G o t t e s n a m e ,  G o t t e s b e z e i c h n u n g    -   S i n g u l a r ,   P l u r a l 

Mehrzahl und Einzahl in der hebräischen und arabo-islamischen Gottesbezeichnung

 

Der hebräische Text der Bibel weist vornehmlich zwei unterschiedliche Worte zur Nennung Gottes auf. 

Das erste, Elohim,  wird bereits in der Genesis genannt. Es wird nicht erklärt, seine Verwendung scheint geläufig zu sein. Im Anfang schuf Elohim den Himmel und die Erde,  heißt es.

Das zweite, das Tetragramm, der Vierbuchstabige Name,  wird dem Moses von Gott aus dem brennenden Dornbusch heraus persönlich kundgetan, als Moses fragt, was er dem Volk sagen solle, wenn man von ihm wissen wolle, wer zu ihm gesprochen habe. 

Im Unterschied zu einer Bezeichnung Gottes, wie im Falle des Wortes Elohim, wird das Tetragramm ausdrücklich  der Name Gottes  genannt. 

Dieser Name gilt im Judentum als heilig und wird nicht ausgesprochen. 

Anstelle seiner spricht man im Gebet und in der Liturgie Adonai - hebräisch:  mein Herr

 

In vielen  deutschen Bibelübersetzungen wird daher das deutsche Herr, oft mit Großbuchstaben, HERR, eingesetzt, wenn im Urtext der Vierbuchstabige Name steht.  

So bedeutet der erste Satz der Zehn Gebote, wie er sich in Luthers Übersetzung findet - Ich bin der HERR dein Gott - eigentlich: Ich bin  יהוה (Tetragramm) , dein Gott.  

Bei den ersten  Bibelübersetzungen ins Griechische behielt man  bei der Nennung des Namens schlicht die hebräische Buchstabenfolge  innerhalb der griechischen Texte bei,  wissend um die Unnennbarkeit und Unübersetzbarkeit. Später wurde er, als mit der Verbreitung des Christentums in anderssprachigen Ländern der hebräische Kontext in den Hintergrund trat,  durch das griechische Kyrios  -HERR - ersetzt. 

Moses Mendelsohn wählte in der von ihm erstmals erarbeiteten jüdischen Übersetzung der Thora  ins Deutsche den, gegenüber HERR weniger autokratischen Ausdruck der EWIGE  für den nicht übertragbaren Gottesnamen. 

 

Die Bedeutung des Namens wird dem Moses erläutert. Auf seine Nachfrage, was er den Israeliten sagen solle, wenn sie ihn nach dem Namen dessen fragen,  der ihn beauftragt hat, wird ihm geantwortet:  

I c h   B i n   d e r   I c h   B i n   - du sollst den Kindern Israels sagen  I c h   B i n   hat mich zu euch geschickt

 

In dieser Initialisierung der Ich-Du-Beziehung  erkennt Martin Buber die Essenz des Judentums, die er das  Dialogische Pinzip nennt: Indem Gott, sich in solcher Weise als Person offenbarend, zu Moses in Beziehung tritt, wird auch der Mensch zur Person, zum Gegenüber. Den Heiligen Namen selbst nennt Buber das Grundwort der Person, das Ich-Du.

Das Tetragramm enthält die Wurzel der hebräischen Worte für  Sein  und Werden. In der Antwort Gottes gegenüber Moses bekundet sich im Tetragramm das Prinzip des Seins, der Name der Identität.

 

 

Die hebräische Gottesbezeichnung Elohim, mit der Pluralendung -im,  bedeutet eine Mehrzahl. Grammatikalisch wird sie jedoch  als Einzahl behandelt.

 

Die Plural-Endung der jüdischen Gottesbezeichnung wird in der jüdischen Tradition, so von Kommentator Raschi (Rabi Schlomo Itzak, 1040 - 1105)  als eine annähernde Bezeichnung erklärt.

 

Sie nennt,  als eine Mehrzahlbildung, die Gesamtheit der in der Schöpfung wirkenden Kräfte Gottes. Daher weist sie, gerade als Plural, über sich hinaus auf die unnennbare Einheit Gottes.

Diese göttliche Pluralbezeichnung, wird in der jüdischen Schriftauslegung vom Heiligen Namen  Gottes, dem Tetragramm - welches der Islam nicht kennt -  unterschieden. 

