N e u r o p a r a s i t e n 

 

Wenn eine Ameise die  Larven des Kleinen Leberegels  aufgenommen hat, ändert sich ihr Verhalten.

Sie verläßt ihre gewohnte Umgebung und Tätigkeit um abseits einen  Grashalm zu erklimmen. An der äußersten Spitze beisst sie sich fest.

Ein Kieferkrampf läßt sie dort verharren, bis sie von einem Weidetier, meist von einer Ziege, einem Schaf oder einem Rind, gefressen wird. Dadurch gelangt der Kleine Leberegel in seinen Zielwirt.

In dessen Gallengängen kann sich der Parasit aus der Gattung der Saugwürmer nun zum adulten Exemplar auswachsen. 

Er produziert wiederum Larven, die über den Darm der Tiere ausgeschieden werden. Auf der Wiese werden diese von Schnecken aufgenommen, wo sie ein weiteres Stadium erreichen. Die Schnecke scheidet sie dann in kleinen Schleimballen wieder  aus, welche von der Ameise, als zweitem Zwischenwirt, aufgenommen werden, wo sie dann jene, für die Ameise tödliche Verhaltensänderung bewirken, mit der der Parasit zu seinem Zielwirt, der Ziege, gelangt.

 

Die Prägnanz dieses Vorgangs ließ die Frage aufkommen, ob es noch andere, ähnliche Formen der Fremdsteuerung gibt.

Man entdeckte eine ganze Reihe von Parasiten, die eine ähnlich differenziert gesteuerte Verhaltensänderung bewirken.

 

So veranlasst ein anderes Exemplar aus der Gattung der Saugwürmer im Pazifik lebende Killifische, die die Larven aufgenommen haben, zur Wasseroberfläche zu schwimmen, und dort allerlei auffällige Drehungen und Manöver zu vollziehen, bis sie von Seevögeln gefressen werden, dem Zielwirt des Wurms.

 

Erstaunlich ist, dass auch viel primitivere, parasitäre Lebensformen derartig gezielte Änderungen des Verhaltens beim Wirt bewirken können.

So bei einer Ameisenart, deren Nester sich im Baumkronenbereich tropischer Wälder befinden, dort wo es sonnig und trocken ist. Nimmt eine der Ameisen an ihrem Chitinpanzer Sporen des Pilzes Ophiocordyceps unilateralis  auf, so bildet dieser einen Faden, der in ihr Gehirn vordringt und von dort ihr Verhalten diktiert.  Sie beginnt den Baumkronenbereich zu verlassen um den Stamm hinab, zum dunklen und feuchten Wurzelbereich zu klettern, dorthin, wo sich dem Pilz die idealen Lebensbedingungen bieten. Hier bringt  er die Ameise dazu, die Unterseite eines Blattes aufzusuchen und sich festzubeissen. Erst jetzt schüttet der Parasit ein Gift aus, das die Ameise tötet, woraufhin der Kadaver als Substrat des Pilzes dient, der schließlich aus dem  Kopf heraus den Fruchtkörperstiel bildet. Auf diese Weise können ganze Kolonien von toten Ameisen gefunden werden, die sich wie Friedhöfe ausnehmen. 

Als Zombie-Pilz  wurde der Parasit von Insektenkundlern und Medien bezeichnet. In einer Dokumentation der BBC von 2006 >>  kann man die sichtbar fremdgesteuert-taumelnden Bewegungen erkennen,   mit der die Ameisen sich den Stamm hinab in Gang setzen, nachdem der Pilz ihr Gehirn infiltriert hat.  Pilz macht Ameisen zu willenlosen Zombies >> oder ähnlich titelten einige Nachrichtenmagazine.

Trotz der taumelnden Bewegungen der infizierten Ameise ist die Fremdsteuerung verblüffend präzise. So beißt sie sich stets zielgenau in einer Blattader fest, das Blatt wird  von Norden her angesteuert und befindet sich meist in 25 cm Höhe über dem Waldboden.

Es ist ungeklärt, wie der Pilz diesen differenzierten Verhaltenszwang ausüben kann.

 

Ähnliches bewirkt auch ein anderes Exemplar der Gattung Cordyceps, der in der tibetischen und chinesischen Medizin seit dem Mittelalter bekannte Chinesische Raupenpilz, Cordyceps sinensis.

