Man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen,

den gemeinen Mann auf dem Markt fragen,

und den selbigen auf das Maul sehen,

wie sie reden, und darnach dolmetschen, .

Martin Luther, aus Sendbrief vom Dolmetschen, 1530

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Beschäftigen Sie sich etwas mit den vorlutherischen Bibelübersetzungen,

damit Sie über das Märchen von den Verdiensten der Bibelübersetzung von Luther hinwegkommen.

Das spukt furchbar, dass Luther ein Verdienst hat in Bezug auf die Gestaltung der deutschen Sprache.

Das ist etwas, was furchtbar spukt in den Gemütern der mitteleuropäischen Men­schen.

Wenn Sie zurückgehen auf die früheren Bibelübersetzungen, ...

so werden Sie sehen, was da früher glänzend gemacht worden ist,

gegenüber dieser Lutherischen Bibelübersetzung,

die eigentlich die Entwickelung der deutschen Sprache fürchterlich zurückgehalten hat.

Rudolf Steiner, Konferenz vom 14.1.1922, GA300b, Seite 63/64, 

 

 

 

 

 

Dem Volk aufs Maul geschaut

 

 

 

Luther hatte anlässlich seiner Bibelübersetzung proklamiert, beim Dolmetschen müsse man dem Volk aufs Maul schauen. 

Nicht etwa auf den Mund. Grobianismus sei Mode gewesen, heißt es.

Luther agierte damit in der demonstrativen Grobschlächtigkeit der Herdenanbiederung. So auch die ihm nachgesagte Empfehlung: Warum furzet und rülpset ihr nicht nach dem Essen, ...?  Unter dem Gestus der Verachtung subjektiver Befindlichkeiten kommt es dabei zur Bündelung und Spiegelung kollektiver Gemeinmachung.

 

Die Maxime, dem Volk aufs Maul zu schauen ist die andere Formulierung für sprachliche Anbiederung. Wort und Sprache wird dabei nicht als Drittes aufgefasst, als Beziehung zum Angesprochenen, der man nachgehen kann, wie es zwei Jahrhunderte zuvor noch Meister Eckhard gehalten hatte, der das Wort Wirklichkeit prägte. (als Übersetzung des lateinischen actualitas)  Vielmehr wird Sprache hier zur Reflexion subjektiver Konsensbildung.

 

Das Wort in seinem wesentlichen Sinn, das gleichermaßen vom Sprecher wie vom Angesprochenen ausgeht und zu beidem in Beziehung steht, wird hierbei nicht zugelassen.

 

Sprache kann sich nur aus der Beziehung zwischen Sprecher und Angesprochenem bilden.

Sie ist diese Beziehung.

Wird der Gebrauch der Sprache zum Bestimmenden seiner selbst herangezogen - ausgesagt mit dem Satz, dem Volk aufs Maul zu schauen - so verkommt Sprache zum Spiegel subjektivistischer Übereinkünftelei. Sie wird gemein. Sie erschließt nicht mehr Öffnung und Weg.

 

Die Neigung zum Grobianismus soll dabei Inhalt, Schärfe und Stringenz des Dialogs ersetzen und zugleich volksnahe Bodenständigkeit suggerieren.

So etwa wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Talk-Show bekundet, es sei ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mit der Türkei einen Flüchtlingsvertrag auszuhandeln. Ungewohnt klare Worte lobte der Spiegel dann auch diesen Teil der Rede.

Freilich ist das rhetorische Wagnis nicht allzu groß, nachdem zuvor schon in gehäufter Weise TV-Moderatoren und Politiker mit dem Adjektiv verdammt ihre Rede zu dramatisieren pflegen.

 

Die neue Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Andrea Nahles hat sich nach der verlorenen Wahl und dem angekündigten Wechsel in die Opposition nun vermessen. Sie hat den Bereich des gesitteten Grobianismus verlassen, indem sie zur zukünftigen Rolle der Partei, gegenüber den scheidenden Kollegen im Regierungsgeschäft, äußerte, ab morgen gibt es auf die Fresse.

Das führte zu Empörung und Nahles erklärte, die Wendung sei witzig gemeint gewesen. 

 

 

Der Zeitpunkt der Äußerung ist der 27.09.2017 um 15:45 Uhr

in Berlin.

Mit dem Verbundsherrscher Jupiter, aus Haus Elf in Haus Neun stehend, soll hier offenbar etwas neu gefügt werden. Andere Saiten werden aufgezogen.

Basis und Durchführung betreffen mit dem Pluto am Aszendenten im Steinbock, und Saturn-Mond im zwölften Hauses mit Quadrat zu Merkur in Haus Acht, die Maßstäblichkeit eines zuvor abgewiesenen, von der Wählergunst verlassenen Kollektivs, der Partei, die auf eine neue Richtung gekämmt werden soll. 

Mit dem Ergebnis von Venus-Mars in Haus Acht hat man sich vorerst in die Nesseln gesetzt.

Venus-Mars stehen dabei im Spiegel zu Pluto in Haus Eins und Neptun in Haus Zwei. Die Revierschwäche, die hinzunehmen wäre, wird über die Haltung der Trutzgemeinschaft - nicht ohne Zwang, wie Sonne-Merkur anzeigt - und der damit verbundenen vermeintlichen kollektiven Stärke verdrängt. 