 

Der Plural Elohim, der grammatikalisch als Einzahl behandelt wird, benennt  Gott also keineswegs in seiner Einheit, sondern die hebräische Gottesbezeichnung Elohim  stellt -  als Bezeichnung, welche sich nur auf Eigenschaften beziehen kann -  eine Annäherung dar,  in der die Eigenschaften, die Gesamtheit der in der Schöpfung wirkenden Kräfte Gottes genannt sind. 

 

Auf die Bedeutung  von Singular- und Pluralverwendung in diesem Sinne weist auch das hebräische Wort für die Zahl Zwei hin - schtaim - welche als einzige Zahl der Zehnerreihe ebenfalls einen Plural bildet. Weil sie im Sinne einer grundsätzlichen Unterscheidung von Einheit und Vielheit für den Schritt in die Dualität steht.

 

Daher die Mehrzahlendung  -im  in der hebräischen Bezeichnung Gottes,  die über sich hinausweist auf die unnennbare Einheit Gottes. Sie kann im Gespräch über  Gott nicht genannt werden, die Einheit des Du,  das  Singular des Heiligen Namens, kann nur der stillen  Zwiesprache mit Gott vorbehalten bleiben. 

Einer der Gründe, warum der Vierbuchstabige Name  nach der Zerstörung des Tempels nicht mehr ausgesprochen wurde.

 

                                                                                    ***

 

- Im Unterschied zum Plural der  hebräisch-biblischen Gottesbezeichnung stellt die  Gottesbezeichnung des dem Hebräischen verwandten Arabischen in den islamischen Texten eine Einzahl dar.  Der Begriff "Allah", eine Zusammenziehung von  "al Illah", basiert auf der gleichen semitischen Wurzel, bildet jedoch keine Plural-Endung.-

 

- Die  arabische Entsprechung zur hebräischen, biblischen Gottesbezeichnung Elohim wäre nicht  Allah = al Illah, sondern Illahim. -

 

- Indem die Plural-Endung -im  wegfällt,  wurde die Gottes-Bezeichnung im koranischen Arabisch auf ein Singular reduziert. Ein Unterschied, den Rudolf Steiner hervorhebt.-

 

- Es scheint, als seien hier die Kräfte Gottes,  indem sie den Singular der unnennbaren Einheit auf die Ebene der Eigenschaften rücken,  vor Gott geschoben.-

 

- Dies könnte erklären, warum sich im Koran häufig Stellen einer merkwürdig unsouverän anmutenden Versicherung  der Macht Gottes finden.

So etwa in der Verkündigung an Maria. Angelehnt an das Lukas-Evangelium fragt Maria auch im Koran nach der Ankündigung des Erzengels Gabriel, nach der sie schwanger werden und einen Sohn gebären werde, wie das geschehen solle, da sie noch von keinem Manne wisse.

Bei Lukas antwortet ihr der Engel unverwandt: Der Heilige Geist wird über Dich kommen.

Im Koran lautet die Antwort: Es sei so. Gott läßt dich wissen: Dies ist mir ein Leichtes. Und wir wollen ihn zu einem Zeichen machen für die Menschen und einer Barmherzigkeit von Uns. Und es ist eine beschlossene Sache. - 

 

- Schon zuvor, bei der Verkündigung der Geburt des Johannes an Zacharias spricht der Engel auf dessen Nachfrage  im Koran eine ähnliche Beteuerung aus: Das ist mir ein Leichtes. auch Dich schufen wir zuvor aus dem Nichts. Auch hier ist im Text des Lukas dergleichen nicht zu finden.-

 

 - Die Betonung der Macht Gottes scheint sich hierbei vor die unmittelbare Begegnung des Individuums mit Gott zu schieben, um die es in Judentum und Christentum essentiell geht - und aus der sich die jüdisch-christliche Auffassung von der Person des Einzelnen, seiner Entscheidung und seiner Beziehung zu Gott ableiten. -

 

-Die Gottheit wird mit ihren Eigenschaften verwechselt.-

 

-Martin Buber hat auf das Mißverständnis, die Beziehung zu Gott primär als Abhängigkeit aufzufassen artikuliert, nicht nur auf den Islam bezogen:  "Man will als das wesentliche Element in der Beziehung zu Gott ein Gefühl ansehen, das man Abhängigkeitsgefühl, neuerdings genauer Kreaturgefühl nennt.  So richtig die Heraushebung und Bestimmung dieses Elements ist, so sehr wird durch dessen gegengewichtslose Betonung der Charakter der vollkommnen Beziehung verkannt. ...  Daß du Gott brauchst, weißt du allzeit in deinem Herzen; aber nicht auch, daß Gott dich braucht, in der Fülle seiner Ewigkeit dich? Wie gäbe es den Menschen, wenn Gott ihn nicht brauchte, wie gäbe es dich?  Du brauchst Gott, um zu sein, und Gott braucht dich - zu eben dem, was der Sinn deines Lebens ist. ...  Daß es die Welt, daß es den Menschen, daß es die menschliche Person, dich und mich gibt, hat göttlichen Sinn." - 

