Der Buchfink

 

 

Die Katze, die immer zu Besuch kommt, hatte einen Vogel geschlagen. In der Nachmittagssonne hatte sie sich auf dem Rasen niedergelassen. Ruhig, saß sie im Gras. Beim Näherkommen bemerkte ich neben ihr den Vogel, ebenso ruhig saß er dort. Beide schauten in die gleiche Richtung, der Mittagssonne zugewandt. Ein seltsames Paar. Ein Schrecken war über ihnen. 

Der Vogel ließ sich widerstandslos in die Hand nehmen, seine Augen waren offen und blickten mich an. Als ich ihn umdrehte, war am Bauch eine klaffende Wunde zu sehen. Groß wie ein Daumennagel. Offenbar war er in einem Schockzustand. Und die Katze saß daneben. Ohne sich weiter mit ihm zu beschäftigen. Fast, als hätte sie ein Bewusstsein ihrer Tat.

 

Ihre Leute wohnen am anderen Ende der kleinen Straße, einige Häuser weiter unten am Hang, nicht in unmittelbarer Nähe. Sie besucht gerne reihum die Nachbarschaft. Bei denen, die ihr gewogen sind, hat sie sich heimisch gemacht. Sie erhält dort Futter und übernachtet gelegentlich. In letzter Zeit häufiger, nachdem ihre Besitzer sich einen Hund zugelegt hatten. Seitdem hält sie sich, wie es scheint, fast nur noch bei den Häusern am oberen Hang auf. Sogar eine Katzenklappe, die einst wegen eines längst verstorbenen Familienkaters eingerichtet worden war, wird von ihr benutzt.

 

Sie ist sehr unternehmerisch, ein ausgeprägt eigenständiges Wesen. Einige hielten sie zunächst für einen Kater. Aber bei weiteren Begegnungen, stellte sie sich als Katze heraus. Das Fell braun und weiß gescheckt, mit blauen Augen. Sie hat ein Schicksal. Aus Südfrankreich wurde sie mitgebracht, wo man sie aus einem verwaisten Swimmingpool gezogen hatte. Sonst wäre sie ertrunken.

Meist kommt sie unbemerkt durch die spaltweit offene Terrassentür ins Haus, grüßt kurz, geht zum Trockenfutternapf und legt sich dann zum Schlafen in den Schaukelstuhl auf der Galerie. Am Abend zieht sie wieder los, vermutlich zu ihren Freunden nebenan. Das geht schon etliche Jahre so.

 

Der Vogel, ein junger Buchfink, lag völlig regungslos auf dem Rücken in meiner Hand. Er sah mich an. Jemand könnte fragen, ob er an einer solchen Verletzung nicht ohnehin sterben würde und ob man nicht verpflichtet sei, sein Leiden zu beenden.

Das ist halt, was einem in den Sinn kommt, weil es zu solchen Situationen gesagt wird. Aber so, wie der Vogel  mich wachen Auges anschaute, war es ausgeschlossen. Ich nahm ihn mit ins Haus und stieg die Treppe zum Giebelzimmer hoch, wo das Nähzeug meiner Schwester deponiert war. Sie war im Mai verstorben. Nur war  es September. Sie hatte mir das Haus hinterlassen. In der Schublade des Schränkchens fand ich eine feine Nadel, in der noch ein Faden steckte. Der Vogel lag noch immer regungslos, mit dem Bauch nach oben in meiner Hand. Ich legte ihn genau so auf die Fensterbank, wo viel Licht war. Auch hier regte er sich nicht. Es galt nun unter dem Federkleid den Rand der Wunde zu finden. Unmittelbar am Rand, so wusste ich aus einer früheren, ähnlichen Begebenheit, ist die Haut schmerzunempfindlich wegen des Wundschocks. Diesen Bereich muss man treffen, da nur dort das Einstechen der Nadel und das Durchziehen des Fadens schmerzlos möglich ist. Sticht man zu weit, tut es dem Vogel weh und er zappelt. Hier ging es relativ problemlos. Ein Stich hin, dann von der anderen Seite des Risses ein Stich her, und noch einmal hin und her. Nicht mehr als viermal, dann konnte die Wunde zusammengezogen, der Riss geschlossen und der Faden verknotet werden.

Der Vogel hatte sich die ganze Zeit, vom Auffinden bis zum Zusammenziehen der Naht, nicht bewegt. Nur geschaut und mit den Augen geblinzelt. Als aber die Wunde geschlossen war, begann er sofort unbändig zu zappeln. Er entwand sich der Hand und flog in eine Ecke des Zimmers. Das war das Erstaunliche.

