Der gesamte Essay findet sich in dem Buch: 

Sterndeuter aus dem Osten

Essays und astrologische

Betrachtungen

>>

                 

          

               Die kupferne Schlange

 

 

 

Die Schlange, die Geringelte, erfährt im Bild des Äskulap-Stabes ihre Aufrichtung.

Im Bild des Leviathans beißt sich die Schlange kreisend in den eigenen Schwanz. 

In der Aufrichtung am Stabe kommt es zur Öffnung, indem die Schlange sich zur Serpentine erhebt. Es kommt zu Anfang und Ende, der Entwicklung der Gestalt der Zeit.

 

Das lateinische Serpens, Schlange, geht auf das hebräische Seraph - שרף - zurück.

Als Seraph wird in der Bibel sowohl eine geflügelte, feurige Schlange* bezeichnet Jesaja 14,29 als auch ein Engel Jesaja 6,2.

Die Wurzel des Wortes bedeutet brennen.  Sräphah - שרפה - ist das Feuer.

Der Plural Seraphim - שרפ׳ם - nennt den höchsten der neun Engelchöre, die Brennenden oder die Feurigen.

 

 

In der Schau des Jesaja werden diese Engel am Throne Gottes beschrieben: 

Seraphim standen über ihm. Sechs Flügel hatte ein jeder: Mit zweien bedeckte er sein Antlitz, mit zweien bedeckte er seine Füße und mit zweien flog er. Jesaja 6,1-2

 

 

 

 

Darstellung eines Seraphs im

Kuppelmosaik der Kirche von Monreal auf Sizilien

 

 

 

Er wurde bereits bei den Babyloniern mit dem Blitz verbunden. Die Flügel erscheinen in den Wolken, der feurige Seraph als Blitz (Rudolf Steiner). Die Ambivalenz des Bildes eines Engels und einer geflügelten, feurigen Schlange steht für den Übergang vom Zeichen Fische zum Wassermann**.  Das Brennen gibt die untere Seite der Bewegung an, Mars-Venus, bzw. Widder - Stier. Münchner Rhythmenlehre

 

Gegen Ende der Wüstenwanderung soll Moses auf Gottes Geheiß eine kupferne Schlange machen und an einem Stab hoch aufrichten. 

Die Israeliten waren unmutig geworden. Warum habe man sie aus der ägyptischen Gefangenschaft herausgeführt? Es gebe kein Brot und kein Wasser, das Essen sei ekelhaft, beschwerten sie sich.

 

Sie wurden daraufhin von Schlangen, feurigen - haNachaschim haseraphim - הנחשים השרפים - heimgesucht, durch deren brennende Bisse viele starben. 

In der Not bereuten sie ihren Unmut und wandten sich an Moses, um Gottes Hilfe zu erbitten.

Gott wies Moses an, einen Seraph zu machen und an einem Stab hoch aufzurichten - das vorher als Adjektiv dienende seraph - feurig  wird hier zum Substantiv und in den Übersetzungen mit Schlange übertragen.  

 

Es kommen also in diesem Text zwei verschiedene Substantive vor, die beide mit Schlange übersetzt werden, das gebräuchlichere Nachasch - נחשund einmal, dies nur in der Anweisung Gottes, das Wort Seraph - שרף, welches zugleich die Bezeichnung für einen Engel am Throne Gottes ist.

 

Im Folgenden taucht das Wort Seraph nicht mehr auf, sondern nur noch die Bezeichnung Nachasch: Nachdem Gott Moses angewiesen hat, einen Seraph zu machen und diesen an einer Stange aufzurichten, bildete Moses, so heißt es weiter,  eine Schlange -Nachasch - aus Kupfer und richtete sie an einer Stange auf.

Offenbar war dies im Sinne der Anweisung. Wer die aufgerichtete kupferne Schlange anschaute, wurde von den Bissen der feurigen Schlangen geheilt: Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die kupferne Schlange an und blieb leben. 4. Buch 21, 4-9 

 

 

Die Schlange aus Kupfer, im Urtext nachasch  nechoscheth - נחש נחשﬨ

Ein Wortspiel liegt darin.

Das Wort für Kupfer - nechoscheth -  נחשﬨ - hat in den semitischen Sprachen dieselbe Wurzel wie Schlange - nachasch - נחש.

