E n t g e g n u n g   M a r t i n   B u b e r s   z u   C . G .   J u n g 

 

 

 

Martin Buber verwahrte sich gegen den Anspruch einer Psychologie, die die Begegnung des Menschen, mit dem Himmel als auch mit dem Mitmenschen wie letztlich mit der Welt, als psychologisches Phänomen meint erfassen zu können. Und sie damit als eine über psychische Befindlichkeiten hinausgehende Wirklichkeit negiert.

Von der Verseelung der Welt lautet der Titel eines Vortrags Martin Bubers, den er 1923 auf Einladung  des Psychologischen Klubs in Zürich hielt; dort formuliert er seine Kritik am Psychologismus.  

 

In einem Aufsatz in der Zeitschrift Merkur  von 1952 hatte sich Martin Buber in diesem Sinne zu den Schriften und Aussagen C.G. Jungs kritisch geäußert.

Zu Jungs Erwiderung in derselben Zeitschrift nahm Martin Buber erneut Stellung.

 

 

 

Dies ist die Replik Martin Bubers:       (hier die vorausgehende  Erwiderung C.G. Jungs >>)

 

MARTIN BUBER:  REPLIK AUF  EINE ENTGEGNUNG  C. G. JUNGS

 

Der Erwiderung C G. Jungs gegenüber genügt es, an der Hand seiner Argumentation mein Anliegen erneut klarzustellen.

Ich habe nicht, wie er meint, irgendwelche Bestandteile seines psychiatrischen Erfahrungsmaterials in Frage gezogen; das wäre gewiß unbefugt.

Ich habe ebensowenig an einer seiner psychologischen Thesen Kritik geübt; auch das ist nicht meine Sache.

Ich habe lediglich nachgewiesen, daß er über die religiösen Gegenstände Behauptungen formuliert, die den Bereich des Psychiatrischen und Psychologischen - entgegen seiner Versicherung, streng innerhalb seiner zu verbleiben - überschreiten.

 

Ob ich diesen Nachweis geführt habe, kann der gewissenhafte Leser durch Nachprüfung meiner Zitate in ihrem Kontext feststellen, was ich ihm durch sorgfältige Quellenangaben zu erleichtern bemüht gewesen bin. Jung bestreitet es. Welcher Methode er sich dabei bedient, sei an seiner Entgegnung erläutert.

Ich habe darauf hingewiesen, Jung bezeichne es als eine »Tatsache«, »daß die göttliche Wirkung dem eigenen Innern entspringt«, und er stelle diese Tatsache der »orthodoxen Auffassung« gegenüber, wonach Gott »für sich existiert«; er erklärt, Gott existiere nicht losgelöst vom menschlichen Subjekt. 

 

Die kontroverse Frage lautet somit:

»Ist Gott lediglich ein psychisches Phänomen oder existiert er auch unabhängig von der Psychik des Menschen? Jung antwortet: Gott existiert nicht für sich. 

 

Man kann die Frage auch so fassen; Entspringt das, was der Gläubige die göttliche Wirkung nennt, lediglich seinem eigenen Innern oder kann darin auch die eines überpsychischen Seins befaßt sein? 

Jung antwortet: Es entspringt dem eigenen Innern. 

 

Dazu habe ich vermerkt, das seien nicht legitime Aussagen eines Psychologen, dem es als solchem nicht zustehe zu deklarieren, was jenseits des Psychischen bestehe und was nicht, oder inwiefern es anderswoher kommende Wirkungen gebe. 

Nun aber erwidert Jung: Ich habe ja nur über das Unbewußte geurteilt! Und: »Ich sage doch ausdrücklich, daß alles, schlechthin alles [von mir hervorgehoben], was von Gott ausgesagt wird, menschliche Aussage, das heißt psychisch sei.« Was er freilich, merkwürdigerweise, dann wieder so einschränkt, er sei der Ansicht, »daß alle Aussagen über Gott aus der Seele in erster Linie [von mir hervorgehoben] hervorgehen.«

 

Man halte zunächst den ersten dieser Sätze mit den von mir angeführten Thesen Jungs zusammen.