Dieser veranlasst die von ihm befallene Raupe, über den Winter, eine, ihm zuträglichere, geringere Tiefe im Boden aufzusuchen, als unbefallene Raupen und benutzt sie ebenfalls als Substrat. Er wächst in ihr heran bis von der Raupe nur noch eine Hülle übrig ist, gefüllt mit dem Myzel des Pilzes, um  schließlich ebenfalls aus ihrem Kopf herauswachsend den Fruchtstiel zu bilden.  Die getrockneten Raupenhüllen mit dem Pilz gelten in der tibetischen und chinesischen Medizin als Vitalisierungsmittel. Seit zwei erfolgreiche chinesische Sportlerinnen öffentlich bekundeten, den Pilz einzunehmen, hat sich der Preis pro Kilo, der  in den 1990er Jahren noch 7 Euro betrug, auf derzeit  5000 Euro gesteigert.

 

 

 

Toxoplasmose Gondii

 

Der bislang einzige bekannte Neuroparasit, der auch höhere Säugetiere zu fremdgesteuerten Verhaltensänderungen bewegen kann ist Toxoplasmose Gondii, der Verursacher der Toxoplasmose.

Ein parasitärer Einzeller,  dessen Zielwirt Katzen sind, da er sich nur in Katzen geschlechtlich vermehren kann.  

Ratten und Mäuse, die seine Larven aufgenommen haben, verlieren  ihre Angst beim Geruch von Katzenurin, die sie sonst Reißaus nehmen läßt. Von Toxoplasmose befallen fehlt ihnen nicht nur die lebensrettende Furcht, sondern sie nehmen den Uringeruch der Katzen als sexuell verlockend wahr. Derart gesteuert in der Nähe von Katzen verbleibend oder diese gar aufsuchend, werden sie zur leichten Beute, womit der Toxoplasmoseerreger in seinen Zielwirt gelangt.  Die Beeinflußung, die den sinnigen Namen fatal attraction erhielt,  ist so differenziert, dass sie sich nur gegenüber Katzen auswirkt, der Uringeruch von Mardern und anderen Raubtieren, zu deren Beute Ratten und Mäuse gehören,  läßt die Nager nach wie vor die Flucht ergreifen.

 

Diese differenzierte Wirkung auf Säugetiere warf die Frage auf, inwieweit Toxoplasmose beim Menschen Verhaltensänderungen hervorrufen kann.

Mittlerweile gibt es eine Reihe von  Studien dazu. Es ergab sich eine vermehrte Unfallhäufigkeit, ein höheres Selbstmordrisiko und eine größere Häufigkeit von Depression, wie auch von Schizophrenie bei bei Antikörperträgern, bzw. Toxoplasmosebetroffenen.

 

Auch unterschiedliche Wirkung bei Männern und Frauen wurden beobachtet, toxoplasmosebetroffene Frauen sollen kontaktfreudiger und redseliger sein, Männer zurückgezogener, allgemein scheint eine größere Bereitschaft zu Schuldgefühlen zu bestehen. 

Auch können sich, bei der Erstinfektion, trotz anschließender lebenslanger Immunität, Zysten gebildet haben, die Entzündungen hervorrufen. Einige der Theorien, die sich dem Zusammenhang von Schizophrenie und Toxoplasmose widmen, der in über 40 Studien nachgewiesen wurde (Stand 2013), erklären diesen durch Zysten im Gehirn, die Entzündungen verursachen.

Es gibt auch eine Studie, die eine Kongruenz von Katzenhaltung und Schizophrenie aufzeigt. So ist die Erkrankung in kulturell abgeschlossenen Gesellschaften,  in denen  traditionell keine Katzen gehalten werden, etwa in Papua Neuguinea, siginifikant selten. 

 

Gewöhnlich verläuft die Toxoplasmose beim Menschen vordergründig symptomlos. Nachweisbar ist sie dann nur anhand der Antikörper.  Bei geschwächtem Immunsystem können sich grippeähnliche Symptome zeigen. Bekannt ist die Gefährlichkeit einer Erstinfektion bei Frauen während der Schwangerschaft, da es zu Fehlgeburten und späteren Behinderungen des Kindes kommen kann.