 

- Tatsächlich enthält der Koran nicht das Gebot der Nächstenliebe noch das, der Liebe zu Gott, wie es in der Thora formuliert und in den Evangelien von Jesus zitiert und von ihm als wichtigstes Gebot ausgewiesen wird.-

 

 - Die  häufige  Versicherung und Beteuerung der göttlichen Macht im Koran, läßt fast eine unterschwellige Angst vor der Ohnmacht Gottes ahnen,  eine Angst, vom Leviathan, von den Titanen, verschlungen zu werden.-

 

 

- Das würde einer Erklärung Rudolf Steiners entsprechen, der die geistesgeschichtlichen Gründe für die Entstehung des Islam mit dem Wirken der persischen Akademie von Gundischapur  verknüpft.

Durch das Wirken der Akademie von Gondischapur, hätte sich schon wenige Jahrhunderte später, etwa um 1200, ein deterministisches Wissenschaftsdenken und eine Technokratie  etabliert,  wie sie sich tatsächlich erst im zwanzigsten Jahrhundert durchsetzten, wäre deren Wirkung nicht durch den Islam aufgenommen und  abgeleitet worden.  Die Individuen der Menschheit hätten keine Chance mehr gehabt, ein Empfinden und einen Ausdruck, eine Freiheit zu entwickeln.

Durch den Islam, so Steiner, wurde der Impuls von Gundischapur  teilweise adaptiert, jedoch zugleich entschärft und ins Schwärmerische abgebogen.

Sodass der Islam sowohl deterministische Elemente enhält - die doppelte Prädestination, nach der nicht nur die Schicksalsform des Menschen vorbestimmt sei, sondern auch seine ethische Entscheidung -  als auch im philosophischen Streit  eine  Herausforderung an die  Emanzipation des Individuums stellt, gegenüber einer deterministischen Sklerotisierung. So zwischen den Anhängern des Averroes und des Thomas von Aquin.- 

 

- Es könnte ein Licht auf die Rolle werfen. die der Islam derzeit im Zuge der Internet-Etablierung und der damit verbundenen technokratischen Globalisierung eingenommen hat.-

 

-Wenn die Welt eine Maschine ist, wie die Naturwissenschaft, ausgehend von Descartes, beteuert, mithin jede Bewegung von vorhergehenden Kausalitäten bestimmt ist, welche wiederum auf Kausalitäten zurückgehen und so fort, so ist in der Konsequenz die Annahme eines  freien Willens ausgeschlossen.-

 

-In der Neurowissenschaft wird die Behauptung der Nicht-Existenz eines freien Willens von einigen Vertretern ohnehin als Forschungsergebnis erhoben. Als Folge des Libet-Experiments. Der freie Wille und das Ich seien Illusion, heißt es in den einschlägigen Veröffentlichungen.-

 

-Da fragt es sich: wessen Illusion? -

 

-Die Behauptung erübrigt sich ohnehin, da im naturwissenschaftlichgen Kausalverständnis von vorneherein weder ein freier Wille, noch ein Anfang enthalten sein kann.-

 

 

 

-Das ist die doppelte Prädestination in Reinform. -

 

 

-Schon Augustin brachte die Konsequenz der Aussage, das Ich sei Illusion,  auf den Punkt:

Wenn ich mich täusche, dann bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen.

So schreibt er in den Briefen De civitate dei,  XI, 26-

 

 

 

 

 

                                                                                     -----------

 

 

 

-Der Heilige Name, den Gott Moses aus dem brennenden Dornbusch heraus kundtut, ist kein Name,  wie er sich aus einer Namensgebung ergibt, denn auch diese  Namen benennen letztlich nur Eigenschaften und sind daher  Bezeichnungen.-

 

-Allein die Worte "Ich" und "Du" sprechen die Identität dessen an, was sie benennen, welches dabei zugleich unfassbar bleibt.-

 

-Obwohl das Hebräische zu den semitischen Sprachen gehört, die sich von der indogermanischen Sprachfamilie  unterscheidet, gibt es eine Reihe von ethymologischen Verbindungen und Ähnlichkeiten. 