Über eine der Mächte des Unbewußten mit Nachdruck zu erklären, ihre Wirkung entspringe dem eigenen Innern, oder sie existiere nicht losgelöst vom menschlichen Subjekt, wäre, nachdem einmal die Terminologie des  »Unbewußten« festgesetzt worden ist, eine sinnwidrige Tautologie; denn es würde nichts anderes bedeuten als: der als das Unbewußte bezeichnete psychische Bereich ist psychisch. 

 

Einen Sinn bekommen die Thesen erst dadurch, daß sie, mit ihrem Nein, über die Sphäre der Mächte des Unbewußten und die psychische Sphäre überhaupt hinauslangen.  Daß sie diesen Sinn hätten, stellt Jung nun freilich in Abrede. Und er beruft sich darauf, alle Aussagen über Gott seien »menschliche Aussagen, das heißt psychisch«. Dieser Satz verdient eine genauere Betrachtung. 

 

Ich sehe gewiß keine Möglichkeit, eine Diskussion anders als auf dem Boden dieser Voraussetzung zu führen.

Nicht bloß die Aussagen über Gott, sonderen alle Aussagen überhaupt sind »menschlich«. Aber ist denn damit irgend etwas, Positives oder Negatives, über ihren Wahrheitsgehalt konstatiert?

 

Die Unterscheidung, um die es hier geht, ist doch nicht  die  zwischen  psychischen  und nichtpsychischen Aussagen, sondern zwischen psychischen Aussagen, denen eine außerpsychische Wirklichkeit entspricht, und psychischen Aussagen, denen keine entspricht. 

Solche Unterscheidung zu vollziehen ist die psychologische Wissenschaft aber nicht befugt; sie überhebt, sie verhebt sich, wenn sie es tut. Was der psychologischen Wissenschaft hier zusteht, ist ausschließlich eine motivierte Zurückhaltung. 

 

Jung übt sie nicht, wenn er erklärt, Gott könne nicht losgelöst vom Menschen existieren. Denn, noch einmal: ist das eine Aussage über einen Archetypus, Gott genannt, so bedarf es doch wohl der emphatischen Versicherung nicht, er sei ein psychischer Faktor (was könnte er denn sonst sein?); ist es aber eine Aussage über ein diesem psychischen Faktor irgend entsprechendes überpsychisches Sein - nämlich die Aussage, es gebe ein solches Sein nicht so waltet hier statt der gebotenen Zurückhaltung eine unerlaubte Überschreitung der Grenzen.

Wir wollen doch endlich einmal aus dieser geistvollen Zweideutigkeit herauskommen!

 

Nun aber macht mich Jung darauf aufmerksam, die Menschen hätten von Gott doch nur viele und verschiedene Bilder, die sie selber machen. Das meine ich schon gewußt und auch mehrfach ausgesprochen und erläutert zu haben.  Aber das Wesentliche bleibt, daß es eben Bilder sind. 

Kein Glaubender wähnt,  eine  Photographie  oder  ein  magisches Spiegelbild Gottes zu besitzen; jeder weiß: ich habe, wir haben das gemalt.

 

Aber eben als Bild, als Bildnis; das heißt, in der Glaubensintention auf den Bildlosen, den die Bilder  »darstellen«, das heißt meinen.

Diese Glaubensintention auf ein Seiendes, auf einen Seienden, ist den aus mannigfacher Erfahrung glaubenden Menschen gemeinsam, und wenn sonst nichts ihnen gemeinsam wäre. Gewiß, »das moderne Bewußtsein«, mit dem Jung sich an unmißverständlichen Stellen seiner Schriften identifiziert hat, »perhorresziert« den Glauben. Aber die Ergebnisse dieses Perhorreszierens in Aussagen einzuführen, die als streng psychologische auftreten, geht nicht an. 