 

 

Die Toxoplasmose ist -  daher unbemerkt -  beim Menschen überaus weit verbreitet. In Europa sollen 50% der Bevölkerung  infiziert sein, in einigen Ländern, wie in  Tschechien, sogar 90%. In den USA sollen es hingegen nur 22% sein.

Das wirft die Frage auf, wieweit der Toxoplasmoseerreger an Charakter und Kultur einer Gesellschaft beteiligt ist.

 

 

 

Cordyceps und Claviceps

 

Ein unmittelbarer Verwandter  des Insekten-Parasiten Cordiceps, der Ameisen und Raupen fremdsteuern kann,  ist der Pflanzen-Parasit Claviceps, der Mutterkornpilz, der den Roggen befällt und der, wenn er vom Menschen verzehrt wird, Halluzinationen, Krämpfe und Durchblutungsstörungen hervorruft - den Ergotismus, eine Erkrankung, die im Mittelalter Ignis Sacer, (Heiliges Feuer)  oder Antoniusfeuer  genannt wurde - und aus dem das LSD entwickelt wurde.  

 

Das LSD, welches 1943 entdeckt wurde, kam um das Jahr des Epochenwechsels von 1967 (Übergang über den Kardinalpunkt  0° Krebs nach Wolfgang Döbereiner),  zu einer beträchtlichen gesellschaftlichen Bedeutung. Es war, neben Cannabis, die Droge der neuen Drogenkultur, die im Wesentlichen von der us-amerikanischen Westküste im Zuge der Flower-Power-Bewegung ausging, verbunden mit dem Topos von der Bewußtseinserweiterung.

Der Kosum von LSD war Kult und nahm teils religiöse Erscheinungsformen an. LSD-Sakrament wurde zu einem Begriff,  apostuliert von Th. Leary.

Eine bewußtseinsverändernde Droge die aus einem parasitären Pilz gewonnen wird, dessen verwandter Gattungsvertreter  befallene Raupen und Ameisen in fataler Weise manipulieren kann, und  die am Schwingungsknoten einer Epoche einen kulturprägenden Einfluss ausübt,  macht nachdenklich.

 

 

Ein Zoologe in Basel, Hans Peters, wollte 1948 Kreuzspinnen beim Aufbau ihrer Netze beobachten. Da diese ihr Geschäft meist nachts betreiben und sich nicht gerne dabei beobachten lassen, war er es leid, so lange wach zu bleiben und fragte einen befreundeten Pharmakologen, Peter Witt, ob er ihm nicht ein Amphetamin geben könne, nicht etwa für ihn, sondern für die Spinnen, damit diese regsamer werden und bequemer zu beobachten seien.  

Der Pharmakologe nahm sich der Sache an und  begann damit, den Spinnen in Zuckerwasser gelöstes Coffein zu verabreichen. Diese waren daraufhin jedoch nicht mehr in der Lage vernünftige Netze zu weben, auch mit anderen Amphetaminen produzierten sie ungeordnetere bis völlig chaotische Gebilde. Auch die Verabreichung von Cannabis machte die Spinnen unfähig für einen angemessenen Netzbau.

 

Merkwürdigerweise trat mit der Gabe von LSD das Gegenteil ein: im Unterschied zu allen

anderen Drogen gerieten die Netze der Spinnen mit LSD zu ungewöhnlicher, nie beobachteter Präzision.

Man legte  Testreihen an, in denen die Winkelregelmäßigkeit der Netzverbindungen  als Parameter diente um damit den Anstieg der Präzision unter LSD-Einwirkung  messbar zu machen. Diese nahm stetig zu,  bis zu einer gewissen Dosis. Dann schien eine Toxizität errreicht zu sein, ab der sie wieder abnahm (Albert Hofmann, LSD - mein Sorgenkind, dtv)

Auch wurde der Hang zur Perfektion offenbar so vorrangig, dass die Spinnen mit ihren Netzen dann nicht mehr fertig wurden.

Es ist nicht berichtet, ob man den Spinnen auch naturbelassenes Mutterkorn gegeben hat.

Die Wirkung des Mutterkorn-Derivats LSD auf die Kreuzspinne, perfektere Netze zu bauen,  gibt, angesichts der manipulierenden Wirkung des verwandten Parasitenpilzes Cordiceps, der Ameisen und Raupen in den Untergang steuert und als Substrat benutzt, zu denken.