Die Assoziation liegt nicht fern. Der glatte Leib der Schlange erscheint metallisch. Und beim Gießen des Kupfers, des ersten bearbeitbaren Metalls, gleichen die glühenden Verläufe feurigen Schlangen. Das Gift der Schlangen wirkt brennend.

Das Kupfer steht dabei für das Metallische schlechthin. Vergleichbar der chinesischen Lehre der Fünf Elemente, in der der Venus, Planet des Kupfers, das Element Metall zugeordnet wird.

 

Die Geschichte von der Kupfernen Schlange wird gerne als biblisches Beispiel der homöopathischen Wirkungsweise herangezogen. Die Heilung der brennenden Schlangenbisse durch das Anschauen der aufgerichteten kupfernen Schlange erinnert an das Simile-Prinzip, nach dem das Ähnliche Ähnliches heilt. 

Die Schilderung birgt jedoch darüber hinaus einen Hintergrund, den der hebräische Urtext vermittelt, indem das gleiche Wort, Seraphim, die feurigen Schlangen als auch die feurigen Engel bezeichnet.

 

Die Zeitspanne der Wüstenwanderung wird mit 40 Jahren angegeben. Es ist die Zahl des Saturn, die Vier.

Die Zahl deutet als Zeitangabe in der Bibel stets eine Zeit des Wartens und der Metamorphose an. Es ist die Zeit vor dem Anfang. Vierzig Tage fastete Jesus in der Wüste bevor er sein öffentliches Wirken begann, 400 Jahre währte die ägyptische Gefangenschaft bevor das Volk auszog, 40 Jahre dauerte die Wanderung durch die Wüste bevor man die Wasser des Jordan durchquerte und das versprochene Land betreten konnte. 

 

In der Nörgelei der Israeliten, verbunden mit dem angedeuteten Wunsch der Umkehr, doch lieber in der Gefangenschaft des Kollektivs und der Umstände, aber besser versorgt in Ägypten geblieben zu sein,  ist der Saturn verweigert. Das Subjekt verschließt sich in der Selbstbezogenheit, gleich dem schwanz-beißenden Leviathan. Es hat damit keine Entwicklung, keinen Anfang mehr. 

 

Die Wüstenwanderung entspricht der Saturn-Merkur-Verbindung, eine  Zeit der Beschränkung und der Isolation, in der die Entwicklung zur Eigenständigkeit reifen soll. Mit der Rückwendung zur ägyptischen Gefangenschaft wird diese verweigert. Uranus und Neptun bleiben zeitlos, ohne Anfang. Der Mars, als Rächer des Neptuns wird als Mars-Venus konkret. Das sind die brennenden Bisse der feurigen Schlangen.

                                                                             ---

 

- Mit Saturn Merkur ist die Bestimmung der Gegenwart und der eigenen Bewegung gefordert, der eigene Anfang, die seelische Impulsation in der Lösung vom Kollektiv.

Wird diese verdrängt, werden die Regelungen des Kollektivs und die Bedinungen bestimmend.  Die Bewegung wird bestimmungslos zu ihrem eigenen Anlaß.  Wie im Bild des Schwanzbeißers.

 

- Es ist der Saturn der das Skelett bildet, das physisch die Aufrichtung und die eigene Bewegung ermöglicht.

 

- Die unaufgerichtete, sich in den eigenen Schwanz beißende Schlange steht für die Zeitlosigkeit.

Der Blick zu dem an einer Stange aufgerichteten Bild der Schlange, gehämmert aus Kupfererz, dem Metall der Venus, vermittelt den Israeliten die Aufrichtung, führt sie im Hinblick auf das Ziel aus der Zeitlosigkeit heraus. Darin besteht die Heilung von den brennenden Schlangenbissen

(...)

Textauszug

 

 

                                                                                     

 

* Vers Jesaja 14:29, eine Mahnung an die Philister:  Denn aus der Wurzel der Schlange wird eine Otter hervorkommen, und ihre Frucht wird eine fliegende feurige Schlange sein. 

Das Wort Seraph wird hier mit feurige Schlange  übertragen. Die Einheitsübersetzung wählt stattdessen Drache.

 

** Erwähnenswert ist hierzu, dass bei einigen der frühen babylonischen Tierkreisbilder einer der beiden Fische des Fische-Zeichens als Schwalbenfisch dargestellt wurde, mit Flügeln und einem Schwalbenschanz. Franz Boll, Sphaera  / Zur Geschichte der Sternbilder

 

 

(c) Herbert Antonius Weiler 2017