Weder die psychologische noch sonst eine Wissenschaft ist zuständig, den Wahrheitsgehalt des Gottesglaubens zu untersuchen. Es steht ihren Vertretern zu, ihm fernzubleiben; es steht ihnen nicht zu, innerhalb ihrer Disziplin über ihn zu urteilen als über etwas, das sie kennen. Die es tun, kennen ihn nicht.

 

Die Seelenlehre, die die Geheimnisse behandelt, ohne die Glaubenshaltung zum Geheimnis zu kennen, ist die moderne Erscheinungsform der Gnosis. Die Gnosis ist nicht als eine nur-historische, sondern als eine allmenschliche Kategorie zu verstehen. 

Sie - und nicht ein Atheismus, der, weil er Gottes bisherige Bilder verwerfen muß, ihn annihiliert - ist der eigentliche Widerpart der Glaubenswirklichkeit.  Ihre moderne Erscheinungsform geht mich nicht bloß ihres massiven Anspruchs wegen spezifisch an, sondern insbesondere auch der von ihr als Psychotherapie gelehrten Wiederaufnahme des karpokratianischen Motivs wegen, die Instinkte mystisch zu vergotten, statt sie im Glauben zu heiligen. 

 

Daß C. G. Jung in diesem Zusammenhang zu sehen ist, habe ich aus seinen Äußerungen belegt und kann es noch weit reichlicher tun. Sein »Abraxas«-Opusculum - das jeder unbefangene Leser nicht für ein Gedicht, sondern für ein Bekenntnis halten wird - habe ich mit herangezogen, weil hier noch in aller Deutlichkeit der ambivalente, Gut und Böse in sich ausbalancierende gnostische »Gott« verkündet wird. 

Ich gestehe, daß ich dieses binitarische Bild dem einer Quaternität, in der der Platz des Vierten entweder dem Satan oder der Madonna oder einem noch undeterminierten X zugedacht ist, ästhetisch weitaus vorziehe.

Nun aber - »Ketzergericht«?! Nichts ist mir widerwärtiger, nichts weniger meines Amtes. (Mein Gegner ahnt offenbar nicht, daß ich selber von einer Orthodoxie als Ketzer verschrien bin.) Nein, nichts Gerichtsähnliches, aber eine Kennzeichnung. Und es wird sich weisen, daß es die richtige war.

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(Erstveröffentlichung von Bubers Replik in MERKUR, VI/5, Mai 1952, S. 474-476, in Anschluß an Jungs Beitrag.)

 hier entnommen aus: Gottesfinsternis, Martin Buber, Verlag Lambert Schneider 1994, S. 135 - 147:

                                                                                 

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Martin Buber wurde am 8. Februar 1879 in Wien geboren,   

C.G. Jung am 26. Juli 1875 in Kesswil am Bodensee.

Ähnlich wie im Falle des Disputs zwischen Martin Buber und Theodor Herzl, in dem zwei unterschiedliche Gesellschaftsauffassungen, entsprechend den Tierkreiszeichen Wassermann und Stier, zum Ausdruck kommen, 

steht in der  Argumentation zwischen Buber und Jung die  Polarität, die Wirklichkeit des Ich und Du , die der Phase des Wassermanns entspricht,   

gegen die Neigung  einer  seelischen Vereinnahmung der Anderheit und  letzthin des Himmels. 

Es ist der Versuch, den Mythos zu psychologisieren -  zu entwirklichen und für das Kollektiv konsumierbar zu machen.

Martin Buber weist in seiner Replik die geistvolle Zweideutigkeit dieser Rhetorik noch einmal explizit nach und legt sie in ihrer Anmaßung bloß.

Nicht ohne Grund gilt C.G. Jung als Wegbereiter der zeitgenössischen Esoterik. 

 

 

 

 

(C) Herbert Antonius Weiler , 2015