Etwa lässt sich das Wort Pessach = Vorübergang, unschwer in Passage wiederfinden und so nennen auch die amerikanischen Juden ihr Pessach "Pass over". Auch die Zahlen sechs und sieben weisen eine Übereinstimmung mit den hebräischen Zahlworten schesch und schewa auf. Oder das hebräisch chaf für Hand in schaffen.

  

- Ähnlich  wie Martin Buber das Tetragramm das Grundwort der Person, das Ich-Du nennt, fasst auch Rudolf Steiner das deutsche Wort Ich  als aus dem  Tetragramm hervorgehend auf.-

 

- In der Bibelübersetzung von Buber und Rosenzweig ist das Tetragramm mit den persönlichen Für-Worten Ich, Du und  Er  übertragen.

So stellt der Heilige Name  eine Selbstbekundung des Prinzips der Identität, des Seins, dar: Ich bin der Ich bin. -

 

 

 

- Eine weitere lautbildnerische Ableitung zum Tetragramm wäre im Deutschen das Wort Jetzt

Auch jäh oder just  beziehen sich auf  Gegenwart und  Gegenwärtigkeit. -

 

-Hierzu gehört auch das in vielen indogermanischen Sprachen ähnlich lautende Wort der Bejahung.-

 

-Im Sinne von Raschis Erklärung der Gottesbezeichnung Elohim als die Benennung der Gesamtheit der in der Schöpfung wirkenden Kräfte,  läßt sich in der hebräischen Wurzel El   bzw. Elohim das deutsche All  oder Alles erkennen.-

 

- In den deutschen Übersetzungen der biblischen Texte, wo das Tetragramm meist mit Herr  übertragen wird, lautet die Aussage des ersten der Zehn Gebote: Ich bin der Herr (Tetragramm) dein Gott (Elohim), der Dich  herausgeführt hat aus Ägypten, dem Sklavenhaus. Du sollst keine anderen Götter mir vor Angesicht stellen. -     

 

- Buber und Rosenzweig übersetzen präzise: "...nicht sei Dir andere Gottheit mir ins Angesicht.

 

 

-Man könnte die Weisung so in eine für Agnostiker akzeptable Form übersetzen: Ich bin das Jetzt, Dein Alles, die Gegenwärtigkeit, die Dich herausgeführt hat aus dem Bestimmtsein durch Umstände und Eigenschaften -  und Du sollst kein anderes zum Alles mir vor Angesicht stellen."-

 

-Womit sich  auch der Topos vom eifersüchtigen jüdischen Gott  aufheben würde, da sich der Satz  in seiner Ausschließlichkeit inhaltlich erklärt.-

 

 

                                                                                        ***

 

 

Eine Bezeichnung als äußerer Hinweis in Bezug auf Gott  kann in der jüdisch-christlichen Gottesauffassung wohl immer nur als ein annähernder Hinweis auf die transzendente, unnennbare Einzigkeit Gottes verstanden werden. -

 

-Gott selbst kann nicht von außen benannt werden, da jede Benennung eine  Fassung enthält. -

 

- Dietrich Bonhoeffer  sieht den Sündenfall bereits in dem Gespräch, welches Eva mit der Schlange führt, da der Mensch dort zum ersten Male über  Gott spricht und nicht mehr, wie bisher ausschließlich, zu  ihm.

In diesem Gespräch  wurde die Beziehung zu Gott verraten, indem sie zum Thema, zur Verhandlungsache gemacht wurde. 

Der Mensch war damit aus der Beziehung herausgefallen, er hatte sein Du  verlassen.  Dies war, so Bonhoeffer, bereits der Sündenfall!-

 

 

-Bonhoeffer, wie Martin Buber im Zeichen Wassermann geboren, sagt, die einzig  angemessene Weise, von Gott zu sprechen, ist zu  ihm zu sprechen. -

 Im Du  der Ansprache und des Zwiegespräches  allein tritt man in Beziehung zur Unfassbarkeit des Gegenübers. 

Das Du der Ansprache ist der Heilige Name  Gottes.

 

-Hierin findet sich eine Erklärung des talmudischen Gebotes, ein jegliches Sprechen  über  einen anderen, auch wenn es lobend sein sollte,  zu vermeiden. Es geht hier weniger um den sozial schädlichen Aspekt der üblen Nachrede als um die Verletzung, die darin besteht, den anderen überhaupt zum Thema, zur  Sache zu machen.-

 

(C) Herbert Antonius Weiler,  2001/2015