Petermanns Ausbruch

 

 

Der Schimpanse Petermann wurde im Jahre 1947 in Afrika geboren. Auf dem Schiff, das ihn nach Europa brachte, verstarb seine Mutter. In Holland zog ihn die Frau eines Tierpflegers auf. Hierbei gewöhnte er sich an den ausschließlichen Umgang mit Menschen. Seine Pflegemutter ließ ihn sogar in ihrem Bett schlafen.

Angezogen mit einem weißen Strickjäckchen überreichte man ihn schließlich dem Kölner Zoo.

Petermann mit den anderen im Zoo lebenden Schimpansen zusammenzubringen war nicht mehr möglich, er vertrug sich nicht mit ihnen, innerhalb seiner Art war er nicht gesellschaftsfähig.

Nur Menschen wurden von ihm geduldet. So begann man ihn zu dressieren, hieß ihn etwa in Schlips und Anzug auf Kölner Karnevalssitzungen auftreten, später gelangte er ins Fernsehen und wurde zum Star, zum berühmtesten Affen der Adenauer-Ära.

Man lieh ihm eine Stimme, zu der er entsprechende Gesten machte, ließ ihn Eintrittskarten abreißen, mit Hut und Lederhose auftreten oder mit Sektflasche und Glas auf einer Silvesterfeier im Fernsehen zuprosten und in Kinofilmen agieren.

Höhepunkt des Ruhmes war die öffentlichkeitswirksame Einrichtung eines eigenen Postsparbuchs.  Werbespots zeigen ihn, wie er am Schalter das Konto einrichtet und sein Sparbuch vorzeigt.

Die Spendeneinzahlungen auf dieses Konto sollten der Errichtung eines neuen, großen und artgerechten Affenhauses im Kölner Zoo zugute kommen, für das Petermanns Fernsehpräsenz von nun an warb.

Jedoch gestaltete sich der Umgang mit ihm zusehends schwieriger, nachdem der Affe mit zehn Jahren das Alter der Geschlechtsreife erreichte.

Er wurde schließlich so agressiv, dass an eine öffentliche Vorführung nicht mehr zu denken war. Seine Zeit als Star war vorbei.

In das neue Affenhaus, das man mittlerweile mit Hilfe von Petermanns Postsparkonto errichtet hatte, durfte er nicht mit einziehen. Der Konflikte mit den anderen Affen wegen.

So verbrachte er seine Tage alleine hinter einem Käfiggitter. Als er begann, die Zoobesucher mit Kot zu bewerfen, setzte man ihn hinter Sicherheitsglas. Eine Gefährtin, die man ihm schließlich zugesellte, ließ ihn teilnahmslos. Petermann, der immer nur mit Menschen Umgang gehabt hatte, wußte nichts mit ihr anzufangen.

 

Am 10. Oktobers 1985 hatte ein Wärter das Tor nicht richtig verschlossen. Petermann ergriff die Gelegenheit und machte sich auf ins Freie. Seine Käfiggenossin Susi folgte ihm nach.

Als der Direktor des Zoos ihm just über den Weg lief, fielen Petermann und Susi über ihn her, rissen ihn zu Boden und verletzten ihn lebensgefährlich. Er überlebte nur knapp und mußte in einer siebenstündigen Notoperation gerettet werden. Die beiden Schimpansen hatten ihm vor allem im Gesicht tiefe Wunden zugefügt. Überlebt habe er, sagte er später, weil er sich tot gestellt habe. Petermann habe ihn als konkurierendes Alpha-Tier wahrgenommen, lautete seine Deutung des Verhaltens.

 

Der Affe Petermann hatte sich nach dem Angriff zunächst von einem Wärter wegführen lassen, dann aber riß er erneut aus.  Noch auf dem Zoogelände wurde er erschossen. Seine Gefährtin Susi ereilte das gleiche Schicksal Stunden später, nachdem eine Nachbarin des Zoos sie in ihrem Garten beobachtet und die Polizei gerufen hatte.

 

 

Das Horoskop der Mittagshöhe am Tag des Ausbruchs mit einem Sonnenstand von 17 Grad Waage hat den Uranus im Spiegel am Aufgang auf 13 Grad Schütze.

Beide Punkte entsprechen einer Saturn-Uranus-Charakteristik Müncher Rhythmenlehre , die 17 Grad Waage saturnlastig, dem bürgerlichen Arrangement zuneigend, und

13 Grad Schütze uranusbetont, im Sinne des Ausbruchs aus dem bürgerlichen Konvent.

Der Uranus am Aufgang im Schützen kommt vom Wassermann aus Haus Zwei, wo auch der Jupiter steht, und stellt damit eine plötzliche, zunächst glückliche Neufügung im Sinne einer konkreten Revierbefreiung dar.

Die Befreiung aus der Gefangenschaft, mit Saturn-Pluto im Spiegel im Skorpion, von Haus Elf nach Zehn, hält allerdings nicht lange vor: Der Angriff auf den Zoodirektor als Ergebnis mit Mars-Venus in der Jungfrau, führt mit dem Herrscher Merkur zurück zum Pluto in Haus Zehn.

Der Löwe in Haus Acht und der Wassermann in Haus Zwei befinden sich über ihre Planeten im Spiegel auf den Achsen in einer Spannung zueinander, die lebensbedrohlich ist,

 

Die Sonne-Uranus-Spiegelung steht dabei für das geraubte Schicksal im Dienste des bürgerlichen Konsums. 

