Es geschah, wenn die Fliehenden Efrajims sprachen: Ich möchte hinüber, sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Efraimiter? sprach er dann: Nein, sprachen sie zu ihm: Sprich doch: "Schiboleth", Strömung, er aber sprach: "Ssiboleth", und brachte es nicht zurecht, richtig zu reden, dann packten sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordans.   

Richter, 12,5-6, Buber/Rosenzweig-Übersetzung

 

 

 

 

Der SCH-Laut

 (Textauszug)

 

Der stimmlose Reibelaut des deutschen Sch etablierte sich in den deutschen Sprachgebieten erst spät, mit der Entstehung des Mittelhochdeutschen. Vom Süddeutschen aus hatte er sich verbreitet, ähnlich wie schon andere Sprachimpulse.

 

Einige Jahrhunderte zuvor war es zur zweiten Lautverschiebung gekommen, jener Entwicklung der Sprache, die sich vom sechsten Jahrhundert an vom Süden des späteren deutschen Sprachgebiets aus nach Norden hin entfaltete.  

Im Unterschied zu den Verschiebungen vorausgegangener Sprachveränderungen stellt das Aufkommen des Sch-Lautes im Mittelhochdeutschen die Bildung eines neuen Konsonanten dar.

Zuvor hatte es ihn weder im Deutschen noch in den anderen germanischen Sprachen gegeben. Auch die antiken europäischen Kultursprachen, das Griechische und das Lateinische, enthielten den Laut nicht.

 

Der Beginn der Lautverschiebung wird mit dem Langobardenreich verknüpft. Auch der  Sch-Laut scheint von dort seinen Ausgang genommen zu haben, da er sich zur gleichen Zeit auch in Italien verbreitete.  Vermutlich ist er mit der Lautverschiebung entstanden, blieb aber zunächst auf den süddeutschen Raum begrenzt.

 

Die Prägung, die die deutsche und italienische Sprache durch das Langobardenreich - mit seinen bayrischen Verbindungen - erfuhr, erklärt sich nur zum Teil  aus seiner geografischen und politischen Vermittlerposition, mit der es einen Angelpunkt zwischen den deutschen und italienischen Regionen darstellte und nach der Vereinigung mit dem Frankenreich das vermittelnde Glied der Italien-Anbindung der deutschen Kaiser bildete.

 

Wesentlich war eine kulturelle Ausstrahlung, die von den Langobarden ausging: An der langobardischen Adriaküste auf dem Gargano befindet sich eine der ältesten und bedeutsamsten Pilgerorte des Mittelalters, die Michaelsgrotte von Monte Sant'Angelo.

Der Michaelskult, der für das christliche Europa prägend wurde, hatte von hier seinen Ausgang genommen.

 

Gegen Ende des fünften Jahrhunderts, wenige Jahre nach dem Ende des römischen Reiches, war es auf dem Gargano zu einer merkwürdigen Begebenheit gekommen.

In einer langobardischen Schrift aus dem achten Jahrhundert wird von einem adligen Gutsherrn berichtet, der seine Rinder in dem Gebirge weiden ließ. 

Eines der Rinder hatte sich entfernt. Er verfolgte es und fand es nahe dem Gipfel des Berges vor einer Grotte wieder. Weil es dort zu bleiben beharrte und nicht zu bewegen war mitzukommen, sei er in Zorn geraten und habe einen Pfeil auf das Tier abgeschossen. 

Der Pfeil jedoch drehte sich während des Fluges und verletzte, statt des Rindes, ihn selber am Bein. Betroffen erzählte er dem Bischof der nahen Stadt Siponto, Laurentius Maioranus, von dem Begebnis.

Diesem erschien daraufhin im Traum der Erzengel Michael. Die Stelle auf dem Gargano, tat dieser dem Schlafenden kund, möge in besonderer Weise geehrt werden. Dies habe er durch das Ereignis offenbaren wollen. Über alles, was man hier vollbringe, sei er Hüter und Wächter.

 

Das Ereignis wurde als so bedeutsam empfunden, dass es auf ganz Europa ausstrahlte. Die Grotte wurde zu der Kirche San Michele ausgebaut. Um das Jahr 1000 gründete man die Stadt Monte Sant'Angelo, die zum Wallfahrtsort wurde.

Eine Inschrift über dem Portal der Kirche gibt die Worte des Erzengels an Bischof Laurentius wieder: Wo Felsen sich öffnen, werden die Sünden der Menschen vergeben. Dies ist das besondere Haus, in dem jegliche schändliche Tat getilgt wird.

 

Andere Michaelsstätten entstanden, die sich auf die Begebenheit in dem lombardischen Gebirgszug bezogen, so etwa Mont-Saint-Michel in der Normandie oder St-Michaels-Mount in Britannien.

Mehrere Kaiser und Könige, auch etliche Päpste und viel Volk pilgerten zum Gargano. Karl der Große hatte den 29. September zum  allgemein gebotenen Festtag des Heiligen Michael bestimmt. Otto I. und Otto III. besuchten den Gargano.

Kaiser Heinrich II. soll auf seiner Pilgerfahrt zu der Grotte im Jahre 1022 den Erzengel gefragt haben, ob er der Schutzpatron des Reiches sein wolle. Solange es sich würdig erweise, habe Michael geantwortet. 

