Textauszug

Der Essay ist enthalten in dem Buch 

Die Vögel und die Farben >>

Essays und Betrachtungen

 

 

Eine Betrachtung des Wesens der Farben, etwa ihrer Neigung, sich zu gruppieren, mit Blick auf die Fragwürdigkeit der von Immanuel Kant ausgehenden naturwissenschaftlichen Definition der Farbe als elektromagnetische Wellenlänge und die zugrundeliegende Erkenntnislehre

 

 

INHALT:

Die Vögel und die Farben  / Hannah Arendt und Theodor Adorno / Mindfulness - Achtsamkeit  /  Das Welken der Eschen  /  Cordyceps  / Apple Inc. / Die Schwüle /  Schulzwang  /  Trump und Dürer /  Der Nibelungenhort und die Stadt Leverkusen  /  Sprache und Gegenüber / Wohl zu der halben Nacht  / Schabachthani / Der Elfte im Elften/  Papst Franziskus und das Vaterunser - Das Vaterunser auf Hebräisch   / Die Rehabilitierung der Templer /   /  Dem Volk aufs Maul geschaut / Der Mönch von Heisterbach und der Murmeltier-Tag

 

Paperback, 192 Seiten, 20,00 €  ISBN:  9783750469679

 

Bestellung bei BoD >>

Bestellung auch im lokalen Buchhandel oder im online-Buchhandel 

oder per email beim Autor: herbertantoniusweiler@gmail.com 

versandkostenfrei innerhalb Deutschlands, bei Auslandsbestellungen zuzüglich € 2,20 je Expl.

 

 

 


Textauszug:


Die Farben sind nicht Beschaffenheiten der Körper, deren Anschauung sie anhängen, sondern auch nur Modifikationen des Sinnes des Gesichts, welches vom Lichte auf gewisse Weise affiziert wird.                Immanuel Kant, 1781/ Kritik der reinen Vernunft

 

 

Nimmt man, mit Eulern, an, daß die Farben gleichzeitig auf einander folgende Schläge des Äthers, so wie Töne der im Schalle erschütterten Luft sind, so würde Farbe und Ton nicht bloße Empfindungen, sondern schon formale Bestimmung der Einheit eines Mannigfaltigen derselben sein...    Immanuel Kant, 1790 / Kritik der Urteilskraft    

Parkplatz mit Geselligkeiten roter Autos



Die Vögel und die Farben

 

 

- Die Farben sind wie die Vögel. Wenn vor der Morgendämmerung die ersten Vögel zu vernehmen sind, treten auch bald die Farben hervor. Wie die Vögel versammeln sich die Farben der Dinge gerne. Nicht nur bei den Blumen auf einer Wiese. Auch die Farben der Autos auf der Autobahn und auf Parkplätzen. Selten steht ein rotes Auto alleine. Gerne gesellen sich weitere rote Autos dazu, die dann in einer Reihe oder in einer Gruppe zusammenstehen und Cluster bilden.

 

- Bei weißen, schwarzen und grauen Autos mag das nicht verwundern, es sind schließlich die häufigsten Autofarben überhaupt. Wenn diese sich zusammenfinden, geschieht das mehr oder weniger zwangsläufig. Das ist nichts Besonderes und kein Anzeichen für eine Neigung der Farben, sich zu versammeln.

 

- Das stimmt. Aber gerade die selteneren Farben gesellen sich immer wieder einander zu. Zwei gelbe Autos nebeneinander auf einem Parkplatz, wo sonst dutzendweise nur schwarz, weiß und grau vertreten ist. Oder zwei grüne hintereinander an der Ampel wartend. Am auffälligsten neigen Autos mit roter Farbe zu dieser Gruppenbildung. Selten steht ein rotes Auto alleine, immer wieder kommt es zu solchen Versammlungen. Hier eine Parkreihe wo sich vier rote Autos hintereinander eingefunden haben.

 

                                                                                                                               Foto: Peter John

- Das ist vierte ist kein rotes Auto sondern ein roter Flaschencontainer.

 

- Drei rote Autos. Das vierte ist halt ein autogroßer roter Körper, der wohl zuerst dort stand und zu dem sich drei rote Autos einfanden. Und darum geht es – um die Neigung der Farben zur Geselligkeit. 

