Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.

Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.

Finsternis über Urwirbels Antlitz.

Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser

Genesis 1,1, Übestzung Buber / Rosenzweig

Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.

Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt,

und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer,

die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.

Apostelgeschichte 2,1

 

 

 

Die Fünfzig und der Buchstabe Nun   נ 

 

 

Es ist das Wasser, welches das Erlebnis des Nichtfassbaren vermittelt. Wenn wir ins Wasser fassen, können wir nichts ergreifen. Es berührt und umfliesst die Hände, aber ergreifen läßt sich nichts, nur zu schöpfen ist das Wasser.

Präsenz und Formlosigkeit zeichnen gleichermaßen sein Wesen aus. 

Der Fisch ist es, der aus dem Wasser entgegenkommt. Er ist im Wasser zu erkennen. Er wohnt im Nichtfassbaren, kaum fassbar, verflüchtigt sich, wird fassbar erst im Netz, wenn er aus dem Wasser hervorkommt.

 

Der Fisch im Wasser deutet das noch im Ungeteilten Wartende an. Es will an-wesend werden. Es wartet auf seinen Anfang. 

Hier wird das Wort fangen in Anfang sinnfällig. Es steht im Zusammenhang mit Fähigkeit, von dem  mittelhochdeutschen Wort fahen. Ursprünglich bedeutet es fassen, greifen, fassbar machen.   

 

Vielleicht verweist das Worte Fisch auf ein Fassen oder Erfassen hin, welches als elementares Prinzip nur in Bezug zum Nichtfassbaren, dem Wasser, artikulierbar ist. 

Der Fisch als das, aus dem Unfassbaren Hervorkommende. Prinzip des Anfangs. 

So auch das astrologische Zeichen Fische als Beginn der oberen Bewegung des Tierkreises, dem Weg der Fügung (Wolfgang Döbereiner) vom Zeichen Fische, dem Wesenhaften, hin zum Zeichen Waage, der Gegenwart.

(...)

 

Das Zeichen Mem - מ der hebräischen Buchstabenreihe steht für die Vierzig, es bedeutet auch Wasser.

Mem - מ, die Vierzig, das Wasser, hat ebenso wie die Vier, Daleth -ד , die Tür, und die Vierhundert, Thaw - ת , das Kreuz, einen Bezug zur Zeit.

Es sind bestimmte Zeitspannen in der Bibel, die mit der Vierzig bzw. mit der Vierhundert bemessen werden.

Die vierzig Jahre der Wanderung durch die Wüste, die vierzig Tage am Sinai, die rund vierhundert Jahre im Exil, vierzig Tage, die Jesus in der Wüste fastete, vier Tage, die Lazeraus schon im Grabe lag, als Jesus ihn vom Tode erweckte.

Diese Zeitspannen zeichnen sich dadurch aus, dass sie vor einen neuen Anfang gestellt sind.

Nach den vierhundert Jahren in Ägypten treten die Israeliten erstmals als Volk hervor. Nach den vierzig Tagen am Sinai erhalten sie die Thora, nach den vierzig Jahren in der Wüste erreichen sie das gelobte Land.

Der hebräische Buchstabe Nun - נ, der Fisch, Zahlenzeichen für die Fünfzig, folgt dem Mem - מ, Zahlenzeichen für die Vierzig, welche für das Wasser steht. 

 

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Die Fünfzig, das Nun, bedeutet Anfang.  

So kam es, gemäß der Thora, nach einer Periode von 49 Jahren im fünfzigsten Jahre, dem sogenannten Jobeljahre, zu einem allgemeinen Neuanfang des Wirtschaftslebens. Der Mensch sollte von allen entstandenen Abhängigkeiten frei werden und neu beginnen können.

Dies geschah unter Ausgleich der sozialen Unverhältnismäßigkeiten und Rückgabe aller erworbenen Besitztümer an die ursprünglichen Eigner.

Auch wird im Judentum am fünfzigsten Tage nach dem Beginn des Pessach-Festes Schawuoth gefeiert, das Fest der Übergabe der Thora am Sinai. 

Damit war, so die Bedeutung des Festes in der jüdischen Tradition, erstmals jeder Einzelne persönlich durch Gott angesprochen. 

Anders als noch in den kollektivistischen Kulturen des Priester- und Gottkönigtums, wie noch in Ägypten und bei den anderen Völkern, wendet Gott sich mit der Thora an den Einzelnen, der fortan in einer persönlichen Beziehung steht, heraustretend aus dem Kollektiv.

 

Es war das Fest Schawuoth, zu dem sich die Jünger Jesu versammelt hatten, als sich der Heilige Geist auf einen jeden von ihnen herabsenkte. 

