Sindbads fünfte Reise

Über eine Variante der Christophorus-Geschichte

 

 

 

 

Die Legenda Aurea erzählt vom Heiligen Christophorus. Er war ein Riese aus dem Land Kanaan, zwölf Ellen groß. Zunächst habe er Reprobus geheißen. Sein Anliegen war es, dem würdigsten Herrn zu dienen, der zu finden sei. Nach Anstellungen, die sich als Irrtum erwiesen, gelangt er schließlich ratsuchend zu einem Einsiedler. Dieser empfiehlt ihm, eine Hütte an einem reißenden Fluss zu errichten, bei dessen Überquerung schon viele Menschen verunglückt seien. Dort möge er künftig als Fährmann wirken. Auf seinen Schultern soll er, der aufgrund seiner Größe das Wasser ungefährdet durchschreiten kann, dem Strömung und Hochwasser nichts anhaben können, die Menschen sicher ans andere Ufer tragen. Der König, dem er dienen wolle, würde sich ihm auf diese Weise schon offenbaren.

Christophorus folgt dem Rat des Einsiedlers und lebt von nun an als Fährmann am Flussufer. Auf seinen Schultern, mit einer großen Stange sich gegen die Strömung stützend, trägt er die Reisenden durch das Wasser.

Eines Tages hört er, in seiner Hütte weilend, draußen die Stimme eines Kindes rufen. Zweimal trifft er vor der Hütte niemanden an, beim dritten Mal findet er das Kind am Ufer stehend. Eindringlich bittet es, er möge es hinübertragen. Christophorus nimmt seinen Stab, lädt das Kind auf seine Schultern und steigt in den Fluss. Aber wie er weiter vordringt wächst das Wasser höher und höher und zugleich wurde das Kind so "schwer wie Blei", wie es in der Legenda Aurea heißt. Immer höher steigt das Wasser und immer schwerer wird ihm das Kind auf seinen Schultern. So, dass er in große Angst gerät und zu ertrinken fürchtet.

Endlich gelangt er mit großer Mühe an das andere Ufer. Er setzt das Kind nieder und spricht zu ihm. In große Gefahr habe es ihn gebracht: "Kind, du bist auf meinen Schultern so schwer gewesen: hätte ich die ganze Welt auf mir gehabt, es wäre nicht schwerer gewesen"

Er möge sich nicht verwundern, antwortete das Kind, denn er habe nicht nur die ganze Welt auf seinen Schultern getragen, sondern auch den, der die Welt erschaffen hat. "Denn wisse, ich bin Christus, dein König, dem du mit dieser Arbeit dienst."

Sein Name lautet von nun an Christophorus - Christusträger.

 

Wolfgang Döbereiner hat die Geschichte des Christophorus astrologisch als Bild der Saturn-Uranus-Verbindung gedeutet. Die Weigerung des Christopherus, Döbereiner, Sem. Bd 4.

Der Weg der Gestalt vom Ungeteilten im Zeichen Fische, über den Ursprung im Wassermann - Uranus, zur Bestimmung im Zeichen Steinbock - Saturn.

Das Kind, das Neue, der Uranus, muss vom Saturn zur Bestimmung und damit in die Zeit gebracht werden

Die Vereinzelung und Loslösung vom Vorgegebenem, die auf dem Weg immer schwerer wiegt.

Weil jeder Anfang der Anfang der Welt ist.

 

Das Bild des Fährmannes erscheint schon in den ältesten Mythen. Die Geschichte von Christophorus, der ein Kind auf seinen Schultern durch den Fluss trägt, hat es indes vorher nicht gegeben.

Die Deutung im Sinne der Uranus-Saturn-Verbindung erweist sich auch in der Biographie des Filmregisseurs David Lynch. Lynch wurde auf dem Übergang der Zeichen Steinbock und Wassermann geboren, in der Nacht zum 20. Januar 1945 morgens um 3:08 Uhr. Sein Sonnenstand befindet sich noch im Steinbock, während im Tageshoroskop die Sonne auf der Mittagshöhe bereits im Wassermann angekommen ist. Da das Mittagshoroskop die Bestimmung des jeweiligen Tages aufzeigt und so alle an jenem Tag Geborenen in übergeordneter Weise betrifft, steht Lynch mit seiner Steinbock-Sonne als Person damit in einem Spannungsverhältnis zur Wassermann-Qualität des Tages. Ein Spannungsverhältnis, das der Saturn-Uranus-Verbindung entspricht, darauf hinweisend, dass ein Konflikt mit dem vorgegebenen Milieu besteht.

