Die Gegenwart der Dinge

 

Ist ein Stuhl bestimmt durch seinen Zweck oder ist er bestimmt durch etwas anderes, ihm Eigenes?
Der Unterschied liegt darin, ob wir sagen, der Stuhl sei ein Zweck oder ob wir sagen, der Stuhl diene einem Zweck.
Neigen wir dazu, den Stuhl als Zweck zu sehen, so erkennen wir ihn letzthin nicht an als etwas, welches ein anderes, uns gegenüber ist, sondern wir nehmen ihn nur wahr als Sättigung unseres Bedürfnisses zu sitzen,  als  Nutzen für  unsere Belange.

 

Letzthin negieren wir darin seine Existenz als Gegenstand. 

Und letzthin können wir in der Konsequenz uns selber dann auch nur als eine Mechanik von Zwecken begreifen, als Zweck von Zwecken, die von Zwecken bestimmt sind, wie im Ouroboros des naturwissenschaftlichen Denkens angelegt.

 

Wenn wir nun sagen, der Stuhl diene uns zum Zweck, so sagen wir, dass der Stuhl ein Eigenes ist, welches uns entgegenkommenderweise zum Zweck dient.

Er ist uns ein Gegenüber, wir erkennen in ihm etwas, das lebt, das zur Gestalt kommen will.

Schopenhauer sagte: Der Stier stößt nicht, weil er Hörner hat, sondern er hat Hörner, weil er stoßen will.
Was ist es, was die Dinge wollen, was ihr Wesen ausmacht?
Zu den Dingen in Beziehung treten, ihr Wesen erkennen, heißt, ihnen Namen zu geben.
Im Universalienstreit war dies das Argument des Abelard; er stellte  heraus, dass der Name der Rose, nämlich die Beziehung zum Eigenen der Rose, zu ihrem Wesen, auch dann noch gegeben sei, wenn keine Rose mehr da sei.

Was aber ist das Eigene des Stuhls über seinen Zweck hinaus?
Wie finden wir das Eigene oder Eigentliche des Stuhls anwesend im einzelnen Stuhl?
Die Erkenntnis dieses Eigentlichen angesichts des Stuhls ist die Erkenntnis seiner Identität: Der Stuhl ist uns deshalb ein Stuhl, weil wir in ihm das Wesentliche eines Stuhls erkennen. Eine Eigenschaft dieses Wesens ist, dass es auch in allen anderen Stühlen erkennbar ist. Daher der Begriff der Unversalie in der Scholastik.

 

Nun sagen einige, das Wesen eines Stuhls gebe es gar nicht, weil dasjenige, was allen Stühlen gemeinsam sei, doch nur in der Wahrnehmung des Menschen bestehe.

Der Stuhl, so die Meinung, wisse nichts davon, dass er etwas Wesentliches mit allen anderen Stühlen gemeinsam habe. Geschweige denn, dass ihm ein Wesen innewohne, welches das Wesen des Stuhls zu nennen wäre.

Einen Witz hat der Stuhl dann nicht.

 

Ohnehin bleibt dabei ungeklärt, wie der Mensch zu der Erkenntnis einer Gemeinsamkeit aller Stühle kommen kann, auch wenn sie nur bei ihm liegt, also nominalistisch ist.

 

Aber woher will einer wissen, was die Stühle wissen oder nicht wissen?

 

Dschuang Tse stand auf einer Brücke als Hui Tse dazustieß.
Siehst du wie die Elritzen springen, sagte Dschuang Tse, das ist die
Freude der Fische.

Sagt Hui Tse: Du bist kein Fisch. Wie kannst du die Freude der Fische erkennen?

Sagt Dschuang Tse: Du bist nicht ich. Wie kannst du erkennen, dass ich nicht die Freude der Fische erkenne.

Sagt Hui Tse: Stimmt, Ich bin nicht du und kann deine Erkenntnis nicht erkennen. Aber das erkenne ich; dass du kein Fisch bist. Und daher kannst du nicht die Freude der Fische erkennen.

Sagt Dschuang Tse: In deiner ersten Rede gingst du schon davon aus zu wissen, was ich erkennen kann - und räumtest mithin ein, dass ich auch die Freude der Fische erkennen könne.
Gleichwohl. Ich weiß es aus meiner eigenen Freude über dem Wasser.

Das ist die Gegenwart der Dinge.

 

 

 

(c) herbert antonius weiler 2013

 

                                                           

 

 

 

 

 

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Ein Löffel, ein Messer, ein Stuhl, ein Tisch - sie können Skulpturen sein.

Und sie können dienen als Löffel, Messer, Stuhl und Tisch.

Und doch Skulpturen.

Sie können zur Gestalt kommen.

Das ist die Gegenbewegung zur Kunst als Sockelbegriff, zur Kunst als Kunst.

Sie kann in den Dingen sein, mit denen wir umgehen und die uns freundlicherweise dienen.  

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