Von einem Brausen vom Himmel her, das zuvor das ganze Haus erfüllte, berichtet die Apostelgeschichte.  Das hebräische Wort Ruach für Geist, aber auch Wind, wird hier ursprünglich verwendet worden sein. Es kommt schon im Anfangs-Vers der Genesis vor, wo es heißt, Der Geist Gottes schwebte über den Wassern, von Buber und Rosenzweig übersetzt: Braus Gottes war schwingend über dem Antlitz der Wasser. Gen. 1,1

 

Dieses Ereignis an Schawuoth wurde dann bei den Christen zum  Pfingstfest (Pfingsten, von griechisch Pente koste = fünfzigster). 

Ein eigener Geist bedeutet, einen eigenen Anfang zu haben (Romano Guardini), aus eigener Bewegung in Beziehung treten zu können. 

Daher wird  in der jüdischen Mystik  der Buchstabe Nun und seine Zahl, die Fünfzig, mit der Individuation assoziiert. 

 

Der Segen Jakobs den er seinen Enkeln erteilt, sie sollen sich mehren im Lande inmitten wie die FischeGen. 48,16,  erhält darin seine wesentliche Deutung.

 

 

Der Fisch, aus dem Wasser hervorkommend, das noch nicht Fassbare zum Anfang bringend, stellt das Prinzip des Werdens dar. Dem, was noch nicht ist, wird durch den Fisch Existenz zuteil, es tritt heraus, wird ein Seiendes.  

Der Fisch ist die Mittlung, die Beziehung, die der Existenz innewohnt.

Die Grundaussage der Existenz lautet: Ich bin oder Du bist oder Es ist. 

Die Aussage enthält zwei Glieder: die Benennung des Seienden, Du, Ich, Es, und die Benennung des Seins des Seienden, nämlich, dass es ist

 

Es ist ein Ergebnis des griechischen Denkens, dass das Sein des Angesprochenen in der Sprache Ausdruck findet und das Angesprochene dadurch eine Gegenwart erhält, getrennt vom Subjekt, ihm  gegenüber, Objekt des  Denkens. 

 

Der Fisch stellt die Beziehung, den Angelpunkt der beiden Glieder der Existenz dar. 

Das hebräische Wort השמים - haSchamaim, welches in der Genesis gemeinhin mit der Himmel übertragen wird, bedeutet wörtlich: die dortigen Wasser.  

Das Nun kommt aus den dortigen Wassern. Es ist der Anfang des Seienden aus dem Nichts.

 

Heidegger nennt das Verhältnis der beiden Glieder zueinander das Ereignis.

Im Ereignis haben sich, so Heidegger, die beiden Glieder der Existenz einander zugeeignet und vereignet.

 

Das Ereignis ist wie das Knie, durch das sich die Bewegung des Oberen dem Unteren mitteilt.

Das Knie bildet das Gelenk, den Angelpunkt, zwischen Ober- und Unterschenkel. 

Es ist der Angelpunkt von Bewegendem und Bewegtem. 

So wie die Mitte, die Scheidung zwischen Wachs und Siegel, das Bild ermöglicht, und damit den Sinn von Wachs und Siegel enthält, Anfang und Ende des Zusammentreffens beider darstellt, so ist der Sinn der Glieder die Bewegung. 

 

Das Knie als Ausdruck der eigenen Bewegung. Hier erklärt sich die indogermanische Wortverwandtschaft von Knie - genu  und Zeugung, Geburt oder Geschlecht - gen.  Die griechischen Begriffe der Genesis, der Schöpfung, wie auch der Kinesis, der Bewegung, stehen in diesem etymologischen Zusammenhang.   

 

Bei den Germanen soll es Brauch gewesen sein, dass der Vater sein neugeborenes Kind willkommen hieß, segnete, indem er es auf sein Knie setzte. 

Ähnlich verhält es sich im Hebräischen, wo das Wort für Knie, berech  - ברך, und das Wort für Segen, bracha – ברכה , dieselbe Wurzel bilden.  

Josef Beuys äußerte sich zu diesem Zusammenhang mit der Bemerkung: Ich denke sowieso mit dem Knie!

(...)

 

Der babylonische Astrologe Berossos, berichtet von einem göttlichen Heilsbringer namens Oannes, der allmorgendlich in Gestalt eines Menschen und zugleich eines Fisches aus dem Meere entsteigt, um die Menschen in den Grundlagen der Kultur, im Ackerbau, in der Architektur, der Schrift und der Künste zu unterweisen. Abends kehrt er wieder ins Meer zurück.

(...)

 

 

Dies ist ein Textauszug aus dem Buch

Von den Hundertdreiundfünfzig Fischen      >>

 

 

(C) Herbert Weiler 2014