Der Jäger

 

 

Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter und fragte, wo das Spiga d'Oro sei. Er kam vom Dom her die Komödienstraße heraufgefahren. In einer älteren Mittelklasse-Toyota-Limousine, zweifarbig, grau und bordeauxrot. Das Spiga d'oro war ein in der Stadt bekanntes italienisches Restaurant am Rathenau-Park. 

Ich erklärte ihm, wie zu fahren sei, und die ungefähre  Richtung, in der es sich befindet. Ob ich nicht auch in die Richtung und mitfahren wolle und ihm dabei zum Ziel verhelfen könne. 

Die Frage war auf eine Weise arglos und zugleich intuitiv gestellt, dass ich einwilligte und einstieg. 

Tatsächlich hatte ich kein Ziel. Im Wagen fiel mir ein chinesischer Glücksbringer auf, eine kleine, daumengroße Pagode aus rotem Kunststoff mit roten Seidenfransen, die, am Rückspiegel befestigt, vor der Frontscheibe baumelte. 

Der Wagen, das Ambiente wie auch der Fahrer waren, nicht zuletzt durch das Accessoire aus dem China-Restaurant auf eine Weise gezielt unauffällig und zugleich jeglicher Zunftzugehörigkeit enthoben, dass ich ihn fragte, was er von Beruf sei. 

Er lachte und meinte, er habe einen sehr speziellen Beruf, ob ich diesen wohl erraten könne. Ich betrachtete den Glücksbringer am Spiegel und äußerte, er sei wohl kein Kaufmann, aber er habe mit Kaufleuten zu tun. Das chinesische Gefransel ließe es erkennen. 

Er wunderte sich über die Einschätzung und hatte sichtlich Freude an der Schlüssigkeit. Sie träfe zu, ob es auch noch genauer ginge. 

Es müsse wohl eine spezielle Dienstleistung sein, mit der er unabhängig sei, eine bestimmte Form des Managements womöglich, mutmaßte ich. Freelancer würde man heute sagen. Es war Mitte der 1990er Jahre und ein solcher Begriff noch nicht im Schwange.  

Nach einigen weiteren Spekulationen räumte er ein, sein Beruf sei kaum zu erraten – er sei ein Jäger. Was jagen Sie, fragte ich. Ich jage Menschen, sagte er. 

Er jage ehemalige Geschäftspartner von Unternehmern und Erfindern oder Firmenangehörige, die sich mit dem Betriebskapital oder mit Plänen davongemacht hätten. Fälle, deren Verfolgung die Polizei eingestellt habe. Diese Leute spüre er auf und stelle sie. Um auf diese Weise das Gestohlene zurückzuführen. 

Wie geht es dabei zu, fragte ich. Es ist wie ein Puzzle, sagte er, das sich fügt. 

Er würde in die Gegend fahren, in der der Gesuchte zuletzt gesehen wurde, dort herumfragen, neue Anknüpfungspunkte würden sich ergeben. Sie glauben nicht, wieviel Ihre Nachbarn über Sie wissen, meinte er, selbst in scheinbar anonymen Wohnkomplexen. 

Da habe er in der Schweiz in einem Hochhaus den Nachbarn befragt, ob er sich an Details erinnere, etwa anhand des Autos des Gesuchten. Ja, habe der Nachbar gemeint, da lag mal eine Broschüre mit Versicherungsunterlagen unter der Heckscheibe. Nun, der Mann wird wohl eine Versicherung abgeschlossen haben, habe er eingeräumt. Nein, habe der Nachbar gesagt, das habe eher so ausgesehen, als sei der Gesuchte selber im Versicherungsgeschäft tätig. Daraus ergab sich die entscheidende Spur.

In seinem Büro in Düsseldorf säße er dann abends und breite vor sich aus, was er so habe. Er betrachte dies und nähme jenes in die Hand. Und dann sei es eben wie ein Puzzle, das sich plötzlich füge. Mit einem Male wüsste er wo der Gesuchte zu finden sei. 

Und dann, fragte ich. 

Dann fahre ich dort hin, spähe ihn aus und warte, dass ich ihn in einer Situation stellen kann, etwa wenn er mit anderen im Restaurant sitze. So gelänge die Überraschung am Besten.

Er sagte, dass die Angesprochenen, nachdem sie zunächst überrumpelt wurden und sich womöglich empörten, vielfach froh seien, die Sache bereinigen zu können. Denn der Betrug sei ihnen auch eine Last.

Ob er nie Ärger hatte. Sehr selten, meinte er. Ärger käme, wenn, oft von Akademikern, Naturwissen-schaftlern und Ingenieuren. Unter diesen käme es immer wieder zu Uneinsichtigkeit und starrsinnigem Verhalten bis hin zu körperlichen Tätlichkeiten. Den geringsten Ärger machten hingegen Leute aus dem kriminellen Milieu. Diese wüssten, wann die Flucht vorbei sei, und nähmen es an. 

Auch im nichtakademischen Spektrum fiele es nicht schwer, den Gestellten zur Herausgabe des gestohlenen Geldes oder der entwendeten Pläne zu bewegen. Schließlich kämen sie auf diese Weise ohne eine strafrechtliche oder zivilrechtliche Ahndung davon. Hingegen unter den Akademikern gäbe es immer wieder mal Aufregung.

Zu dieser Tätigkeit sei er gekommen, weil einst sein eigener Geschäftspartner mit dem gemeinsamen Kapital verschwunden sei. Er habe ihn gesucht und schließlich  ausfindig gemacht. Und das Kapital habe er so zu großen Teilen zurückerhalten. Ein Bekannter, dem Ähnliches widerfahren war, fragte daraufhin, ob er gegen entsprechendes Honorar auch sein entwendetes Geld wiederbeschaffen könne. Er willigte ein und es fanden sich nach und nach weitere Interessenten. Da er erfolgreich war, stieg sein Ansehen und seine interne Bekanntheit so weit, dass er bald auch Anfragen von Industriekonzernen wie BMW oder vergleichbaren Firmen hatte.

 

Was er für ein Tierkreiszeichen sei, fragte ich ihn nach dieser Unterhaltung. Wir hatten mittlerweile den Rathenau-Park erreicht, das Restaurant befand gegenüber.  Er zeigte sich durchaus kundig.  Das sei merkwürdig, meinte er. Sein Sonnenstand und sein Aszendent seien genau die beiden Tierkreiszeichen, die ihm stets und immer wieder bei jenen begegnen, die er ausfindig zu machen habe, die sich mit Geld oder Plänen davongemacht hätten. 

Er sei Fische mit Sonnenstand und  Löwe Aszendent. Und es seien immer wieder Fische und Löwe-Geborene, die er ausfindig zu machen soll.

 

 

Seinen Aussagen nach befindet sich bei ihm die Sonne im Zeichen Fische im neunten Haus, das dem Schützen entspricht. Das Haus des beute-anvisierenden Jägers, der in stetiger Bewegung ist, um hier mit dem Urrudiment des Löwen die Beute zu umkreisen. Und dem sich im Umkreisen aus ermittelten Teilen mit der Intuition des Fisches ein Bild fügt, aufgrund dessen er sich plötzlich gewiss ist, wo die Beute zu fassen ist. 

Dabei im Sinne des Fisches mit Sonne in Haus Neun den Gesuchten ansprechend ohne ihn moralisch zu verurteilen, der Bereinigung einen Raum gebend.

 

 

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(C) Herbert Weiler 2018