aus Astrologiezeitung für die Münchner Rhythmenlehre, Nr. 10, 1989, herausgegeben von Verena Franke

 

 

 

K E N N E N  /  K Ö N N E N

 

 

Wenn wir sagen, daß sich das Wetter ändern kann, so weisen wir damit auf die Möglichkeit hin, daß eine Änderung des Wetters in Erscheinung tritt. Möglichkeit kommt von mögen. Mit dem Wort "kann" drückt sich hier das Mögende als Möglichkeit zu einem Geschehen aus, zu einer Gestalt, sofern sie erkannt wird.

Sagen wir nun, daß jemand etwas kann, im Sinne einer Fähigkeit, so bedeutet dies, daß die Möglichkeit zur Gestalt in ihm liegt, sein Vermögen. Dies ist das Können.

 

Es ist die Fähigkeit, Gestalten zu zeugen oder zu gebären. Deshalb ergibt sich die Verwandtschaft zu den Worten Kunst und Kind. Sie be­ziehen sich auf eine hervorgebrachte  Gestalt.

 

Weil das, was Gestalt wird, sich nur durch den einstellen kann, der ihm dies nicht durch die Zwecke seiner Person verwehrt, beinhaltet das Können die Frei­heit von den Zwecken.

Es geht so die Verwandtschaft auf zu dem Wort "König". Es benennt einen, der nicht im Dienst der Zwecke steht.

 

Das Hervortreten aus der Befangenheit der Zwecke aber ist das Erkennen der Gestalt. Es ist damit die Fähigkeit zur Begegnung.

Das Erkennen ist deshalb in der Geschichte vom Baum der Erkenntnis verbun­den mit der Trennung von Subjekt und Objekt.

Adam und Eva aßen trotz des Verbotes von der Frucht des Baumes, weil Ihnen die Schlange gesagt hatte, sie würden dann sein wie Gott.  Sein wollen wie Gott heißt aber, in der eigenen Person ausschließlich werden. 

Romano Guardini weist daraufhin, dass bereits das Sprechen über Gott den Sündenfall bedeutete, indem dem der Mensch aus dem Zwiegespräch, aus dem Du-Verhältnis mit Gott,  heraustritt und ihn zum Sachthema macht. Darin ist bereits der Verrat und die Manie enthalten.

Es kann sich damit die Trennung von Subjekt und Objekt nur noch als Schicksal vollziehen.

 

Das Erkennen ist in diesem Sinne, da es ein Ansichtigwerden des Anderen ist, ein Erkeinen. Es stellt die Ausschließlichkeit der eigenen Person wieder in Frage. Hierin liegt auch der Sinn des Wunderns und der Wunde. Beides bedeutet eine Öffnung.

 

Liegt im Kennen nun die Trennung von Subjekt und Objekt, so bezieht es sich entsprechend einer Teilung in Oben und Unten auf die Horizontale. Das Können  setzt die Trennung voraus und bezieht Subjekt und Objekt aufein­ander. Im Sinne der vier Quadranten entspricht es so der Vertikalen.

In einigen Sprachen ist das dem Erkennen entsprechende Wort und das, welches die geschlechtliche Begegnung nennt, ein und dasselbe. Eine ähnliche Bewandtnis hat es im Deutschen mit dem Wort "Zeugen".

 

Das Zeugen ist so das Zeugen von der Kunde; das Erkennen ein Erkennen der Kunde.

Das Erkennen gleicht der Bewegung, die von unten her aus der Jungfrau heraus den Deszendenten überschreitet, während das Zeugen der entgegenkommen­den Bewegung, die von der Waage zur Jungfrau geht, entspricht.

 

Befragt man über diese Zusammenhänge ein Herkunftswörterbuch, so erfährt man, daß alle diese Worte einer Sippe zugeordnet werden, die über das lateinische "Gen" auf die geschlossene indogermanische Wurzel "djeno" zurückgeführt wird. Diese soll für Zeugen oder Gebären gestanden haben, und wiederum auf "djenu", was Knie bedeutet, zurückgehen.

Dies weil, so wird gemutmaßt, die Frauen im Knien gebaren und die Väter das Kind dadurch anzuerkennen pflegten, daß sie es auf ihr Knie setzten.

 

Dies ist ein Sprachphämomenismus, von der Annahme ausgehend, daß die Worte letztlich ent­standen seien aus der sozialen Notwendigkeit eines Übereinkommens, die Dinge zu bezeichnen, der  letzthin das Phänomen mit dem Phänomen zu erklären versucht.

Es stellt sich aber die Frage, vorausgesetzt, man will einer solchen Begründung nicht folgen, was das Knie in diesem Zusammenhang zu bedeuten hat.

 

In seiner Schrift "Über die Seele" erwähnt Aristoteles die Ansichten seiner Vor­gänger. Dabei wird das Beseelte vom Unbeseelten durch die Kinesis, welches mit Bewegung übersetzt wird, unterschieden.

Die Seele gilt als bewegend, aber auch als bewegt Sie ist ein Bewegendes Bewegtes - to kinoün kinoumönon ti.

Das Organ, über das sich die Bewegung mitteilt, ist das Knie. Eine Lautfolge, die in unserer Sprache der Kinesis näher steht, als der Name des Knies bei den Griechen: Gony.

Das, was sich durch das Knie bewegt, sind die Gliedmaßen. Ihr griechischer Name lautete Arthron. Das Verhältnis von Knie und Gliedmaßen dürfte  dem Verhältnis entsprechen, welches das germanische Wort "Kunst" und das romanische Wort "Art" zueinander haben.

Art ist mit Kunst nicht gleichzuset­zen. Die Begriffe sind nicht identisch, sie verhalten sich zueinander.

 

Dies zeigt, daß Übersetzung nicht möglich ist.

Zwar sprechen wir im Zusammenhang mit der Seele auch von bewegt, jedoch ist die Bewegung etwas anderes, als die Kinesis. Dem, was die Kinesis benennt, liegen im Deutschen die  Worte Können und Kennen am nächsten. Im Sinne des to kinoun kinoumenon ti ist die Seele dann ein Gekonntes Könnendes und ein Erkanntes Erkennendes.

 

Die Seele ist ihrerseits nicht dasselbe wie die Psyche, an deren Stelle sie meist genannt wird, denn letztere hat auch die Bedeutung von Atem oder Hauch während die Seele im Sinne des Empfangenden verwandt ist mit der Schale (W.Döbereiner) und auch mit der Sohle, insbesondere mit der Talsohle. Sinnfällig ist auch ihre Verbindung zur See, da sie, wie das Salz, aus dem Wasser kommt

Dies rührt an das Wort Schicksal, vor, welches wohl so heißt, weil man sich drin schicken soll.

 

Worte können nicht gemacht werden: sie können nur gefunden werden, - als die Lautform des Sinns, den sie enthalten.

 

(C) Herbert Weiler, 1989