Insofern verbleibt die Interpretation des Angriffs auf den Zoodirektor, nach der dieser als konkurierendes Alpha-Tier attackiert worden sei, in den Klischees psychologistischer Konventionen.

Mit dem Pluto in Haus Zehn in Konjunktion mit Merkur ist der Direktor der Repräsentant der Vorführung des gefangenen Lebens, durch das ein Zoo gekennzeichnet ist. Es ist das durch Gefangenschaft und Konsum der Tiere verletzte Prinzip, das als Mars-Venus konkret wurde.

 

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- Altersmäßig ist  der Affe Petermann mit seinem Geburtsjahr 1947  ziemlich exakt durch den Merkur in Haus Zehn in der Waage repräsentiert, der sich durch Zwillinge am Deszendenten 38 Jahre vor dem Ereignis auslöst, 

 

- Das Ereignis wurde zur Legende. In der Stadt finden sich seither immer wieder Schablonen-Graffitis mit dem Spruch "Petermann lebt". Ein anderer lautet "Petermann geh Du voran".  Dazu die Darstellung des todwunden Affen: Petermann, heißt es, soll am Boden liegend, von den tödlichen Schüssen getroffen, noch die geballte Faust gereckt haben.

 

- Es ist der, trotz  Karnevals, erhalten gebliebene eigene Humor der Stadt. Mit der genuinen Neigung auch tragischsten Momenten das Absurde abzugewinnen. Konrad Beikircher bemerkt dazu, er habe im Rheinland allein sechsunddreissig  Kneipen in der Nähe von Friedhöfen gezählt, die sich alle  "Zur letzten Träne" nennen.

 

- Na ja, angesichts des Endes von Petermann erscheint die Parole "Petermann, geh Du voran"  eher fatal.

 

- Der Zoodirektor Günther Nogge, geboren am 10. Januar 1942 und damit 43,75 Jahre vor Petermanns Ausbruch, ist durch den Jupiter  auf 7 Grad Wassermann repräsentiert, der sich über den Spiegel zum Mond durch Krebs im siebten Haus auslöst. Dieser Jupiter in Haus Zwei bringt die Uranus-Sonne-Verbindung und damit das geraubte Schicksal mit. In der gegenläufigen Richtung ist er durch Pluto und Saturn repäsentiert, die rund 44 Jahre zuvor durch die Auslösung über Zwillinge in Haus Sechs und Herrscher Merkur akut werden, damit die Erscheinung des Schicksalsraubs in Form der Gefangenschaft anzeigend.

 

- Drei Jahre später, im Sommer 1988 kommt es unter Nogges Führung zu einem ähnlichen Geschehen im Kölner Zoo. Ein Grizzly-Bär  überwindet den Wassergraben, der die Bäreninsel umgibt, mit einem Baumstamm, den er ausgerissen und sich eigens zurechtgelegt hat. Dann zieht er sich an der  äusseren Betonwand des Geheges hoch und überwindet auch noch den darauf befindlichen Zaun. Nun in Freiheit schien er eher verwirrt und wollte wieder zurück auf seine Bäreninsel. Der Weg dahin, die Betonbrüstung hinab, war jedoch nicht so einfach.

So trottete er durch den Zoo, an den Flamingos vorbei in Richtung  Kamele.  Der Bär eher ruhig. Aber viel Gelaufe und Aufregung bei Wärtern und Publikum. Schließlich wurde auch er erschossen. Das Betäubungsgewehr wäre nicht schnell genug zur Hand gewesen und hätte ohnehin zu langsam gewirkt, ließ man verlauten. In der Bevölkerung wurde Empörung laut, auch wegen des Endes von Petermann drei Jahre zuvor. Es gab Demonstrationen vor dem Zoo und Forderungen nach Nogges Rücktritt. "Blattschuß Nogge" nannte man ihn auf Plakaten.

 

- Im Mittagshoroskop des Zoodirektors befindet sich der Pluto im Spiegel zur Saturn-Uranus-Komjunktion und in Opposition zum Merkur.

Ausgelöst wird Pluto im Siebener-Rhythmus zwei Jahre nach Phasenbeginn mit 44 Jahren über Skorpion am Deszendenten, damit Petermanns Ausbruch und seine Erschießung kennzeichnend.

Von Seiten des Saturns ist die Konstellation nochmal drei Jahre später angesprochen - beim Ausbruch und  der Erschießung des Bären.

 

- Es bestätigt, dass es bei Petermanns Attacke auf den Zoodirektor nicht um Konkurenz ging, wohl aber um Gefangenschaft und deren Repräsentanz.

 

- Der Bär widerlegte 'Brehms Tierleben', wo behauptet wird, Bären seien "geistig wenig begabt" und  "dumm".

 

- Es war  traurigerweise gerade die Findigkeit des Bären, die ihm zum Verhängnis wurde.  Ob denn keine Netze zur Verfügung gewesen seien, ihn zu fangen, anstatt ihn zu erschießen, wurde gefragt. Bei einem der seltenen Berggorillas sei man möglicherweise rücksichtsvoller  vorgegangen, hieß es. Bei einem Bären waren die Skrupel offenbar geringer.

 

- Obwohl man dem Bären einen Namen gegeben hatte, er hieß Karl Josef, hat ihn diese Form der Individuation nicht davor bewahrt, dass über sein Leben nach Maximen der Rarität und Wirtschaftlichkeit geurteilt wurde.

 

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(C) Herbert Antonius Weiler 2018