 

Der hebräische Name Michael bedeutet: Wer ist wie Gott.  

In der Offenbarung des Johannes ist es der Erzengel Michael, der mit seinen Engeln gegen den Drachen und dessen Engel kämpft, sie besiegt und die Entscheidung zum Sturz der abtrünnigen Geister herbeiführt: Und es entstand ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel. Und sie bekamen nicht die Übermacht und ihre Stätte wurde nicht mehr im Himmel gefunden.  Off. 12,7

 

 

Mit einer Entscheidung ist in der Bibel - in der Geschichte um das Schiboleth - auch der Sch-Laut verbunden

An der unterschiedlichen Aussprache des Wortes Schiboleth, welches Strömung  bedeutet, entschied sich einst das Schicksal eines Teiles der Ephraimiter. Richter 12,4-6

 

Vorausgegangen war ein Grenzkrieg.  Feindliche Ammoniter waren zu Raubzügen aufgebrochen und in das Land der zwölf Stämme eingefallen.

Diese bildeten zu der Zeit noch kein einheitliches Reich, wie später unter König David, sondern einen föderativen, und wie sich zeigen sollte, unverbindlichen Zusammenhalt.

So hatten die Bewohner des grenznahen Gilead ihre Bundesgenossen, die Ephraimiter, zum Beistand gerufen. Diese weigerten sich jedoch zu helfen. Die Gileaditer fochten darauf den Krieg alleine aus und besiegten schließlich die Raubzügler.

Nachdem jedoch die Ephraimiter vom Sieg der Gileaditer gehört hatten, erhoben sie Anspruch auf die Kriegsbeute. Sie rückten mit einem militärischen Aufgebot an, bedrohten Jeftach, den Anführer der Gileaditer, und drängten auf Herausgabe der Beute.

Jeftach sammelte erneut seine Leute und stritt nun gegen die Ephraimiter. Auch hier blieb er siegreich und die Ephraimiter flohen. Die Leute von Gilead setzten ihnen nach und stellten sie an den Furten des Jordan.

Wer von den  Fliehenden nun ans andere Ufer gelangen wollte, sollte das Wort Schiboleth – שבלת  – Strömung sagen. 

Die Ephraimiter waren bekannt dafür, dass sie das Sch nicht richtig aussprechen konnten, sondern stattdessen ein stimmloses S sprachen, also Ssiboleth - סבלﬨ sagten. *

Wer sich durch die falsche Aussprache des Wortes Schiboleth verriet, war als Ephraimiter erkannt und wurde getötet. So wurde die Treulosigkeit im Kampf gegen die Ammoniter und die ungerechtfertigte Beanspruchung der Kriegsbeute gerächt. 

 

Das Lispeln, ihr Unvermögen, das Sch in Schiboleth zu sprechen, ist auf diese Weise mit der mangelnden Hilfsbereitschaft und dem Geiz im Verhalten der Ephraimiter verknüpft.

Im Sch ist - im Unterschied zum stimmlosen Ss -  der Ausdruck der Strömung enthalten.

Nur wer fähig war, das Sch auszusprechen, konnte die Wasser des Jordan durchqueren.

 

Das Wort Schiboleth wurde aufgrund dieses Schicksals der Ephraimiter über seinen biblischen Zusammenhang hinaus zur Metapher für eine schicksalsbestimmende Unterscheidung. Martin Buber nennt das Ich das Schiboleth der Zeit. Ich und Du, Martin Buber 

 

Der postalveolare Reibelaut, das deutsche Sch, stellt in den semitischen Sprachen einen seit altersher geläufigen Laut dar, der seit Aufkommen des phönizischen Alphabets einen eigenen Buchstaben hat, das Schin – ש.  

 

Die Griechen übernahmen zwar die hebräisch-aramäischen Buchstaben, ergänzten sie durch Vokalzeichen und kehrten später die Schreibrichtung um, aber in ihrer Sprache  gab es keinen dem Schin entsprechenden Reibelaut.

Bei ihnen wurde daher das Zeichen Schin ש in gekippter Form zum Sigma Σ, dem stimmlosen S des griechischen Alphabets.  Aus diesem entwickelte sich, nachdem die Römer wiederum die Buchstabenreihe der Griechen übernahmen das heutige S der lateinischen Schrift (...)

 

 

*Der Buchstabe Schin -ש zu Beginn von Schiboleth- שבלת - Strömung,  wird je nach Wort als Sch  wie auch als Ss ausgesprochen. Für Schiboleth giltSch. Die falsche Aussprache Ssiboleth wird im hebräischen Urtext der Bibel dargestellt, indem dem Wort anstatt des Schin ein Samech - ס vorangestellt ist, der andere hebräische Buchstabe für ein stimmloses S - סבלת. Es ergibt sich - neben der unterschiedlichen Bedeutung der Buchstabenbilder, Schin bedeutet Zähne, Samech Wasserschlange - auf diese Weise ein anderer gematrischer Wert.  

Schiboleth hat neben Strümung  auch die Bedeutung von Ähre. Vermutlich wegen der strömungsähnlichen Form der Gersten- und Weizenähre..

 

 

(C) Herbert Antonius Weiler, 2004 /2015

 

 

 

 

 

Entշeidung in der Շweiz

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