 

 

 

 

Im Mittags-Horoskop Lynchs befindet sich das MC mit der Sonne auf 0,2 Grad Wassermann.

Als er mit dreissig Jahren im Zehner-Rhythmus diesen Punkt erreichte, gelangte er zum Durchbruch mit dem Film Eraserhead.  Die Geschichte erzählt in surrealistischen und albtraumhaft bedrückenden Bildern von dem Geschick eines Mannes, der genötigt wird, sich um ein missgebildetes Baby zu kümmern. Eine Last, die ihm immer schwerer wird. Lynchs Fährmann scheitert. 

Das Kind im Film wird schließlich vom Protagonisten getötet. Daraufhin löst auch dessen Existenz sich auf. Zeichengrenze und Mittagshöhe >>

 

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Der Saturn als Planet des Steinbocks war vor der Entdeckung des Uranus ebenfalls dem Wassermann zugeordnet. Zum Steinbock gehörte der Saturn des Abends, zum Wassermann der Saturn des Morgens, Auf der Grenze treffen oder trennen sich, je nach Blickwinkel, der junge und der alte Saturn. Es ist das Bild des doppelköpfigen Janus, dem römischen Gott des Anfangs und der Türen, bei dem ein heiteres jüngeres und ein strenges älteres Gesicht in gegensätzliche Richtungen schauen. Ihm war der Anfang des Jahres und der Monat Januar zugeordnet.

"Zweiköpfiger Janus, Quelle des still gleitenden Jahres" nennt ihn Ovid "Der einzige Gott, der hinter sich sehen kann;"  Als Festtag des Janus gibt er den 9. Januar an.

Ovid, der im Jahre 43 vor Chr. geboren wurde, bezieht sich in seinen Gesängen zu den Festtagen, den Fasti,  bereits auf den julianischen Kalender, der zwei Jahre vor seiner Geburt von Julius Cäsar eingeführt wurde.

Cäsar hatte den Beginn des neuen Kalenders und damit den 1. Januar des Jahres 45 vor Chr.  einmalig auf den ersten Neumond nach der vorausgegangenen Wintersonnenwende, bzw. dem Eintritt der Sonne in das Zeichen Steinbock gelegt, Dieser fand, nach heutiger Rechnung, am 23. 12. des Vorjahres statt. Der folgende Neumond war drei Wochen später am 12. Januar um 22:08 Uhr bei einem Sonnenstand 20,6° Steinbock.

Der Folgetag war somit, je nach Sichtbarkeit des Neulichts, der 1. Januar des Julianischen Kalenders.

Das erste Janusfest der neuen Zeitrechnung, neun Tage später, fiel damit auf 0° oder 1° Grad Wassermann.

Es ist mithin davon auszugehen, dass sich Ovids Angabe des 9. Januars als Fest des Janus auf den Übergang der Zeichen Steinbock und Wassermann bezieht.

 

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In einer anderen Erzählung, die aus dem islamischen Kulturkreis stammt, tauchen zwar Elemente der Christophorus-Legende auf, hier jedoch in einer Umkehrung: Ein älterer Mann will von einem jüngeren über einen Fluss getragen werden und lässt diesen anschließend nicht mehr frei.

 

Es ist die Geschichte von Sindbads fünfter Reise. Sindbad, ein Kaufmann aus Bagdad, erlebt auf seinen insgesamt sieben Seereisen immer wieder Schiffbruch und wird auf unbekannte Inseln verschlagen, wo er etliche wundersame Abenteuer erlebt. 

