix-Moderatorin zu den Möglichkeiten, die Organspendebereitschaft zu erhöhen, 5.9.2018

Wissen was Sinn macht

Was bedeutet unser Motto „Wissen was Sinn macht“?

Sinnvolle Finanzprodukte gibt es bei uns viele: … Besonders viel Sinn macht für uns außerdem die gezielte Unterstützung von Sozialprojekten und Sportvereinen aus der Region.

aus dem Präsentationstext einer Bank

 

 


 

 

Sinn und Machen

 

Eine Bank wirbt mit dem Spruch: Wissen was Sinn macht.

Seit einigen Jahren ist es im deutschen Sprachgebrauch möglich zu sagen, etwas mache Sinn.

In seiner Bedeutung ist das vergleichbar der Aussage, etwas mache Wahrheit.

Nicht umsonst ist die Floskel daher in der Banken- und Werbebranche häufiger anzutreffen, da man hier, sachbedingt, eher dazu neigt, Wahrheit - oder Sinn - als machbar anzusehen.

Wie kommt es zu diesem Bedeutungswandel?

 

Die Aussage, etwas mache Sinn, stellt sich als eine Übertragung der englischen Wendung making sense dar.

Das englische sense wird hier wegen der etymologischen Ähnlichkeit mit Sinn übersetzt.

 

Das Wort hat jedoch im Englischen eine andere Bedeutung, es bezieht sich auf den Sinneseindruck, abgeleitet von sensation, und meint, in diesem Sinne übertragen, dass etwas vernünftig klingt, einleuchtend erscheint, sich sinnvoll anhört.

 

Wörtlich übersetzbar ist hier etwa sense of humor, als Sinn für Humor, weil es sich auf die Eigenschaft bezieht, Humor zu erkennen, zu schätzen oder zu entwickeln.

Freilich kann in the sense of the theme auch bedeuten im Sinne des Themas.

Allein hier ergibt sich eine Nähe zur deutschen Sprache, welche einen vom Subjekt unabhängigen Sinn kennt, der gleichermaßen von Subjekt und Objekt ausgeht. Dieser ist nicht durch die Wahrnehmung des Subjekts bestimmt, sondern er ergibt sich in der Erkenntnis, zugleich die Erkenntnis ergebend.

 

Dieser Sinn, der Sinn schlechthin, wird mitunter als Synonym für den griechischen Logos verwendet. Etwa wenn wir sagen, etwas erscheine uns logisch, so meinen wir, dass es sinnvoll oder sinnfällig sei.

 

Vergleichbar auch das chinesische Tao, zu dessen Übertragung Richard Wilhelm das Wort Sinn  in seiner Übersetzung des Buchs vom Sinn und Leben - heranzieht, des Tao Te King.

 

Für die singuläre Bedeutung die im Deutschen das Wort Sinn enthält, existiert im Englischen kein entsprechender Begriff.

Die Gründe dafür liegen in einem unterschiedlichen Verlauf der englischen und deutschen Geistesgeschichte, ausgehend von der Scholastik, als sich in England der Nominalismus zur vorherrschenden Philosophie entwickelte, der eine reale Sinnhaftigkeit der Begriffe in Bezug zur Wirklichkeit des Genannten bestritt und der die Begriffe als allein vom Menschen ausgehende Nomina wertete.

 

George Orwell polemisierte dazu 1941 in seiner Schrift England Your England mit der Bemerkung: Die Engländer haben einen Horror vor abstrakten Gedanken, sie empfinden keine Notwendigkeit für irgendeine philosophische oder systematische 'Welt-Sicht'.

 

In ihren angloamerikanischen Ausläufern führte diese philosophische Prägung zu Erkenntnistheorien, nach denen jede Art von geistiger Struktur bzw. Logik, letztlich auch die mathematische Logik, eine sprachliche Übereinkunft sei und allein deren Konsensfähigkeit, die wiederum nur pragmatisch sein könne, den Wahrheitsgehalt definiere. 

 

So ist nachvollziehbar, dass es im US-amerikanischen Bundesstaat Indiana einst zu einer Vorlage für eine Kongressabstimmung über den Wert der Kreiszahl Pi kommen konnte, der Indiana Pi Bill von 1897, in der die Zahl Pi per Gesetzesbeschluss künftig als gleich 4 gelten sollte.

 

Eine Sicht, nach der eine mathematische oder philosophische Aussage einen Sinn enthält, der aufgehen und nachvollziehbar sein kann, also strukturell ableitbar und beweisbar, ist darin nicht enthalten.

