Der Falke gegenüber

 

 

aus einer Email-Korrespondenz                                                                                                                                                                      11.02.2011, 18:16 

 

Gestern klopfte Frau Bunge, die unter meinem Atelier wohnt, an die Tür. - Das Biest ist wieder da, rief sie,  - der sitzt da stundenlang und geht nicht weg. Klatschen und Rufen machen dem gar nichts aus. Alle anderen Vögel bleiben weg.- 

Zunächst wusste ich nicht, wovon sie sprach. Dann aber zeigte sie zum Fenster hinaus, auf den großen Baum, der auf der Wiese hinter dem Hause steht. Dort saß der  Falke, der sich seit einigen Tagen im Geäst des Baumes niederlässt. -Wie der da sitzt. Ungerührt, stundenlang ,- empörte sich Frau Bunge,  -können Sie den nicht verjagen? Auf mich hört der nicht .-  -Warum wollen Sie ihn denn verjagen?,- fragte ich. -Sie sehen das ja nicht, wenn wieder mal blutige Federn und Knochenreste da unten auf der Wiese liegen, wenn er wieder einen Vogel getötet hat.-  -Vielleicht reißt der nur Tauben? Davon gibt's eh zu viele.-  -Nee, der reißt doch nicht nur Tauben. Es trauen sich überhaupt keine Singvögel mehr her. Der soll abhauen. Der kann zum Zoo fliegen und sich dort niederlassen. Gibt es nichts, womit man den verjagen kann? - 

 

Mir kam die Gummischleuder in den Sinn, die Zwille, die ich vor einiger Zeit, in einer Art Wettstreit mit Rudi, einem Metallbildhauer aus dem Agnesviertel, gebaut hatte. Ein laut Waffengesetz verbotenes Gerät, weil es mit einer Armstütze ausgestattet war und die Zwille so mit wesentlich stärkerem Zug betrieben werden konnte. Die Skrupel, sie zu benutzen, um den armen Falken zu vertreiben, traten gegenüber der Lust, sie einzusetzen, in den Hintergrund. Ich holte sie hervor.

 

-Wenn der dann aber tot vom Ast fällt und da unten rumliegt?- machte sich Frau Bunge nun Gedanken. Ich versicherte ihr, dass man mit der Zwille einen Falken nicht so leicht töten könnte. Er solle ja nur vertrieben werden. Dann legte ich eine Munition zurecht und begann auf die Zweige in der Nähe des Falken zu schießen. Jedoch hatte ich mich auf dem Gerät noch gar nicht eingeübt. Etwa ein dutzendmal ging das Geschoss weit rechts und links des großen Vogels ins Geäst. Der merkte gar nichts davon.  -Der bleibt völlig unbeeindruckt-  rief Frau Bunge  -was für ein dreistes Vieh.- 

 

Einmal traf ich just den Ast, auf dem er saß. Das irritierte ihn ein wenig. -Jetzt hat er was mitbekommen,- frohlockte Frau Bunge, -nochmal, dann fliegt er weg.-  Aber der Falke zeigte sich ungerührt vom weiteren Geraschel in den Zweigen. Frau Bunge gewann den Eindruck, dass ich nichts würde ausrichten können, und ging wieder, nochmals den Wunsch kundtuend, der Falke möge sich zum nicht weit gelegenen Zoo begeben.

Ich veränderte meine Haltung mit der Schleuder und traf jetzt dichter um den Vogel als zuvor.  Der  reckte den Hals und schaute sich um und unter sich, was das wohl sei, was da in den Zweigen sirrt und schnipst. Aber wegzufliegen kam ihm nicht in den Sinn.

Da ich ohnehin, nachdem Frau Bunge gegangen war, nur deshalb weiter geschossen hatte, weil ich, einmal damit begonnen, einen Erfolg hatte haben wollen, gab ich es auf.

Denn wie der Vogel so da sitzt, da sehe ich endlich ein, was ich von vorneherein wusste, nämlich, dass er mein Freund ist.

 

Später kreuzten einige von jenen wildlebenden, grünen Papageien auf, die in Köln ihr lärmendes Unwesen treiben. Und die haben ihn, wie es schien, verjagt. Jedenfalls bewirkten sie, dass er wegflog. Vermutlich ging ihm das Gekreische auf die Nerven.

Vielleicht kommt er heute wieder.

 

 

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Der Falke gegenüber. Das Thema des Raubvogels - Mars und Sonne in Konjunktion am Deszendenten im Wassermann.

11.02.2011 um 18:16 Uhr, Köln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(C) Herbert Weiler, 2011