Auf seiner fünften Reise findet sich Sindbad, wiederum nach einem Schiffbruch gestrandet, auf einer Insel wieder. Bei seiner Erkundung trifft er am Ufer eines Baches, eigentlich eher ein Rinnsal, auf einen dort hockenden alten Mann. Der Greis bittet mit Zeichen, Sindbad möge ihn auf seine Schultern nehmen und über den Bach tragen. Sindbad willigt ein, doch nachdem er mit dem Alten auf seinem Nacken die andere Seite erreicht hat und ihn nun absteigen heißt, presst dieser seine Beine derart fest um Sindbads Hals, dass er in arge Not gerät und fast erwürgt zu Boden sinkt. Die Umklammerung ist so unerbittlich und der Schmerz so arg, dass Sindbad fortan alles tut, was der Alte von ihm will. Dieser peinigt ihn und zwingt ihn zum unablässigen Gehorsam. Sobald Sindbad ein Aufbegehren oder auch nur Nachlässigkeit zeigt, tritt ihn der Alte und presst seine Beine mit eiserner Klammer noch fester und schmerzhafter um Sindbads Hals. In seinem nun andauernden Sklavendasein findet Sindbad schließlich einen Kürbis den er aushöhlt um Trauben darin gären zu lassen. Mit dem Wein gedenkt er seine Last ein wenig zu lindern. Der Alte bemerkt die vom Wein bewirkte Veränderung in Sindbads Gebaren und wird neugierig. Er befiehlt Sindbad, ihm den Kürbis mit dem restlichen Wein zu reichen. Davon trinkt er schließlich soviel, dass sich, vom Alkohol bewirkt, die Klammer seiner Beine um Sindbads Hals lockert, bis der Alte schließlich ganz von ihm ablässt und schläfrig zu Boden gleitet. Sindbad, der kaum glauben kann dass er ihn los ist, nimmt einen Stein und erschlägt seinen Peiniger.

Später landet ein Schiff und von den Seeleuten wird ihm  berichtet, der Greis, den man den Alten vom Meere nennt, habe schon viele Gestrandete auf diese Weise versklavt und zu Tode gebracht.

 

In der Geschichte Sindbads scheint es der Uranus zu sein, der den Saturn trägt. Und von ihm geknechtet wird. Eine Verkehrung. 

 

Bemerkenswert ist dabei die Vorgeschichte und der Grund für Sindbads Schiffbruch.

Er war auf der Insel des Alten gestrandet nachdem sein Schiff unterging, weil die Schiffsmannschaft, mit der er zuvor unterwegs war, auf einer anderen Insel das Ei des sagenhaften Riesenvogels Roch fand.

Die Seeleute hatten, während Sindbad noch auf dem Schiff geblieben war, eine große Kuppel entdeckt, die sie zunächst für ein Gebäude hielten. Es war aber das Ei des Vogels Roch. Sie schlugen mit Steinen darauf, dass es zerbrach. Darinnen entdeckten sie das Junge des Riesenvogels. Sie erschlugen es und verspeisten das Fleisch. Als sich die Vogeleltern am Himmel nähern flieht die Mannschaft in großer Angst zurück aufs Schiff.

Als man sich wieder auf See befindet, tauchen am Himmel erneut die Eltern des erschlagenen Vogeljungen auf. Sie haben nun große Felsbrocken mitgebracht und versenken das Schiff, indem sie diese herab fallen lassen. Nur Sindbad überlebt und gelangt so auf die Insel des Alten.

 

Der Name Roch oder Ruch des in den arabischen Sagen öfters erwähnten Vogels könnte etymologisch mit Ruach, dem hebräischen Wort für Geist zusammenhängen. 

Ruwh im Arabischen. 

Das Bild des Vogels wird seit jeher mit dem Heiligen Geist verbunden. 

In der Genesis heißt es:

"Finsternis lag über der Urflut und der Geist Gottes schwebte über den Wassern". Genesis 1:2

Der Geist Gottes, Ruach Elohim,  wird hier mit einem in der Bibel seltenen Verb bedacht, merachephet- מרחפת. Es kommt, wie Martin Buber bemerkt, nur ein weiteres Mal vor. Nämlich beim Bild des Adlers, der mit vibrierendem, kaum wahrnehmbar schwingendem Flügelschlag über seinen Jungen schwebt. "Wie ein Adler … über seinen Nestlingen schwingt"  5. Moses 32,11

Daher heißt es in der Buber / Rosenzweig Übersetzung:

"Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser".

 

Offenbar war es der verdrängte Vogel im Sinne des Uranus, des Schöpferischen, der zum Schiffbruch des Kaufmanns Sindbad führte und ihn zum Sklaven des Alten auf seinen Schultern werden ließ.

 

(Textauszug)

 

 

 

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(C) Herbert Weiler, August 2020