Das Packeis am Polarkreis schmilzt dramatisch. Wir sprechen nun mit dem Leiter einer Forschungsstation am Polarkreis vor Ort, wie sich die Lage dort darstellt: Hallo, wie ist es dort am Polarkreis, vor Ort. - Ja, wie sind hier schon seit einem Monat vor Ort, und man muss schon sagen, dass gerade hier vor Ort, am Polarkreis, das Packeis rasant wegschmilzt  ...

Deutschlandfunk, Dezember 2016, Gedächtnisprotokoll

 

Wir sind vor Ort...

WDR, Selbstdarstellung,Hompage 

 

Verschärfter Vorortismus

Spiegel, zu einer Talkshow, Februar 2017

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Die Vor-Ort-Befindlichkeit

 

 

Der hochfrequenten Wiederholung der Wendung vor Ort in den Rundfunkmedien ist kaum zu entgehen. Kaum eine Nachrichtensendung, kaum ein Interview ohne die mehrmalige Erwähnung, dass man vor Ort  sei, mit jemandem rede, der vor Ort  ist, oder den Hinweis auf eine Lage irgendwo in der Welt, die mit der Ergänzung bedacht wird, dass sie vor Ort  sei.

Die Verwendung der Floskel ist so häufig anzutreffen, dass man sich fragt, wie es kommt, dass selbst rhetorisch geschulte Medienvertreter sich derart oft in der Reproduktion einer völlig überflüssigen Phrase ergehen.  

 

Wie ist es dazu gekommen, dass als unzureichend empfunden wird, die Lokalität eines Gesprächspartners oder eines Geschehens zu nennen.

Warum heißt es, jemand sei in Berlin am Brandenburger Torvor Ort und nicht einfach am Brandenburger Tor in Berlin?

Und warum stets vor Ort und nicht im Ort oder am Ort?

 

Das Wort hatte im Althochdeutschen die Bedeutung von Schwert oder Speerspitze, wie Spitze überhaupt, die Namen Ortwin - Schwertfreund oder Orttrud - Schwertkraft  verweisen noch auf das alte Wortfeld, das sich auf das Ende einer Waffe oder auch einer Richtung bezog - dort, wo eine Strecke endete wo ihre Spitze lag, war der Ort. Die Zuspitzung ist gleichbedeutend mit Ecke. So nannte man die Spitzen eines Münz- oder Wappenkreuzes Ecken oder Orte.  Es gibt die umgangssprachliche Frage, aus welcher Ecke jemand kommt. Ortgang wird die Kante eines Daches am Winkel der Giebelwand genannt.

Ort bedeutet: dort und nicht woanders. 

 

Die heutige Wendung vor Ort ist zunächst aus dem Kohlebergbau überkommen. Wenn die Bergleute im Stollen unter der Erde an der Spitze der Stollen vor den Lagerstätten der Kohle arbeiteten, so sagte man, sie seien vor Ort.

Es war nicht etwa ihr Zuhause, dieses war an der Oberfläche. 

Die Gemeinschaftlichkeit der Menschen nahm sich als an der Erdoberfläche, als oben befindlich wahr - der Bergmann, der zur Arbeit - an den Ort der Kohle - ging und in den Stollen einfuhr, schaffte unter der Erde, vor Ort.

Vor Ort  zu sein, bedeutete, aus einer oberen, aus einer peripheren Welt hinunterzusteigen.

(...)

 

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(C) Herbert Antonius Weiler L.2016/2017  

 

 

Textauszug, der Essay findet sich in dem  Buch

Wie der Nibelungenhort zum Bayer-Konzern wurde >>

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