Dies ist denn auch der Unterschied zu allen anderen Drogen, die man den Spinnen verabreicht hatte: der Grundstoff des LSD wird von einem Parasiten gebildet, auf alle anderen Drogen traf das nicht zu.

 

Es stellt sich die Frage, welches Interesse der Mutterkorn-Parasit an der höheren Präzision der Netze von Kreuzspinnen hat.

Und ob die bekannte,  bewußtseinsverändernde Wirkung des Mutterkorns - als auch seines Derivats - beim Menschen, eine ähnliche Komponente der gezielten Fremdsteuerung enthält, wie sie sich im, durch LSD induzierten Perfektionszwang beim Netzbau der Kreuzspinne offenbart.

 

 

Internet

 

Im Zuge Kultivierung des LSD-Konsums innerhalb der Flower-Power-Bewegung gegen Ende der 1960er Jahre, ausgehend von der amerikanischen Westküste, mit dem Zentrum San Franzisko,  entwickelte sich von dort aus auch eine spezielle Kunstform,  die in ihren Ausprägungen eine Entsprechung  zum Detailperfektionismus der unter LSD-Einwirkung gewobenen Spinnennetze erkennen läßt ,  die Psychedelische Kunst.

Deren Vertreter pflegten die  Einnahme von LSD, oder anderen bewußtseinveränderndern Drogen, um die dadurch gewonnenen Eindrücke in ihre Malerei einfließen zu lassen. Die Bilder erscheinen dabei geprägt von einem  detailbesessenen Perfektionszwang, der gleichsam thematisch bedingt war.  Zum Stilmerkmal wurden  ornamentale, kaleidoskopartige Strukturen, vielschichtige Symetrien, Paisley-Muster, wie auch labyrintartige Figuren, die sich teilweise in den Details immer weiter zu wiederholen scheinen, Strukturen von Strukturen in Strukturen, ähnlich bestimmten Visualisierungen aus der Mathematik (Mandelbrot-Menge). 

Die Psychedelische Kunst wurde zum gestalterischen Zeichen der Bewegung, ihre Rezeption in Form von Plattencovern oder Musikvideos hielt Einzug in die Alltagskultur  der 1970er Jahre.

 

Sie stand dabei in Korrespondenz und wechselseitiger Beeinflussung mit einer anderen Entsprechung, mit der  rasanten Entwicklung der Computertechnik, die von der gleichen Region  ausging, ebenfalls an der amerikanischen Westküste startend, deren Inbegriff später das Silicon Valley südlich von San Franzisko wurde.

Die virtuelle,  digitale Welt zeigt eine Wandlungsform der Drogenkultur und der mit ihr verbundenen Bewußtseinsokkupation und Exkarnation. Sie stellte das Substrat der neuen Form von Technokratie, was durchaus dem Selbstverständnis und den Legenden entspricht. So propagierte Timothy Leary, eine der Leitfiguren der LSD-Kultur, die digitale Welt als "New LSD" und als  "besser als  LSD". NZZ, April 1992

 

Die Ornamente und Fraktale der Psychedelischen Bildnerei konnten am Computer  dichter und präziser generiert werden, als es mit Pinsel und Farbe möglich war.  Auf diese Weise eroberten psychedelische Grafik-Gewebe als Bildschirmschoner Arbeitsplätze und Wohnzimmer.

Die LSD-induzierte Psychedelische Kunst verlief parallel und entsprechend zur Entwicklung  jener verselbständigten, funktionalen Spielwiesen, aus denen sich die  kalifornischen Anfänge der Computerkultur entwickelte, die digitale Eroberung,

in deren Folge schließlich das Internet entstand

Jenes Netz, dessen Rolle vielleicht ahnen läßt, welche Bewandtnis es  mit der  fremdgesteuerten Präzision beim Netzbau von  Spinnen unter LSD-Einfluß haben könnte.

 

 

 

 

 

LSD und Netzbau         >>

Die Etablierung des Internets

im Horoskop der LSD-Entdeckung

 

 

 (C) Herbert Weiler 2016

 

 

 

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Dies ist ein Textauszug. 

Der gesamte Essay findet sich in dem  Buch: Sterndeuter aus dem Osten / Essays und astrologische Betrachtungen >>