 

Er flog tatsächlich los. Ich musste ihn fangen, allein um die Enden des herabhängenden Fadens noch abschneiden zu können. Das war nicht einfach, da er sich nun heftig bewegte, sogar mit dem Schnabel zu beißen versuchte und offenbar unbedingt freikommen wollte. Da ihm der Flug durchs Zimmer scheinbar keine Schwierigkeiten machte, öffnete ich das Fenster und hielt ihn, auf der Hand sitzend, heraus. Er flog gleich los. Die Furcht, er könnte abstürzen, zerstreute sich, denn er flog in einem großen Bogen zu einem weit entfernten Gebüsch.

 

Ob er durchkommt ist fraglich, bei einer so großen Verletzung. Und eigentlich müsste der Faden noch gezogen werden. Ob er sich dazu in zwei Wochen oder so einfinden wird, ist allerdings nicht zu vermuten.

So war es halt das, was ging. Pflegen hätte man ihn nicht können, da er schon viel zu agil war. 

Zur Frage der Gefahr einer Sepsis meinte eine pflegekundige Nachbarin, der Faden würde bei nur vier Stichen vermutlich irgendwann einfach abfallen.

Das Erstaunliche war halt die durchaus wache Regungslosigkeit, die unmittelbar nachdem die Wunde zusammengezogen und geschlossen war, in einen unbändigen Freiheitsdrang mündete. So, als hätte der Vogel einen Schutzengel. Vielleicht der Schutzengel aller Finken, der ihm die Regungslosigkeit vermittelte, solange die Wunde offen war. Und der ihm, als sie geschlossen war, ein Bewusstsein vom Ende der Gefahr aufgehen ließ. Nun konnte es wieder losgehen.

 

Die Katze kam danach ins Haus, druckste ein wenig wie Falschgeld herum und verschwand dann wieder, um eine Woche fernzubleiben. Sie wusste, dass man nach der Aktion nicht gut auf sie zu sprechen war. Vielleicht müssen Katzen keine Vögel schlagen. Wenn sie Mäuse jagen ist das etwas anderes. Es hat seine Ordnung. Mit Vögeln ist es nicht so. Eine Katze, die auf einen Vogel lauert, ist wie ein Urbild der Sünde. 

Und Katzen wissen das. Ihr Ausdruck, wenn sie auf Mäuse lauern, ist ein anderer. Wenn etwa der Hauskater der Bäckerei Haidlmaier in Köln auf der Apostelnstrasse des Morgens vor die Tür der Backstube tritt, um den Tag zu begrüßen, hat das den Ausdruck rechtschaffender Zuständigkeit nach getaner nächtlicher Arbeit. Es scheint, als gehöre die Bäckerei ihm. Einen großen Garten hat er dort nicht, auf Vögel zu lauern hat er keine Gelegenheit. Aber täte er es, sähe es gewiss anders aus.

 

Die Katze hat sich dann wieder eingefunden, nach einer Weile. Ich hatte mich erinnert, wie sie einmal die Schrankwand hochgesprungen war, weil sie einem, vom Glas der Armbanduhr, gespiegelten Fleck Sonnenlicht nachjagte. Da begriff ich die Ausgeliefertheit und verzieh ihr. Mit ihrem katzeneigenen Sinn hat sie dann wohl gemerkt, dass ein anderer Wind wehte. Und von da an kam sie wieder.

Möglicherweise kommt der Vogel auch wieder.

 

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Die Frage, ob er durchkommt und von der Verletzung genesen wird, lässt sich anhand des Horoskops seines Abflugs erörtern.

 Vogel fliegt nach OP davon, 25.08.2021, 13:29 Uhr, Dürscheid

 

Der Herrscher des Sommer-Verbundes ist das Zeichen Krebs, das von Haus acht nach neun geht, damit ein Anliegen anzeigend, bei dem allgemein Leben erhalten und geschützt werden soll, Der Mond als Planet des Zeichens steht in Haus fünf im Widder, dort, wo es, bei Vorgabe dieses Anliegens, um ein unmittelbares einzelnes Leben geht. Der Mond ist durch Mars, Venus und Merkur aspektiert, was auf einen Riss im Gewebe hindeutet. Die Durchführung mit der Sonne aus Haus neun am MC fügt etwas  verbindlich zusammen, dabei wiederum mit Mars-Merkur in der Jungfrau in kalkulierter Weise ins Gewebe stechend, zusammennähend, als heilsamer Eingriff.

 

Der Mond steht in Opposition zur Venus in Haus elf, die den Uranus am Deszendenten im Zeichen Stier beherrscht, daher, mit Quadrat zum Saturn, das Bild des gefangenen Vogels anzeigend. Herrscher des Deszendenten ist die Venus in Haus elf im Parallelzeichen Waage

Indem Uranus über die Venus ins elfte Haus mitgenommen wird, kommt der gefangene Vogel zur Freiheit. Die Verbindung von Venus in Haus elf und Mond in Haus fünf zeigt an, dass das verletzte, bedrohte Leben wieder freikommt und fliegt.