 

Die Bedeutung von Sinn als etwas Wirkliches, zu Erschließendes, sich in der Erkenntnis Erweisendes oder Ergebendes konnte im angelsächsischen Sprachgebrauch nicht mehr aufkommen.

 

Das Wortfeld, welches diese Bedeutung hergegeben hätte, reduzierte sich auf die Aussagemöglichkeit des Eindrucks der Sinne. Zwar kommt dem deutschen Sinn das englische meaning nahe, jedoch bezieht es sich mehr auf die Bedeutung, in Anlehnung an mean, für Meinung, auch Mitte, eigentlich Mittlung, so auch in the meantime für mittlerweile.

 

Während sich in der englischen Sprache der Nominalismus auswirkte, waren es im Deutschen die deutschen Mystiker, die eine Orientierung der Sprachentwicklung bewirkten, welche in der Lage war, ein Spektrum von Worten für seelische und geistige Inhalte zu bilden, so etwa Begriffe wie Selbst, Gemüt, Gegenwart, Wesentlichkeit, Wirklichkeit oder Empfinden.

 

Die Einführung der falsch übertragenen Wendung vom Sinn machen findet seine Erklärung jedoch nicht allein in der Neigung zu Anglizismen, sondern vor allem in der Etablierung einer utilitaristischen Grundauffassung der Machbarkeit von Inhalten, die indes aus der Bedeutung der Sprache heraus keiner Machbarkeit unterworfen sein können.

 

Jemand könnte einwenden, das Wort machen sei beliebig und daher in Bezug auf Sinn ebenso gerechtfertigt wie im Falle von Kuchen machen. Darin wäre aber die im Deutschen wertende Bedeutung von machen und gemacht  ignoriert, der im Englischen etwa das Wort fake, abgeleitet aus dem lateinischen facere – machen,  entspricht.

 

Der Einwand, das Verb machen sei auf jedweden Begriff anzuwenden, der mit menschlicher Mit- oder Einwirkung verknüpft ist, nimmt diese Bedeutung nicht zu Kenntnis. Nach der bei einer ganzen Reihe von Begriffen nicht von machen gesprochen werden kann.

 

So ist es nicht möglich zu sagen, man mache eine Freundschaft. Warum das sprachlich nicht geht, liegt in der Sache begründet, nach der dazu zwei gehören und nach der das Objekt der Beziehung, nämlich der Andere, nicht dem Kalkül und der Machbarkeit oder Absicht des Einen unterliegt.

 

Selbst wenn zwei darin übereinkommen, Freunde zu sein, können auch diese nicht sagen, sie machten nun eine Freundschaft, weil auch das Dritte, nämlich das Verhältnis der Beiden, im Sinne einer tatsächlichen Freundschaft nicht der Machbarkeit unterliegt, sondern nur etwas Gewachsenes sein kann.

 

Von einer Freundschaft kann man sagen, dass sie wächst, man sie findet, man sie eingeht oder zulässt oder sich eine solche ergibt.

Von machen kann im Zusammenhang mit Freundschaft nur dann die Rede sein, wenn sie vorgegeben wird, aber nicht besteht. Dann kann es heißen: Sie machen (auf) Freundschaft, eine eindeutige Wertung im Sinne des Unechten, Gemachten. Ein fake, alsoMache

Daher auch die Unterscheidung von Machwerk und Kunstwerk.

 

Die Wendung vom Sinn machen hat sich im deutschen Sprachgebrauch zu einer Zeit verbreitet, als auch die new economy und die Fortschritte und Utopien der Gentechnik aufkamen. 

Die Vorstellung von einer Machbarkeit des Geldes und einer Machbarkeit des Lebens geht offenbar einher mit der sprachlichen Machbarkeit von Sinn.

 

Sprache ist Ausdruck der Beziehung zwischen uns und dem Angesprochenen.

Das Wort steht sowohl zu uns als auch zum Genannten in einer verbindlichen Beziehung. Es ist die Beziehung.

Aus diesem Grunde entwickelt sich Sprache so, wie sich die Beziehung zum Genannten entwickelt.

Mit der Wendung, etwas mache Sinn, erwächst der Sprache nicht etwa eine neue Variante der möglichen Verben im Zusammenhang mit dem Wort Sinn, sondern es geht ihr etwas verloren, nämlich das Wort Sinn in seiner singulären Bedeutung, die ihm im Deutschen zukommt.

                                                                                                 

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(C) Herbert Weiler, 2008/2014