Hier der Parkplatz eines Baumarkts. Vier rote Autos beinander unter lauter grauen und weißen.

So wie Singvögel sich zum Konzert versammeln, scheinen sich die Farben zum Farbkonzert einzufinden.

  

 

 

 

- Wie sollen denn die Farben dazu neigen? Mir sind solche Farbgruppen auf Parkplätzen auch schon aufgefallen. Aber ist es nicht eher die menschliche Neigung, Ordnungen zu erblicken, wo doch nur der Zufall waltet, als die der Farben, sich zu versammeln? Man sieht zwei gelbe Autos zusammenstehen und deshalb fällt es einem auf. Gelbe Autos die nicht zusammenstehen, bleiben unbeachtet.

 

- Eigentlich bleiben sie nicht unbeachtet. Unter einem Meer von schwarz-grau-weißen Karosserien sticht Gelb oder Grün immer heraus. Aber der Witz ist, dass sie einfach häufig beieinanderstehen. Jeder, der dem Phänomen Aufmerksamkeit schenkt, wird es nach einer Weile bestätigt finden. Allerdings ist dazu nur der Müßiggänger befähigt. Einer statistisch-methodischen Überprüfung entziehen sich die Farben. Nur bei einer  dialogischen Beziehung finden sie sich ein.

 

- Besonders viele grüne Autos haben sich in Russland versammelt. Laut einer Statistik, nach der Silbergrau, gefolgt von Grau, Weiß und Schwarz die international häufigsten Autofarben darstellen, grün hingegen nur bei etwa einem Prozent liegt, bildet Russland einen Sonderfall: Dort sind grüne Autos zu über achtzehn Prozent vertreten und damit hinter Weiß die zweithäufigste Autofarbe überhaupt.

 

- Wolfgang Döbereiner ordnet Russland dem Zeichen Schütze zu. Dessen Farbe ist das Lodengrün, die Farbe des Jägers. Die russische Neigung zu grünen Autos würde dem entsprechen. Selbst die Armbänder russischer Uhren sind häufiger grün.

 

- Jedenfalls wird die Erklärung, solche Ordnungen seien nur Konstrukte menschlicher Interpretation, der Wirklichkeit nicht gerecht. In arktischen Gegenden, die vom Menschen weitgehend unberührt sind, finden sich auf den Flächen der Tundra immer wieder komplexe Steingruppierungen. Teils streng geometrische Muster, welche sich wie von Menschen angelegte Gärten über größere Flächen spannen. Wie sie zustande kommen weiß man nicht. Das Phänomen ist schon lange bekannt und lässt sich in verschiedenen menschenleeren Wüsten- und Steppenregionen der Erde beobachten. Vor etlichen Jahren machte man sich daran, mit Hilfe von Computersimulationen mögliche Einflüsse nachzuahmen, die zu dieser Ordnung beitragen könnten. Man berechnete Jahrhunderte rhythmischer Gefrierungen und Tauwetter, damit verbundene Bodenbewegung, elektrische Entladungen, Wind und ähnliches. Nach einem Jahrhundert simulierter Zeit stellten sich lockere, zunächst noch recht fahrige Ordnungen und Muster ein, die sich nach ein oder zwei weiteren Jahrhunderten deutlich konkretisierten, um nach sechshundert Jahren ein differenziertes Rautenmuster zu bilden.  FAZ Natürliche Steingärten in der Arktis 21.01.2003

 

- Eigentlich zeigt sich darin das grundlegende Prinzip der homöopathischen Aufbereitung, nämlich die Entstehung von Strukturen durch eine rhythmische Einwirkung. Die Ordnung des Raumes erweist als die Erscheinung zeitlicher Ordnung. Die Erscheinung von Rhythmus. So entsteht der Ort der Gestalten.   (...)

 

Textauszug 

 

Das Phänomen sich zueinander gesellender Farben wurde in den 1990er Jahren von dem Maler Peter John bemerkt und seither gelegentlich fotografisch thematisiert.

 

 

(C) Herbert Antonius Weiler, 2020