Offenbar soll hier die Entscheidung für den Gang in die Opposition grundsätzlich gemacht werden.

 

                                                                                    ...

 

 

 

- Nahles, geboren am 20.06.1970 auf 28° Zwillinge geht derzeit, im Alter von 47,5 mit dem Sonnenstand pro Jahr /ein Grad in den Orbis von 10,5° Stier - Venus-Pluto nach der Münchner Rhythmenlehre - dem Tag der Arbeit, der Gewerkschaften, der Massenversammlung und des Gebrülls. Sie hat sich hinreißen lassen.

 

- Bei ihr scheint die Äusserung aber weder von Strategie noch von Anbiederung geprägt.

 

- Das stimmt. Sie meint sich in einem Konsens zu bewegen. Geprägt wurde er von anderen.

  

- Der Grobianismus des im Zeichen Skorpion geborenen Luthers ist eine Attitüde, die sich in einschlägiger Weise hin und wieder bei den Vertretern der Tierkreisphase findet. Der Autor Harry Rowohlt ist hier ebenso illustres Beispiel wie der Liedermacher Wolf Biermann, der bei Schilderung seiner Biografie kaum einmal zu erwähnen vergisst, er habe den Sozialismus, wahlweise die kommunistische Religion oder Heinrich Heine bereits mit der Muttermilch gesoffen. Was den Spötter Wiglaf Droste zu der Bemerkung veranlasst: Klar doch - gesoffen und nicht etwa getrunken. 

 

- Vielleicht wird diese Tierkreisphase daher im chinesischen Tierkreisreigen als Schwein  wahrgenommen.

 

- Es soll etwas abgeschnitten werden. Die Verachtung des Subjektiven gerät in den Dienst des Kollektivs. Die Distanz und Wachsamkeit des Skorpions ist dabei zugunsten der Gemeinmachung aufgegeben, die gleichsam gebündelt vorgesetzt wird, die zum Programm wird.  

 

- Hier wäre Loriot ein Gegenbeispiel.

 

- Auch Erasmus von Rotterdam. Er widersprach Luthers Verneinung des freien Willens, formulierte die Wahlfreiheit des Einzelnen und wollte zudem am Dialog festhalten. Er wies auf die Widersprüchlichkeit der lutherischen Behauptung hin, wonach durch Gottes Allwissen die menschliche Entscheidung vorbestimmt und der Wille daher nicht mehr, als Ton in der Hand des Töpfers sei.

Erasmus: Was ist dann der Mensch noch wert (...) wenn Gott so in ihm wirkt, wie er auch in einem Stein hätte wirken können?  Religion und Ethik verlören dann jeglichen Sinn: ...was kann uns dann noch als gut oder böse angerechnet werden?  Es kam zum Streit.

Luthers wenig stringente Entgegnung, derartige Schlüsse seien zur Erkenntnis Gottes untauglich, mit dem Menschen und seinem Willen verhalte es sich wie mit einem Pferd, auf dem entweder Gott oder der Satan reiten würde, mündete letztlich in Beschimpfungen: Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.

 

- Erasmus warnte Luther vor Verhärtung und Sturheit. Die kraftprotzende Rhetorik und der Behauptungseifer  K. Flasch missfielen ihm. Er prophezeite, der auf diese Weise geführte Streit würde in Gewalt ausarten und zum Krieg führen. Der dann auch eintrat.

 

- Zugleich widersprach Erasmus dem Anspruch einer geistigen Überlegenheit des Klerus. Der Dialog und die damit verbundene Würde des Einzelnen waren ihm ein wesentliches Anliegen.

Im Zeichen Skorpion geboren, mit dem Aufgang in der Waage und der Sonne im ersten Haus, steht er mit seiner Person dafür. Daher richten sich die Angriffe Luthers auch letztlich gegen diese.

 

- Erasmus legte nahe, den Begriff des Logos aus dem Beginn des Johannes-Prologs anstatt mit verbum -Wort  - mit dem beziehungsreicheren sermo ins Lateinische zu übersetzen, was zugleich Rede, Dialog, Sprache und Gespäch bedeute. Er bezog sich dabei auf Tertullian und Cyprian, die, möglicherweise aus einem im zweiten und dritten Jahrhundert noch präsenten hebräischen Kontext der Evangelien, so geurteilt hatten.

So findet sich in der Peschita, einer auf das erste Jahrhundert zurückgehenden aramäischen Bibelfassung, das aramäisch/hebräische Wort miltha, hebräisch mila, anstelle des griechischen logos im Prolog des Johannens. An dem hebräischen Begriff Mila - Wort - wird dasWort als das Begrenzende und das Erfüllende, das Gegenüberschaffende zwischen Subjekt und Objekt deutlich.

Mila geht auf die Wurzel mul -gegenüber, zurück. Darin ist das Bedeutungsspektrum von Begrenzung, Zwischenraum, Gegenüber, Bündnis, Füllung, Wort und Beziehung  enthalten.

Martin Bubers Schrift Urdistanz und Beziehung  widmet sich diesem Thema des Gegenübers als Grundlage und Ergebnis des Zwiegesprächs.

 

 

 

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