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Vor Jahren hatte ich schon mal bei einem Vogel eine Bauchwunde genäht. Eine pensionierte Augenärztin aus den rumänischen Karpaten, die sich seit dem Tod ihres Mannes hin und wieder um verletzte Tiere kümmerte, hatte ihn danach in Pflege genommen..

Der Vogel, eine Taube, war am Straßenrand vor einem Park in Köln neben dem Weg zur Straßenbahnstation gelegen, als ich an einem naßkalten Novembertag vorbeiging. Sie lag auf dem Rücken und auf ihrem Bauch klaffte eine so große Wunde, dass man die Organe sehen konnte.

Zunächst hatte es den Anschein, als habe ein Tier sie gerissen, vielleicht eine große Ratte oder ein Marder. Aber vermutlich hatte sie sich diese Verletzung beim Landeanflug an einer dieser scharfzackigen Taubenabwehranlagen aus durchsichtigem Kunststoff zugezogen. Auch sie schaute einen, wie der Buchfink, mit ganz wachen Augen an. Sie schaut einen so klug an, sagte die Augenärztin später.

Es war ein Samstag im November und es regnete unentwegt So nahm ich sie mit nach Hause und platzierte sie zunächst auf dem Balkon der Stadtwohnung. Niemand war zu erreichen, auch die pensionierte Augenärztin nicht. 

Ein paar Stunden vergingen, die Taube lag noch immer völlig regungslos auf dem Rücken. Eine andere Stellung war gar nicht möglich. Am Bauch die klaffende Wunde mit den offenliegenden Organen.

Wenn weitere Zeit verstrich, würde sie sterben. Also nahm ich eine Nadel und einen grünen Baumwollfaden und fasste die Ränder des Risses und nähte sie zusammen. Die Taube blieb regungslos. Sie hatte, wegen des Wundschocks, offenbar keine Schmerzen, solange ich nicht weiter als zwei bis drei Millimeter von den Rändern entfernt die Nadel ansetzte. 

Einmal stach ich zu weit, da wurde sie unruhig und wollte sich entwinden. Nachdem ich neu ansetzte ging es. Die Verletzung der Taube war viel größer und tiefer als die des Buchfinks. Bei einer solchen Wunde gilt es den Faden mehrmals abzuschneiden, zu verknoten und neu zu beginnen, eigentlich ein Klammern, da sich die Haut des Vogels sonst zu sehr verziehen würde.

Auf der Suche nach einem möglichst geeigeneten Faden war mir ein glatter, grüner Baumwollfaden in die Hände gefallen. Ein glücklicher Fund. Fast schien es, als müsse der Faden grün sein, als sei dies dem Gelingen der Operation zuträglich.

Nachdem ich den Riss in der Bauchdecke zugezogen und vernäht hatte, legte ich den Vogel wieder auf den Rücken, gebettet in einen Pappkarton. Nun war die Wunde wenigstens geschlossen. Erst am Abend des folgenden Tages erreichte ich die pensionierte Augenärztin. Sie nahm den Vogel dann in Pflege. Am Montag ist sie mit ihm zur Tierärztin gegangen. Diese fand an der Versorgung der Wunde nichts auszusetzen. Da müsse man nichts weiter machen als es heilen lassen.

So nahm die pensionierte Augenärztin aus den Karpaten die Taube mit in ihre Wohnung, hoch über dem Kaiser-Wilhelm-Ring, und fütterte sie. Sie meinte, Sehnen und Muskeln seien bei einer so großen Verletzung geschädigt und deshalb müsse sie mit der Taube Reha-Übungen machen. 

Abends beim Fernsehen hat sie sie vor sich hin auf ihren Schoss gelegt und hat ihr sachte die Beine vor und zurück bewegt und genauso die Flügel. Zwei Wochen später ging sie mit ihr zum Tierarzt, um die Fäden ziehen zu lassen. Nach einer Weile machte die Taube dann die ersten Flugversuche. Sie quartierte sie schließlich im Badezimmer ein, wo sie hin und her fliegen konnte.

Es war November gewesen, als die Taube verletzt am Straßenrand gefunden worden war. Und als der April kam, ging ihre Pflegerin mit ihr hinaus auf den Friesenplatz zu den Bänken, wo die großen Straßenbäume stehen. Es war Frühling geworden in der Stadt. Sie setzte sich und öffnete die Schachtel, die in den vergangenen Monaten die Behausung der Taube gewesen war. Und diese flog auf, zur Krone des nächsten Baumes, wo auch die anderen Tauben saßen. Dort verharrte sie eine Weile, dann flog sie davon.

Und das hat mir die rumänische Augenärztin aus den Karpaten dann später erzählt.

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(C) Herbert Weiler , Sommer, 2021